Standort: science.ORF.at / Meldung: "Zwischen Ulrike Meinhof und Dionysos "

Statue des griechischen Gotts Dionysos im British Museum in London

Zwischen Ulrike Meinhof und Dionysos

Karl Heinz Bohrer gilt als einer der führenden Literaturwissenschaftler der Gegenwart. Sein Hauptinteresse gilt der Ästhetik, die er als autonome Disziplin betrachtet. Wie er es mit dem schrecklich-ekstatischen Gott Dionysos hält, erklärt er im science.ORF.at-Interview – und auch, wie seine Bekanntschaft mit Ulrike Meinhof verlaufen ist.

Karl Heinz Bohrer 26.12.2015

Dionysos war einer der rätselhaftesten und faszinierendsten Götter der Antike. Der polymorphe Gott galt als ein Synonym für die Ekstase und den Rausch, in denen die eng gezogenen Grenzen der Rationalität aufgebrochen wurden. Diese Facetten des Dionysischen wurden bereits in der antiken Literatur seit dem 6. Jahrhundert vor Christus erwähnt.

Die eindrucksvollste Beschreibung des Dionysos und des Dionysischen findet sich in der Tragödie "Die Bakchen" des griechischen Dichters Euripides. Für Karl Heinz Bohrer war dies der Ausgangspunkt für sein kürzlich publiziertes Buch "Das Erscheinen des Dionysos". Science.ORF.at hat mit Bohrer darüber in Leipzig gesprochen, wo er Ende Oktober die 9. Poetikvorlesung und einen Vortrag am Deutschen Literaturinstitut gehalten hat.

In Ihrem Buch "Das Erscheinen des Dionysos" schreiben Sie, dass die wesentliche Eigenschaft des Gottes in seinem plötzlichen Auftreten, "in seinem Ereignischarakter" bestehe. Das unterscheide ihn von allen anderen griechischen Göttern. Könnten Sie diese These näher ausführen?

Karl Heinz Bohrer: In dem Buch geht es um den Erscheinungsmodus des Gottes Dionysos selbst. Er erscheint, ganz plötzlich, wie es das griechische Wort "epháne" ausdrückt. Wenn in traditionell geführten Diskussionen der Begriff Epiphanie auftauchte, setzte man ihn mit dem Definitionsmerkmal gleich, der auch den anderen griechischen Göttern zukommt. Diesen Begriff der Epiphanie habe ich in meinem Buch nicht intendiert. Gemeint war die spezifische Abweichung des Dionysos durch eine vage Erscheinungsform, die einen Unsicherheitsfaktor mit sich bringt – das Brisante, Gefährliche, Interessante, das sich im Exzess, in der Trunkenheit oder im Wahnsinn manifestiert; das alles wird durch das Wort Ereignis angezeigt.

Biografie

Der 1932 geborene Karl Heinz Bohrer war Schüler am humanistischen Gymnasium und Landschulheim Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald, wo durch Theateraufführungen seine große Leidenschaft für die antike griechische Kultur geweckt wurde. Er studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Geschichte und Philosophie und nahm eine Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache am Deutschen Zentrum in Stockholm auf. Von 1968 bis 1974 war Bohrer Literaturkritiker und verantwortlicher Redakteur des Literaturteils der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 1977/78 habilitierte er sich an der Universität Bielefeld mit einer Studie über die "Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk" und übernahm 1982 den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Bielefeld. Von 1984 bis 2011 fungierte er als Herausgeber der Kulturzeitschrift "Merkur". Seit 2003 lehrt Bohrer als Visiting Professor an der Stanford University; seinen Wohnsitz hat er in London.

Bücher von Karl Heinz Bohrer

Das Erscheinen des Dionysos, Suhrkamp Verlag
Der Abschied. Theorie der Trauer: Baudelaire, Goethe, Nietzsche, Baudelaire, Suhrkamp Verlag
Das absolute Präsens, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Band 1035
Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins, edition suhrkamp, Band 1058
Ästhetische Negativität, Hanser Verlag
Granatsplitter, Erzählung einer Jugend, Hanser Verlag
Selbstdenker und Systemdenker, Edition Akzente, Hanser Verlag
Ekstasen der Zeit, Edition Akzente, Hanser Verlag
Großer Stil, Edition Akzente, Hanser Verlag
Ist Kunst Illusion? Edition Akzente, Hanser Verlag

Links

Im ersten Teil Ihrer Studie beschreiben Sie das plötzliche Erscheinen des Dionysos in der Literatur der griechischen Antike - speziell in der Tragödie "Die Bakchen" des Dichters Euripides. Da erweist sich Dionysos als grausamer Gott, der seinen Widersacher Pentheus von seinen Adeptinnen zerreißen lässt. Wie deuten Sie diesen Racheakt des Dionysos?

Euripides schildert in der Tragödie das Verhalten des Gottes, der den thebanischen Herrscher Pentheus in grausamer Weise bestraft, weil er Dionysos, der sich als Bote und Anhänger des Gottes ausgibt, verhöhnt und in den Kerker werfen lässt. Ich würde sagen, dass die furchtbare Zerreißung des Pentheus durch die rasenden, dem Dionysos ergebenen Mänaden einen Bestrafungsakt darstellt, der mit den Details der mythologischen Überlieferung übereinstimmt.

Es gibt jedoch noch eine andere Bedeutung: nämlich das Faszinosum der Zerreißung, die den Charakter eines sakralen Akts annimmt, der eine überwältigende ästhetische Wirkung ausübt. Das Grauen der Zerreißung, die langsame Zerfetzung seines Körpers, ist der Ausdruck eines unfassbaren Ereignisses, das keine moralische oder psychologische Erklärung anbietet. Die mythologisch- referenzielle Darstellungsweise der Zerreißungsszene erfährt eine ästhetische Transformation, die die Imagination des Zuschauers in extremer Weise anregt.

