Standort: science.ORF.at / Meldung: "Auch irische Bauern kamen aus Nahem Osten"

Der 1855 ausgegrabene Daniel Bradley, Trinity College Dublinaus der Jungsteinzeit, rund 5.000 Jahre alt

Auch irische Bauern kamen aus Nahem Osten

Die Wurzeln der Landwirtschaft in Europa liegen im Nahen Osten. Hat sie sich von dort aus bis nach Irland ausgebreitet oder haben sie "die Iren" selbst entwickelt? Die archäologischen Funde konnten dies bisher nicht klären. Eine DNA-Analyse uralter Knochen zeigt nun: Der Fortschritt kam mit den Einwanderern bis an den Nordwest-Zipfel Europas.

Urgeschichte 29.12.2015

Die Einführung von Landwirtschaft und der Beginn der Metallbearbeitung zählen zu den wichtigsten Veränderungen in der prähistorischen Zeit Europas. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern und später Gesellschaften, die Gegenstände aus Metall wie Bronze herstellen konnten. Wie sich diese Veränderungen entwickelt haben, daran forschen Archäologen bis heute.

In Irland sind die Forscher bisher in zwei Lager geteilt: Während die einen behaupteten, die Landwirtschaft habe sich in Irland eigenständig entwickelt, waren die anderen davon überzeugt, dass die Landwirtschaft durch Migration auf die Insel kam. Eine Genetikstudie des Trinity Colleges in Dublin sowie der Queen's University Belfast bestätigt nun die zweite These.

Die Studie

"Neolithic and Bronze Age migration to Ireland and establishment of the insular Atlantic genome" von Lara Cassidy und Kollegen ist am 29.12. in den "PNAS" erschienen.

5.200 Jahre alte Bäuerin

Insgesamt untersuchte das irische Forschungsteam die Überreste von vier Personen - eine Bäuerin, die vor rund 5.200 Jahren in der Nähe von Belfast lebte, und drei Männer aus der Bronzezeit, die auf der Insel Rathlin, im Norden Irlands entdeckt wurden.

Die Analysen ihres Erbguts weisen dabei auf den Osten Europas: "Die Bäuerin wurde bereits 1855 ausgegraben. Nun haben wir ihre DNA sequenziert. Das Ergebnis zeigt, dass die irischen Landwirte ursprünglich aus dem Gebiet Anatolien kamen", erklärt der Studienleiter Daniel Bradley vom Trinity College in Dublin gegenüber science.ORF.at.

Das türkische Anatolien gilt als eine der "Wiegen der Landwirtschaft". "Demnach kam der Wandel durch Migrationswellen nach Europa, die schließlich bis nach Irland reichten", so Bradley.

Außerdem gibt das Erbgut Aufschluss darüber, welchen Weg die ersten Bauern Irlands nahmen, ehe sie die Insel erreichten. Da die Frau schwarze Haare, braune Augen und weitere Ähnlichkeiten mit den damaligen Bewohnern der iberischen Halbinsel hatte, ist anzunehmen, dass die ersten Bauern aus dem Nahen Osten über die Südküsten Europas nach Irland gelangten.

Die Gesichtszüge der steinzeitlichen Bäuerin aus Irland: Rekonstruktion aufgrund der DNA-Analyse

Barrie Hartwell

Die Gesichtszüge der steinzeitlichen Bäuerin aus Irland: Rekonstruktion aufgrund der DNA-Analyse

Bronzezeit: Genom führt ans Schwarze Meer

Ähnliches ergab die Entschlüsselung des Erbguts jener drei Männer, die vor 4.000 Jahren – sprich während der Bronzezeit – lebten. "Auch diese Entwicklung der Gesellschaft ging von Menschen aus, die nach Irland kamen. Sie stammten aus der pontischen Steppenlandschaft entlang des Schwarzen Meeres", so Bradley.

Dem Forschungsergebnis zufolge hatten diese aber keine Ähnlichkeit mit Südeuropäern, sondern sahen wie jene Menschen aus, die zu dieser Zeit in Mittel- und Nordeuropa lebten und ihre Wurzeln in Regionen um das Schwarze Meer hatten. Das weist darauf hin, dass die Migrationsroute quer durch den Kontinent führte.

"Hinzu kommt, dass das Erbgut der drei Männer aus der Bronzezeit jenem sehr ähnlich ist, welches wir bei Iren, Schotten sowie Walisern des 21. Jahrhunderts finden", erzählt Bradley.

Veränderung des irischen Erbguts

Einer von ihnen weist sogar bereits einen genetischen Defekt auf, der zu einer erhöhten Eisenaufnahme im Dünndarm führt – die Hämochromatose, eine Krankheit, die vorwiegend in Irland vorkommt und deshalb auch "Keltische Krankheit" genannt wird.

Darüber hinaus zeigte sich bei einem der Überreste eine Laktose-Verträglichkeit - auch das ist typisch für das heutige irische Erbgut. Immerhin vertragen in Irland 90 Prozent der Bevölkerung Milch - abgesehen von den skandinavischen Ländern ist kein Volk so tolerant gegenüber Milchzucker. Der beschwerdefreie Konsum von Milch ist eine genetische Anpassung, die laut Theorie mit dem Beginn der Milchwirtschaft zusammenhängt.

"Das zeigt, dass diese zweite Migrationswelle nicht nur die Kultur, sondern auch die Genetik der Iren dramatisch verändert hat. Auch wenn wir noch nicht wissen, woher genau die genetischen Mutationen wiederum stammen – das heißt, noch ist nicht klar, ob diese aufgrund besonderer Lebensumstände in Irland oder ebenfalls davor in einem anderen Land entstanden sind", so der Biologe.

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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