Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Fanmeile" für antike Superstars"

Gladiatoren beim Kampf: Schild gegen Dreizack

"Fanmeile" für antike Superstars

Gladiatoren waren die Popstars der Antike. In der römischen Stadt Carnuntum wurden vor jubelndem Publikum spektakuläre Kämpfe ausgetragen. Forscher haben dort nun eine "Fanmeile" entdeckt: Gefeiert wurde mit Essen, Trinken - und sogar mit richtigen Fanartikeln wie kleinen Gladiatorenfiguren.

Gladiatoren 22.12.2015

Vor rund 1.700 Jahren hatte die Stadt Carnuntum, die direkt am Zusammenfluss von Donau und March liegt, große strategische Bedeutung: Sie war das letzte Bollwerk gegen die Germanen, die Feinde aus dem Norden. Die Position Carnuntums am Limes, an der Nordlinie des Römischen Reiches, war wesentlich für die Sicherung der Grenzen.

Brot und Spiele

Immer wieder waren daher Truppen in der Stadt stationiert, die sich auf Feldzüge vorbereiteten oder in Carnuntum den Winter verbrachten. Um die Soldaten bei Laune zu halten, wurden regelmäßig Gladiatorenspiele veranstaltet. Die Legionäre sollten damit außerdem an römische Tugenden, wie Mut und Todesverachtung erinnert werden.

Sendungshinweise

Universum History Spezial sendet heute "Carnuntum - Stadt der Gladiatoren", 22.12., 21.05 Uhr, ORF 2

Über dieses Thema berichtete heute auch das Ö1-Morgenjournal, 22.12., 7.00 Uhr

Links

Gladiatoren beim Kampf in der Arena

ORF/Interspot

Die Kämpfe begeisterten die Massen

Die aufwändigen Spektakel, in denen sich junge Männer mit eisernem Willen und ausgefeilter Kampftechnik gegenseitig an den Kragen gingen, waren äußerst beliebt – nicht nur bei den Soldaten.

Neben dem riesigen Militärlager für die Legionen gab es einen Stadtteil für Zivilisten, in dem 60.000 Menschen lebten. Auch für sie waren die oft blutigen Kämpfe ein beliebtes Freizeitvergnügen - und die Gladiatoren ihre Helden.

Entdeckung mittels Bodenradar

Unter der Leitung des Archäologen Wolfgang Neubauer hat ein Team des Ludwig Boltzmann Instituts den Boden unter der römischen Ausgrabungsstätte mit den archäologischen Tools der Zukunft durchleuchtet. Mit geophysikalischen Instrumenten wie Magnetometer und Scanner tasten sie das Erdreich bis zu einer Tiefe von drei Metern ab.

Archäologe Wolfgang Neubauer am Ausgabungsort vor einem virtuellen Palus

ORF/Interspot

Wolfgang Neubauer am Ausgrabungsort - neben ihm: ein virtueller Holzpfahl, der für das Training genützt wurde

Ein eigens für die Forschungen in Carnuntum entwickelter Bodenradar kann außerdem eine Fläche von sechs Hektar in nur sieben Stunden messen und hochaufgelöste 3D-Datensätze liefern. Diese lassen nicht nur erkennen, wie Gebäude und Städte aufgebaut und organisiert waren, sondern machen auch die Infrastruktur, mit der sie ausgestattet waren, sichtbar.

Feiermeile auf dem Weg zur Arena

So zeigt die virtuelle Rekonstruktion des Areals rund um das Amphitheater, dass der Weg vom Stadtzentrum zur Arena keine bloße Straße war, sondern eine richtige Fanmeile. Fundamente von Garküchen lassen darauf schließen, dass die Besucher Essen und Trinken kaufen konnten.

Wie bei sportlichen Großveranstaltungen heute wurde also auch vor fast 2.000 Jahren in Carnuntum vor und nach den Gladiatorenkämpfen ausgiebig gefeiert. Die Bewunderer der mutigen Männer konnten sogar Fanartikel wie kleine Gladiatorenfiguren, erwerben.

"Gladiatoren waren sicher so etwas wie es die Superstars des Sports heute sind – sie waren umjubelt, sie waren Vorbilder und spielten eine wesentliche Rolle in der römischen Gesellschaft", weiß Wolfgang Neubauer.

Durch ihre strategisch wichtige Position war die Stadt eine Drehscheibe für Gladiatoren. 2011 wurde neben dem großen Amphitheater eine zweite, kleine Arena entdeckt: eine Trainingsarena mit dazugehöriger Gladiatorenschule - die viertgrößte des Römischen Reiches, wie sich im Zuge der Datenanalysen herausstellte.

Animation: Antike Gladiatorenschule

ORF/Interspot

So könnte die Gladiatorenschule von Carnuntum ausgesehen haben

Aus aller Herren Länder kamen bis vier Jahrhunderte nach Christus junge Männer nach Carnuntum, um sich zu Kämpfern ausbilden zu lassen. Im Zentrum der Trainingsarena stand der sogenannte Palus – ein Holzpfahl, an dem die angehenden Gladiatoren ihre Techniken ausprobieren und verfeinern konnten.

Manche von ihnen kamen freiwillig, andere sollten als Sklaven ihren Herren Geld einbringen. Ein erfolgreicher Kämpfer zu sein, war lukrativ - vor allem aber für den Lanista, den Betreiber der Schule. Er ließ die ehrgeizigen jungen Männer von Magistern, meist selbst Gladiatoren, ausbilden, beobachtete sie beim Training und reihte sie in der Gladiatoren-Hierarchie ein: so wurde der "Primus Palus" teurer an die Veranstalter der Spiele vermietet als der "Secundus Palus".

Bollwerk gegen die Germanen

Heute sind nur noch die zwei Arenen und ein Triumphbogen für das freie Auge sichtbar. Sie erzählen von der einstigen Bedeutung Carnuntums im Römischen Reich. Neubauers Daten jedoch erlauben eine neue Einschätzung der Gladiatorenstadt.

Animation: Carnuntum aus der Vogelperspektive

ORF/Interspot

Rekonstruktion von Carnuntum

Durch die Gesamtprospektion des riesigen Areals wurde offensichtlich, wie komplex die römische Siedlung organisiert war.

Das Stadtbild wurde immer wieder adaptiert, Stadtteile wurden abgerissen und neue gebaut – Veränderungen, die nur auf direkte Order aus Rom möglich waren, so Neubauer. Carnuntum war also nicht einfach eine kleine Stadt an der Peripherie, sondern eine wesentliche Bastion an der Grenze zu den germanischen Stämmen im Norden.

In zukünftigen Forschungen will sich der Archäologe dem Umfeld der Stadt widmen. Welche Agrarbetriebe die Stadt versorgten und wie die Interaktion mit dem Hinterland funktionierte, ist bisher noch kaum erforscht.

Caroline Haidacher, Josef Peter Glanz, Universum

Mehr zu diesem Thema: