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Alois Molling am Schreibtisch, der Vater des Bildhauers Klaudius Molling

Wie die Grenzen Österreich geprägt haben

Nach dem Ersten Weltkrieg sind die Grenzen des heutigen Österreichs gezogen worden. Sie bestimmten nicht nur den Anfang der Republik, sondern prägen ihre Geschichte bis heute. Wie Zugehörigkeit und Identität die Menschen in den Grenzregionen bewegen, zeigt eine neue Dokumentationsreihe, die ab heute im ORF zu sehen ist.

Zeitgeschichte 29.12.2015

Im ersten Teil von "Unser Österreich" geht es um Tirol (Universum History: 21.05 in ORF 2). Die Geschichte des Landes wird am Beispiel einer Familie aus Innsbruck, mit Wurzeln in Südtirol, erzählt.

Von der Großmacht zum Kleinstaat

Der Erste Weltkrieg führt zum Untergang von Monarchien, die jahrhundertelang die Geschichte Europas bestimmt hatten – auch zu jenem der Donaumonarchie. Aus einer Großmacht wird schlagartig ein Kleinstaat, an dessen Überlebensfähigkeit kaum jemand glauben will. Die Grenzziehungen, die 1919 im Vertrag von Saint-Germain vorgenommen werden, zerschneiden über Jahrhunderte gewachsene Kultur- und Wirtschaftsräume.

Die Mollings: Eine beispielhafte Familie, 1

In der ersten Folge der Serie "Tirol – geteilte Heimat" wird die Geschichte des Landes am Beispiel der Familie Molling erzählt: Der Urgroßvater Alois war als ehemaliger Offizier der k. u. k. Armee Mitglied der österreichisch-italienischen Grenzziehungskommission in den 1920er Jahren und engagierte sich bei der Heimwehr gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

Die Folgen sind gravierend sowohl für die materielle Existenz – die großen Industrien der Monarchie sind nun bei der Tschechoslowakei – als auch für die Identitätsfindung der Republik. Die Idee des "Anschlusses" an Deutschland hat in der Grenzziehung eine ihrer Hauptursachen.

Gerade in Tirol spielte das eine große Rolle. Tirol war bis 1918 über fünf Jahrhunderte Teil des Habsburgerreichs gewesen – als strategisch wichtige Alpenregion. Nach dem Ersten Weltkrieg war plötzlich der Süden mit seiner deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung Teil Italiens.

Um die Minderheitenrechte der Südtiroler zu sichern, setzten viele Tiroler auf Deutschland als Schutzmacht – schon 1921 stimmte bei einer Abstimmung in Innsbruck die Mehrheit für einen "Anschluss" an Deutschland.

Grenzziehung am Brenner: Alois Molling bei der Arbeit als Mitglied einer österreichisch-italienischen Grenzkommission, die die Bestimmungen von St. Germain umsetzen musste

ORF/Interspot Film/Sammlung Familie Molling

Grenzziehung am Brenner: Alois Molling bei der Arbeit als Mitglied einer österreichisch-italienischen Grenzkommission, die die Bestimmungen von Saint-Germain umsetzen musste

Österreich-Patriotismus gegen "Anschluss"

Das Beispiel Tirol zeigt: Die Geschichte der Ersten Republik ist ein Ringen zwischen jenen Kräften, die an ein eigenständiges Österreich glauben, und jenen, die ihre Zukunft in einem "Anschluss" an Deutschland sehen.

Die Mollings: Eine beispielhafte Familie, 2
Die Großmutter Herlinde Molling – und ihr Mann Klaudius – unterstützte seit den späten 1950er Jahren den "Befreiungsausschuss Südtirol" bei Sprengstoffanschlägen. Sie schmuggelte Sprengstoff über die Brennergrenze – schwanger mit ihrer Tochter Dominika. Diese, mittlerweile selbst Mütter von zwei Söhnen, hadert bis heute mit den Aktivitäten der Eltern. Für sie und ihre Schwester wurde die permanente Sorge, ob die Mutter von ihren Schmuggeltouren zurückkommen würde, zum Trauma.
Für die junge Generation der heute 20-jährigen Sven und Eric, die in einem Europa ohne Grenzbalken aufgewachsen ist, stellt sich die Frage, ob hinter dem Brenner ein anderer Staat beginnt, gar nicht. Sich frei zu bewegen und seine Meinung frei zu sagen, ist in ihrer Welt selbstverständlich.

