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Chamäleon schleudert Zunge aus dem Maul

Die zweitschnellste Zunge der Welt

Chamäleons fangen ihre Beute per "Zungenschnalzer". Die dabei wirkenden Kräfte sind enorm, wie nun eine Studie zeigt: Die Zunge rast mit mehr als 200-facher Erdbeschleunigung aus dem Maul. Das ist Weltrekord in der Klasse der Reptilien.

Fang-Manöver 05.01.2016

Wenn wir laufen oder springen, wird chemische Energie in die Kontraktion von Muskelfasern umgewandelt. Das ist die klassische Methode, um Bewegung zu erzeugen, und mag im Einzelfall, bei Leichtathleten etwa, auch beeindruckend schnell vor sich gehen.

Doch die rasanten Läufe von Sprintstars wie Usain Bolt sind nichts im Vergleich zur "Gummibandmethode", derer sich Chamäleons bedienen. Die Reptilien speichern mechanische Energie in den elastischen Fasern ihrer Zunge und schleudern diese, sofern schmackhafte Beute in Sicht ist, explosionsartig aus dem Maul.

Extreme Beschleunigung

Der amerikanische Biologe Christopher Anderson hat nun vermessen, welche Kräfte bei diesem Manöver auftreten. Die Werte sind in der Tat enorm. Wie der Forscher von der Brown University im Fachblatt "Scientific Reports" schreibt, können Chamäleons ihre Zunge innerhalb einer hundertstel Sekunde auf fast 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen.

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Zeitlupe: Trioceros hoehnelii, eine von 20 untersuchten Chamäleonarten.

(c) Christopher Anderson

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Tatsächlich tun sie das nicht, denn sie brauchen in der Regel bloß 20 Millisekunden, um eine Grille zu fangen. Die höchste von Anderson gemessene Beschleunigung betrug 2.590 Meter pro Quadratsekunde - das entspricht 264 g, also dem 264-Fachen der Erdbeschleunigung.

Zum Vergleich: In Hochschaubahnen sind die Fahrgäste zwei bis drei g ausgesetzt, Kampfpiloten können bei engen Kurvenflügen zehn g erreichen - solche Belastungen sind für den menschlichen Körper nur kurz zu ertragen, ansonsten droht Bewusstlosigkeit.

Ein Vergleich mit Marco Pantani

Man kann die wirkenden Energien auch in einer anderen Einheit ausdrücken, nämlich mit der sogenannten massebezogenen Leistung. Die Zunge der Chamäleonart Rhampholeon spinosus schnellt Anderson zufolge mit 14.000 Watt pro Kilogramm aus dem Maul. Diese Einheit ist auch im Spitzensport gebräuchlich, um die Leistung von Athleten unterschiedlicher Größe zu vergleichen.

Marco Pantani, einer der größten Bergfahrer der Radfahrgeschichte, soll etwa 1997 bei seinem legendären Etappentriumph der Tour de France in L’Alpe d’Huez mit 7,2 Watt pro Kilogramm den Berg emporgerast sein - ein unter Radfahrern bisher unerreichter Wert.

Klar, der Vergleich mit dem Chamäleon ist unfair, denn Pantani musste deutlich länger radeln als ein "Zungenschnalzer" im Dienste des Beutefangs dauert. Gleichwohl stellen 14.000 Watt pro Kilogramm auch im Tierreich einen klassenübergreifenden Rekord dar: Wie Anderson in seiner Studie schreibt, gibt es unter den Reptilien, Vögeln und Säugetieren keine Art, die solche Werte erreicht.

Lediglich unter den Schwanzlurchen hat Rhampholeon Konkurrenz: Salamander besitzen, wie frühere Messungen zeigen, eine noch flottere Zunge. Sie verlässt das Lurchenmaul mit bis zu 458 g - in der offenen Wertung der Wirbeltiere sind die Salamander bislang unangefochten.

Ameisen übetreffen alle

Unter den Wirbellosen gibt es Studien zufolge sogar noch extremere Werte. Einige Beispiele: Grashüpfer generieren beim Sprung eine Beschleunigung von 719 g, Fangschreckenkrebse erschlagen Beutetiere mithilfe ihrer keulenartigen Beine mit 10.000 g und Schnappkieferameisen erreichen gar unglaubliche 100.000 g, wenn sie ihre Mundwerkzeuge zusammenschnappen lassen.

Was freilich auch kein ganz fairer Vergleich ist, denn dieser Rekord wurde auf bedeutend kürzerer Distanz erzielt: Wenn Rhampholeon seine Zunge ausfährt, ist sie mehr als doppelt so lang wie das Tier selbst.

Robert Czepel, science.ORF.at

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