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Autos stehen im Stau

Forscher: Eigenes Verhalten erzeugt Stau

Dass es Weihnachten wird, merkt man - alle Jahre wieder - auch auf den Straßen. Denn egal, ob am Weg zum Einkaufszentrum oder in den Urlaub: Es staut sich. Ein deutscher Forscher sagt nun: Schuld am Stau sind wir selbst.

Physik 18.12.2015

10 bis 20 Prozent vermeidbar

280.000 Stunden stehen die Deutschen jedes Jahr im Stau, auf einer Gesamtlänge von mehr als 950.000 Kilometern. Und auch in Österreich gibt es beeindruckende Zahlen zu Staus: Laut ÖAMTC kosten sie hierzulande jedes Jahr etwa fünf Milliarden Euro. 90 Prozent dieser Kosten fallen durch verlorene Zeit an.

Viele dieser Staus könnten aber verhindert werden, sagt der Physiker Michael Schreckenberg an der Universität Duisburg-Essen: "Ich gehe von 10 bis 20 Prozent aus, die man allein durch die Optimierung des Verhaltens der einzelnen Fahrer vermeiden könnte."

Stauwelle durch Einzelne

Ö1 Sendungshinweis:

Über menschliches Verhalten bei Stau berichtete auch das Mittagsjournal am 18. Dezember 2015.

Etliche Fahrer sind zu forsch unterwegs oder auch zu vorsichtig und verursachen dadurch im schon zäh fließenden Verkehr einen Stau.

"Wenn da einer stehen bleibt und dadurch andere auch zum Stehenbleiben zwingt, entsteht eine Stauwelle, die mit zirka 15 km/h nach hinten aus diesem zäh fließenden Bereich wegfließt und sich eine halbe bis ganze Stunde erhalten kann", sagt der Physiker.

Stau aus dem Nichts

Michael Schreckenberg nennt das auch einen "Stau aus dem Nichts" oder "Phantomstau" und sieht Parallelen zur Physik: "Der Verkehr auf der Straße ist so etwas wie eine eindimensionale Diffusion. Das heißt: Ein Teilchen stört den ganzen Rest hinter sich. Es ist im Verkehr wirklich so, dass einzelne Fahrer, die man mit dem Hubschrauber identifizieren könnte, Stauwellen auslösen."

Inversionseffekt und Spurwechsel

Dazu kommen noch einige menschliche Eigenheiten im Auto-Verkehr. Es gebe nämlich den Inversionseffekt, so Schreckenberg: "Wenn der Verkehr etwas dichter wird auf Autobahnen, wechseln die Autos hauptsächlich auf die linke Fahrbahn. Die Fahrer haben nämlich Angst, dass zwischen den LKW gefangen zu sein, wenn es wieder schneller vorwärts geht."

Ein weiteres Phänomen zeigt sich beim Kolonnenverkehr. Da haben viele Autofahrer das Gefühl, die andere Spur sei die schnellere. "Daher kommen die ständigen Spurwechsel, die nach hinten letztlich zu Staus führen".

Wären wir doch Ameisen…

Ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre ein vernünftiges und vorausschauendes Fahrverhalten. Tiere könnten da ein Vorbild sein, sagt der Physiker Michael Schreckenberg: "Tiere sind sehr effektiv in der Bewegung, allen voran die Ameisen, die fast keinen Stau kennen. Sie werden schneller, wenn 'der Verkehr' dichter wird, überholen nicht und sind sehr kooperativ."

Das fehle uns Menschen auf häufig: "Wir sind Egoisten, jeder will der schnellste sein." Deshalb muss der Verkehrsfluss gesteuert werden, so der Forscher. Versuchsweise geschehe das schon bei Autobahnauffahrten, die durch Ampeln gesteuert werden.

Redakteur: Andreas Jölli, ORF-Büro Berlin;
Mitarbeit: Beate Tomassovits, Elke Ziegler, Ö1

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