Um die Eigenständigkeit Österreichs zu sichern, setzten die Kanzler des austrofaschistischen Ständestaats, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, deshalb einerseits auf einen Patriotismus, der die Österreicher als die besseren Deutschen sieht, und andererseits auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern und deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien.

Ein Paradoxon, wie der Historiker Manfried Rauchensteiner erklärt: "Schon für die Habsburger-Monarchie war Italien so etwas wie der liebste Erbfeind. Als sich Italien 1915 auf die Seite der Entente schlug und Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, wurde ihm der Erwerb großer Gebiete, darunter Südtirol und das Kanaltal, versprochen. Nichtsdestoweniger entwickelte sich Italien nach dem Krieg zu einer Art Schutzmacht Österreichs. Es zeigte schon während des Kärntner Abwehrkampfs die Bereitschaft, zugunsten Österreichs militärisch zu intervenieren. Auch später verbesserte sich das Verhältnis laufend und mündete in der Zeit des italienischen Faschismus in der Bildung der Achse Rom–Wien–Budapest. Die Frage Südtirol blieb ausgeklammert. Das konnte man vor allem in Tirol nicht verstehen."

Die Schauspielerin Julia Rosa Stöckl verkörpert die schwangere Südtirolaktivistin Herlinde Molling.

ORF/Interspot Film/Bernhard Freinademetz

Die Schauspielerin Julia Rosa Stöckl verkörpert die schwangere Südtirol-Aktivistin Herlinde Molling

Die Südtirol-Frage zeigt beispielhaft, wie die Interessen des Bundes und der Länder oft diametral auseinandergehen. Die junge Republik Österreich braucht Allianzen, um sich als souveräner Staat zu behaupten, aber auch um wirtschaftlich überleben zu können.

Wirtschaftspakt aus der Not

Die neu gegründete Tschechoslowakei verfügt mit Südböhmen und Südmähren über die gut entwickelten einstigen k. u. k. Industrieregionen. Bei Österreich bleibt das nördliche Waldviertel, abgetrennt sogar von der Bahnlinie, die auf tschechischem Gebiet verläuft. Wirtschaftlich ein schwerer Schlag für die Region.

"Da die Tschechoslowakei mit ihrer Forderung nach Abtrennung des deutschsprachigen Südböhmen und Südmährens bei den Alliierten durchdrang, war das Verhältnis zu Österreich stark belastet", bilanziert Rauchensteiner.

"Doch Österreich brauchte die Tschechen, da nur sie Nahrungsmittel und Kohle liefern konnten. Man tauschte also Land gegen Nahrung. Die Tschechen waren auch an keiner Föderation mit Österreich interessiert, wie sie Karl Renner kurze Zeit vorschwebte. Das Verhältnis wurde in der Folge zwar besser, blieb aber störungsanfällig. 1936 wurden in Österreich Pläne entwickelt, zusammen mit Nazi-Deutschland in die Tschechoslowakei einzumarschieren und ihr Gebiet aufzuteilen. Dafür wollte man dem Anschluss Österreichs an Deutschland entgehen."

Alte Konflikte neu belebt

Nach dem Zweiten Weltkrieg werden nahezu alle Grenzregionen, die in St. Germain für Österreich und in Versailles für Deutschland festgelegt wurden, erneut zur Konfliktzone: In Kärnten liefert sich die Tito-Armee einen Wettlauf mit den Alliierten um die Befreiung Kärntens vom NS-Regime – Jugoslawien versteht sich nach wie vor als eine Art Schutzmacht der Slowenen in Kärnten.

In Tirol hegt man aufgrund der versöhnlichen Haltung der französischen Besatzungsmacht die Hoffnung, dass die Südtirol-Frage neu und zugunsten Österreichs geklärt wird. Und durch den Vormarsch der Roten Armee, die über das Waldviertel nach Wien vorrückt, endet der Einflussbereich der Sowjets nicht an den Außengrenzen der Ersten Republik, sondern an der Enns.