Neben Euripides ist Friedrich Nietzsche ein Apologet des Dionysischen, das er in seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" entfaltete. Könnten Sie seine Rolle in der Kulturgeschichte des Dionysischen beschreiben?

Nietzsche ist die zentrale Gestalt, die Dionysos für immer zur Grundformel moderner Ästhetik gemacht hat. Wesentlich ist Nietzsches Nobilitierung des dionysischen Augenblicks. Dieser Augenblick, der uns unter der Zeitbedingung des Jetzt, der Plötzlichkeit überfällt, verändert unseren normalen Bewusstheitszustand; das principium individuationis wird zerbrochen; die normale Alltagssubjektivität wird aufgelöst und in ein intuitives Erfassen dessen transformiert, was man als den Schrecken des Dionysischen bezeichnet, der ja Nietzsche sehr stark beschäftigte.

Dieser Schrecken – der Abgrund der Existenz des Menschen, wird von Dionysos gesehen, während er bei Apollo – in einem Art Traumzustand aufgehoben – gerade nicht stattfindet. Das Erschrecken, die Plötzlichkeit und die Auflösung des konventionellen Subjektbegriffs – das sind die zentralen Bedingungen für die Wahrnehmung des Dionysischen. Mit Nietzsche erfolgte die Ablösung des Apollinischen durch das Dionysische.

In einem Gespräch formulierten Sie Ihr Credo: "Mein Interesse ist nicht historisch oder philosophisch, sondern ist ein ästhetisches Interesse". Ist diese Aussage weiter gültig?

Das ist eine generelle und umfassende Aussage – ein A priori meines Herangehens an Literatur überhaupt; sie erklärt sich vielleicht aus biografischen Gründen. Ich habe als Literaturkritiker angefangen und war nach meiner Promotion von der Literaturwissenschaft sehr enttäuscht; und zwar deswegen, weil sie nicht nach dem Kunstgehalt der Kunst fragte, sondern sich an realen Momenten – an historischen, soziologischen oder philosophischen Motiven orientierte.

Für mich erfolgt in der Literatur keine bloße Umsetzung der Realität, sondern die Eröffnung von Vorstellungsräumen durch bestimmte Szenen, die erdacht werden, die nicht direkt aus der Wirklichkeit kommen. Charles Baudelaire hat dies als das "Unendliche" bezeichnet. Damit ist nicht irgendeine Transzendenz gemeint, sondern das Perpetuum mobile der Assoziationsfähigkeit unserer Phantasie.

Sie haben es immer abgelehnt, Literatur nach moralischen Gesichtspunkten zu betrachten. Sie bevorzugten das Exzessive, Grenzüberschreitende, dasjenige, das Georges Bataille als Transgression bezeichnete. Persönlich hatten Sie auch Kontakt zu Menschen, die ebenfalls Grenzen überschritten haben. So waren Sie mit Ulrike Meinhof befreundet, die Sie bei Intellektuellen-Partys im Hause des Hamburger Lyrikers Peter Rühmkorf kennenlernten. Wie verliefen die Begegnungen mit ihr - in einer Zeit, in der sie noch nicht zur Protagonistin der RAF zählte?

Ulrike kannte ich seit Mitte der 60er Jahre, in denen ich an besagten Partys teilgenommen habe. Mich nervte damals das angeberische Verhalten der meisten Anwesenden und mir fiel eine junge Frau auf, die da nicht mitmachte und mit der ich ins Gespräch kam. Das war Ulrike Meinhof, die mich durch einige meiner Veröffentlichungen kannte.

Diese Gespräche konzentrierten sich auf die politische Ebene und waren protestantisch-religiös gefärbt, sodass ich, der sich ja nicht sozial engagierte, was damals ein unerhörter Skandal war, keinen Anlass sah, mit ihr in eine nähere Beziehung zu treten. Merkwürdigerweise trafen wir einander in den folgenden Jahren; ich habe sie oft gesehen und wir unterhielten uns über aktuelle politische Fragen. Vielleicht lag für Ulrike der Reiz darin, mich durch ausufernde Gespräche auf ihre Seite zu bringen. Einmal sagte sie: "Es wäre so schade, wenn du der Revolution verloren gehen würdest".

Ihre Gespräche mit Ulrike Meinhof führten später zu einem Eklat: Ihnen wurde vorgeworfen, ein Sympathisant der Baader-Meinhof-Gruppe zu sein. Wann haben Sie Ulrike Meinhof zuletzt getroffen?

Wenige Tage, bevor sich Ulrike überreden ließ, sich an der gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader zu beteiligen, hat sie mich in Frankfurt besucht. Sie war zu dieser Zeit sehr verzweifelt, sie ahnte noch nicht, was auf sie zukommen würde. Während unseres Gesprächs, das von sieben Uhr abends bis vier Uhr früh dauerte, rauchte sie unzählige Zigaretten.

Sie schien am Ende ihrer Kräfte und befand sich in einem Chaos der Verzweiflung. Sie sprach davon, dass das ewige Reden und Diskutieren aufhören müsse; es müsse endlich etwas getan werden angesichts dieses faschistischen Staates. Das war meine letzte Unterhaltung mit ihr, in der ich zwar mit einigen ihrer Analysen der Bundesrepublik Deutschland übereinstimmte, aber nicht wusste, worauf sie eigentlich hinaus wollte, und ich hatte den Eindruck, dass sie es auch nicht wusste.

Interview: Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

Mehr zu diesem Thema: