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Porträtfoto von Eva Blimlinger

Bildende-Rektorin gegen Haus der Geschichte

Die Historikerin Eva Blimlinger ist gegen ein Haus der Geschichte in der geplanten Form: Jugendliche werde man mit dem Museum in der Wiener Hofburg nicht erreichen, Tiefspeicher und -garage am Heldenplatz seien unsinnig, und das Ganze werde teurer als bisher geschätzt, meint die Rektorin der Akademie der bildenden Künste Wien.

Universität 04.01.2016

Blimlinger ist zudem wissenschaftliche Koordinatorin der Kommission für Provenienzforschung, Mitglied des Kunstrückgabebeirates und der Steuerungsgruppe für das Haus der Geschichte - zu all diesen Funktionen hat sie die APA zum Jahreswechsel befragt.

Frau Rektorin, eine neue Publikation und Datenbank zeigt starke personelle Kontinuitäten an der Akademie vom Ständestaat zum Nationalsozialismus auf. Hat Sie das Resultat überrascht?

Eva Blimlinger: In dieser Vehemenz schon. Man hat immer gewusst, dass die Akademie eine Hochburg von Modernität und Progressivität war. Aber dass es derartig viele illegale Nazis gegeben hat, dass man aufgrund der Nürnberger Gesetze de facto niemanden als jüdisch entlassen musste, weil man schon vorher niemanden hineingelassen hat - das hat mich schon überrascht.

Besonderes Aufsehen hat der Fall Maria Lassnig erregt. Es hieß immer, sie sei als Studentin wegen entarteter Kunst von der Akademie gewiesen worden, und sie hat das in Interviews auch nicht in Abrede gestellt. Hat man an der Akademie immer schon gewusst, dass das nicht gestimmt hat?

Als sie gestorben ist, habe ich Eva Schober, die Leiterin unseres Archivs, gebeten, mir den Studienakt von Maria Lassnig herauszusuchen. Meine Erwartung war, dass es Belege für irgendein Verfahren gibt, aufgrund dessen sie 1943 hinausgeworfen wurde. Stattdessen gab es Belege für Gaustipendien und ein Reisestipendium. Sehr interessant! Aber auch sehr irritierend. Sie war einfach eine ganz normale Studentin, die wie andere gute Studenten auch diese Auszeichnungen gekriegt hat. Umso mehr hat mich das nachträgliche Narrativ der Entartung und des Rauswurfs irritiert. Es wäre ja keine Notwendigkeit gewesen, das anders darzustellen. Deswegen zu sagen "Lassnig, die Nazikünstlerin!" ist ja ein Unsinn. Bei uns kann aber keine inhaltliche Referenz zu ihrer studentischen Arbeit hergestellt werden, weil wir diese ganzen Arbeiten ja nicht haben. Ich weiß nicht, ob sich in der neu gegründeten Stiftung irgendwelche Frühwerke befinden, wo man sagen könnte, das wäre Nazikunst. Ich glaube das nicht. Aber es wäre eine sehr interessante Untersuchung.

Bleiben wir in dieser Zeitepoche. Sie sind ja auch wissenschaftliche Koordinatorin der Kommission für Provenienzforschung. Werden da aus Ihrer Sicht noch wesentliche Akten neu auf den Tisch kommen?

In einigen Bundesmuseen wird im nächsten und übernächsten Jahr die Provenienzforschung von der Systematik her abgeschlossen. Wir nennen das "vorläufige Schlussberichte", weil ja immer wieder fehlende Akten auftauchen können. Als wir mit der Historikerkommission begonnen haben, waren große Bestände wie die Akten vom Ersten und Zweiten Rückstellungsgesetz unbekannt. Die hat man dann in der Wollzeile gefunden, als das Finanzamt dort ausgezogen ist und der zuständige Hausarbeiter gesagt hat: Da gibt es noch etwas im Keller. Das waren Zehntausende Akten! Aber es gibt Museen wie das Theatermuseum oder das Technische Museum, wo die Bestände derartig kleinteilig sind, dass die Provenienzforschung noch jahrelang gehen wird. Ob darunter noch spektakuläre Fälle sein könnten, kann man nie sagen.

Sie sind auch Mitglied der Steuerungsgruppe für ein großes Projekt von Kulturminister Ostermayer (SPÖ) - dem Haus der Geschichte. Alles begann mit elf Millionen Euro, bei denen der Minister gesagt hat: Die werden beim Weltmuseum Wien eingespart, und damit machen wir gleich noch ein neues Museum. Wir halten im Moment beim zehnfachen Betrag, wo allerdings auch Tiefspeicher und Tiefgarage inkludiert sind. Sehen Sie dieses Geld für das, was die Republik dafür bekommt, gut angelegt?

Nein, das wäre nicht gut angelegt. Und es wird sich mit dieser Summe nicht ausgehen. Die 111 Millionen haben eine Schwankungsbreite von 25 Prozent, und das ist ein Nettobetrag ohne Bauzinsen. Also sind wir insgesamt bei gut 170, 180 Millionen. Dabei hat es, anders als beim Weltmuseum, bei dem sich viele Fachleute dagegen ausgesprochen haben, das ausgerechnet in diesen Zeiten zu reduzieren, nie eine Community aus Museumsleuten, Historikerinnen und Historikern gegeben, die gesagt hat: Super, machen wir ein Haus der Geschichte!

Gibt es also unter den Historikern kein Desiderat, man müsse sich mehr der österreichischen Nationalgeschichte widmen?

Nein. Es geht politisch darum, ein nationales Narrativ zu etablieren. Parteipolitisch wird das so diskutiert, als würde man kurz nach dem 12. Februar 1934 stehen. Diese elendsöden Debatten um hier erstes Opfer der Nationalsozialisten und da Arbeitermörder sind aber nicht mehr ernsthaft diskutierbar - zumal ich mir sicher bin, dass 90 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen überhaupt nicht mehr wissen, wer der Herr Dollfuß war. Geschichte ist heute natürlich vollkommen anders zu vermitteln, kleinteilig und zielgruppenorientiert. Was aus meiner Sicht gut funktioniert, ist die Demokratiewerkstatt im Palais Epstein, wo bestimmte Inhalte, nämlich jene der parlamentarischen Demokratie, in Workshops vermittelt werden. Aber es ist doch vollkommen absurd zu glauben, dass ich etwas erreiche, wenn ich Kids zwei Stunden durch ein Museum schleuse. Die abweisende Architektur der staatlichen Repräsentanz lockt die Jugend nicht an. Abgesehen davon plant man im Parlament ja auch gerade eine Ausstellungsfläche - zur Darstellung der Geschichte des Parlaments. Natürlich könnte man auch sagen, ich mache die totale Touristen-Präsentation und gebe etwa zum Sisi-Museum noch ein Ordens-Museum dazu - Österreich als Disneyland. Aber dazu brauch ich kein Haus der Geschichte.

Dieses gesuchte nationale Narrativ scheint genau in den Backlash zu passen, den wir heute erleben - von der Vereinigung zurück zur Vereinzelung, vom grenzenlosen Europa zu einem Europa der Grenzen.

Natürlich. Ich halte das nicht für einen Zufall. Außerdem ist es wieder eine Konzentration von Herrschaftswissen im Zentrum der Stadt. Dann gehe ich doch lieber nach Simmering oder Favoriten. Und abgesehen davon: Warum diese Wien-Zentriertheit?

Mit dem Haus der Zukunft hat das Haus der Geschichte eine Art Appendix bekommen. Ist das ein großkoalitionärer Abtausch - oder kann das was?

Es kann gar nichts. Aber als Historikerin finde ich es natürlich wahnsinnig interessant, dass sich die Sozialdemokratie der Geschichte annimmt und die Konservativen der Zukunft. Diese Konstellation finde ich besonders lustig. Von meinem Verständnis dieser Parteien wäre es ja eigentlich umgekehrt. Und natürlich ist es ein parteipolitischer Abtausch, mal abgesehen davon, dass wir nicht im Entferntesten wissen, was in diesem Haus der Zukunft stattfinden soll. Und was soll ein Haus der Geschichte ohne Zukunft?

Das soll ja Teil des Konzeptes sein - dass der Inhalt in einem partizipativen Prozess festgelegt wird. In Ihrer Rechnung von 170/180 Mio. Euro ist das Haus der Zukunft noch gar nicht drinnen. Welche Kosten kämen da noch dazu?

Wenn man an einen Neubau denkt, muss man wohl mit weiteren 60 bis 80 Millionen rechnen. Aber ich brauche dort kein Haus der Geschichte Österreichs und auch kein Haus der Zukunft. Ich brauche dort aber auch keinen Tiefspeicher. Jeder Experte im Bereich des Bibliothekswesens wird Ihnen sagen, dass Tiefspeicher für Bücher ungeeignet sind, weil man auch mit den besten Methoden nicht sicher sein kann, dass es dort keinen Wassereintritt gibt, siehe Albertina. In Wirklichkeit könnte man diese elf Millionen von Ostermayer nehmen, acht Millionen davon den österreichischen Heimat- und Bezirksmuseen geben, und drei Millionen geben wir für die Begrünung des Heldenplatzes aus. Damit wäre allen wunderbar gedient.

Die Nationalbibliothek sagt aber, sie braucht eine gewisse geografische Nähe des Bücherspeichers für den Leihverkehr.

Es gibt sicherlich einen Bestand an Büchern, der seit zehn, fünfzehn Jahren nicht ausgeborgt wurde. Für den reicht, glaube ich, ein Shuttle-Dienst, der dreimal in der Woche Bücher aus dem Außendepot holt. Ich denke, "Heldenplatz neu" kann eigentlich nur heißen, dass die Autos dort verschwinden. Aber dazu brauche ich keine Tiefgarage, denn schon die Parkgarage im Museumsquartier ist nicht ausgelastet. Ohne parkende Autos könnte der Heldenplatz wirklich ein Platz sein, an dem sich die Menschen aufhalten können. Es muss ja nicht unbedingt jedes zweite Wochenende ein Erntedankfest, eine Panzerpräsentation oder eine Lipizzanerschau stattfinden. Kann man nicht einfach einmal einen Platz als Platz lassen? Davor fürchten sich die Österreicher aber offensichtlich.

Der horror vacui Austriae? Vielleicht könnte der Heldenplatz aber durch eine architektonische Landmark mehr zum Platz der Republik werden?

Man muss sich entscheiden: Will man nur ein Zeichen, das aber keine Funktion hat - ein Republikzeichen? Oder ein Zeichen mit Funktion? Dann muss ich mir schon sehr genau überlegen, warum ich das dort will und mit welchem Inhalt. Professor Gerhard Steixner von der TU Wien macht seit Jahren Projekte mit Studierenden, wie man den Heldenplatz neu machen könnte. Da gibt es ganz viele Varianten und großartige Projekte - aber das wird alles nicht passieren. Weil es a) der Denkmalschutz nicht zulassen wird, und weil es b) eine Mordstrumm Streiterei geben würde - Stichwort Leseturm Museumsquartier. Diesen Mut bringt niemand auf. Und genau das ist das Problem.

Interview: Wolfgang Huber-Lang/APA

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