Programmhinweise

Mit der neunteiligen Doku-Reihe "Unser Österreich" startet Universum History am 29.12. ein Crossmedia-Projekt, das die Geschichte von Österreichs Bundesländern in den Mittelpunkt rückt. Bis zum Republiksjubiläum 2018 soll die regionale Entwicklung Österreichs mit jeweils einer Folge pro Bundesland erzählt werden.

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 29.12., 13.55 Uhr.

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Dreharbeiten vor den Kulisse des Alpenhauptkamms in Lüsens

ORF/Interspot Film/Günter Gröbl

Dreharbeiten vor der Kulisse des Alpenhauptkamms in Lüsens

Österreichs Grenzen stehen also mit Kriegsende 1945 alles andere als fest, wie Rauchensteiner ausführt: "In der Moskauer Deklaration von 1943 wurde die Wiederherstellung Österreichs in den Grenzen von 1937 erwähnt, doch die definitive Festlegung der Grenzen erfolgt erst mit dem Staatsvertrag 1955. Bis dahin konnte man von einem Provisorium ausgehen. Die Regierungen von Renner und Figl machten sich durchaus Hoffnungen, Gebiete an Österreich anschließen zu können. In erster Linie ging es um Südtirol, doch auch das Kanaltal, das Berchtesgadener Land, der Rupertiwinkel und Ödenburg/Sopron standen auf der Wunschliste. Umgekehrt galt es bis 1949, die Forderungen Jugoslawiens nach Abtretung Südkärntens abzuwehren. Die Rückkehr zu den Grenzen von 1937 war daher wohl die einfachste und beste Lösung."

Politischer Sprengstoff

Mit dem Staatsvertrag sind die Außengrenzen geklärt, der Umgang damit noch lange nicht. So wird in den folgenden Jahren in Tirol der Status der Südtiroler in Italien zum politischen Sprengstoff - im wahrsten Sinne des Wortes, wie die "Feuernacht" im Juni 1961 zeigt, bei der von Tiroler Aktivisten 37 Strommasten gesprengt wurden, um die Stromversorgung in den norditalienischen Industrien lahmzulegen. Erst mit dem Autonomiestatut, das 1972 beschlossen wird, beruhigt sich die Lage in Tirol.

Eduard Wallnöfer und Klaudius Molling

ORF/Interspot Film/Sammlung Familie Molling

Eduard Wallnöfer und Klaudius Molling: Der damalige Landeshauptmann von Tirol stoppte die Aktivisten, als durch die Anschläge die Autonomieverhandlungen gefährdet waren, mit dem Spruch: "Jetzt mechats es nachher sein lassen."

Aber auch in Kärnten flammt der Konflikt zwischen deutscher und slowenischer Volksgruppe, der seit dem Abwehrkampf in Südkärnten gegen die Offensive Jugoslawiens besteht, wieder auf.

Beim Aufstellen zweisprachiger Ortstafeln, die in Artikel 7 des Staatsvertrags festgelegt sind und die völkerrechtlich eingeklagt werden können, kommt es 1972 zum Eklat. Bereits aufgestellte Ortstafeln werden von wütenden Kärntnern wieder entfernt. Die Politik beugt sich dem Druck der Straße. Erst 2011 wird das Thema Ortstafeln gelöst.

Vision: Europa der Regionen

Mit dem Ende des Eisernen Vorhangs, dem EU-Beitritt Österreichs und dem Schengener Abkommen beginnt eine Ära, in der die alten Grenzen keine Bedeutung zu haben scheinen – der Nationalstaat, so der Plan, soll sich in einem geeinten Europa zurückziehen.

Einige der alten Kultur und Wirtschaftsräume, die durch die Grenzziehungen von St. Germain geteilt wurden, sind durch die EU bereits wiederbelebt, wie das nördliche Waldviertel und Südböhmen und die Region Tirol, Südtirol und Trentino. Nachbarschaftliche Kooperationen wie zwischen Kärnten und Friaul, Salzburg und Niederbayern, Burgenland und Ungarn werden durch das Konzept der EUREGIOs gefördert.

Fast scheint es, als könnten die alten Kronländer Paten für dieses Modell sein. Doch das Europa der Regionen ist bisher nur eine Vision, vor allem wenn es um politische Partizipation in der EU geht. So stellt sich die Frage der Zugehörigkeit zu Kultur, Region und Nation wieder und nach wie vor – ein Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Tom Matzek, Redaktion Universum History

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