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Porträtfoto von Wolfgang Neubauer

Ein Archäologe ohne Schaufel

Die Archäologie hat lange auf Schaufel, Spitzhacke und Pinsel gesetzt, um verborgene Überbleibsel der Vergangenheit freizulegen. Wolfgang Neubauer braucht das nicht: Er durchsucht den Boden ganz ohne zu graben – mit Magnetometer und Radar.

Wissenschaftler des Jahres 07.01.2016

Neubauer, mit seinem Team weltweit mit an der Spitze dieser "virtuellen Archäologie", wurde nun zum Wissenschaftler des Jahres gekürt. Und zwar vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten, der mit der Auszeichnung die Vermittlungsarbeit von Wissenschaftlern würdigt.

Die Ehrung wurde Neubauer, dem Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie, heute Vormittag in Wien überreicht.

"Gastarbeiter" aus der Schweiz

Wolfgang Neubauer im Ö1 Studio vor einem Mikrofon

Ursula Hummel-Berger, ORF

"Öffentlichkeit informieren"

Neubauer ist es wichtig, sich nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen zu äußern, sondern auch die Öffentlichkeit zu informieren. "Denn unsere Forschungen sind nur möglich durch die Finanzierung der breiten Öffentlichkeit, das ist eine absolute Bringschuld der Wissenschaft." Er und sein Team setzen dabei "auf alle möglichen Formen der modernen Vermittlung", auch Fernsehen, Soziale Medien und Ausstellungen.

Viele dieser Entdeckungen und die virtuellen Rekonstruktionen der archäologischen Funde fanden Eingang in zahlreiche internationale Medienberichte und TV-Dokumentationen, etwa von BBC und ORF. Heuer weitet Neubauer seine Vermittlungstätigkeit auf den musealen Bereich aus: Das Boltzmann-Institut konzipiert im Urgeschichtemuseum MAMUZ Mistelbach (NÖ) eine große Ausstellung über die Funde in Stonehenge, die ab 20. März zu sehen ist.

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Forschungsarbeiten von Neubauer

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Mittagsjournal: 7.1., 12.00 Uhr.

Auszeichnung seit 1994

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vergibt seit 1994 jährlich den Titel des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin des Jahres. Er zeichnet damit nicht die wissenschaftliche Qualität der Preisträger aus, sondern ihre Fähigkeit, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich vermitteln zu können.

Neubauer wurde 1963 als Sohn österreichischer Eltern in der Schweiz geboren und bezeichnet sich selbst als "Gastarbeiterkind". Schon mit 15 Jahren nahm er als Freiwilliger an seinen ersten archäologischen Grabungen in der Schweiz teil. Sein Interesse war also früh vorhanden. Dass er sich später zu einem der weltweit führenden Experten in Sachen archäologischer Bodenerkundung (Prospektion) entwickeln sollte, verdankt sich nach Eigenangaben dennoch dem Zufall.

Denn nach dem Diplomstudium der Ur- und Frühgeschichte, Archäometrie und Mathematik an der Universität Wien und der Technischen Universität Wien wählte er für ein Proseminar das einzige ihm noch unbekannte Thema: die geophysikalische Prospektion.

Daraus entwickelte sich eine Vorliebe, die 2008 in einer entsprechenden Habilitation gipfelte. 2010 konnte Neubauer die Ludwig Boltzmann-Gesellschaft überzeugen, ein eigenes Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie einzurichten, das er leitet und das mittlerweile 35 Mitarbeiter hat.

Entdeckung von "Ur-Stonehenge"

Die Idee der "virtuellen Archäologie" wurde in dem Fachbereich lange belächelt. Statt wie üblich potenzielle Fundstätten auszugraben, setzt sie auf den Blick von außen und oben. "Wir verwenden spezielle Messsysteme, die das Erdmagnetfeld besonders genau vermessen. Ähnlich wie in der Medizin mit Ultraschall können wir damit per Computer ein dreidimensionales Abbild von dem erzeugen, was sich unter dem Boden verbirgt", erklärt Neubauer gegenüber Ö1.

Die Vorteile im Vergleich zu Schaufel und Hacke liegen auf der Hand: Weit größere Gebiete können mit dem Mix aus Magnetmessungen, Bodenradar, Luftbildern und Geoinformationssystemen durchforstet werden. Erfolge damit gab es bereits einige. Besonders am Herzen liegt Neubauer das, was in den vergangenen Jahren als "Ur-Stonehenge" durch die Medien gegangen ist.

Mit der Magnetmessung entdeckte neue Bauwerke

LBI ArchPro, Mario Wallner

Mit der Magnetmessung entdeckte neue Bauwerke in Stonehenge

Die Steinkreise von Stonehenge im Süden Englands waren laut Neubauer und seinem Team nämlich nicht die einzigen. Wenige Kilometer von den bekannten – rund 4.000 Jahre alten – Steinen entfernt entdeckten die Forscher unterirdische Hinweise auf eine rituelle Anlage, die noch größer und älter ist. "In dem Gebiet hat es schon in den 1960er Jahren große Grabungen gegeben. Jeder hat geglaubt, dass dort nichts mehr gefunden werden kann", zeigt sich Neubauer stolz.

Wikinger und Carnuntum

Mit seinen Methoden scannte Neubauer vor rund zehn Jahren auch schon Pyramiden in Ägypten ("das möchten wir nun wiederholen, um etwaige Unterschiede festzustellen") und wies in Norwegen einen Häuptlingssitz mit Ritualplätzen und Hafenanlage aus der Wikingerzeit nach.

Aber auch in Österreich machte er mit seinem Team schon eine Reihe von Entdeckungen. So im niederösterreichischen Carnuntum, wo er auf ein sechs Fußballfelder großes römisches Militärlager und eine antike Gladiatorenschule stieß.

Ein motorisierter Magnetometer bei der Arbeit in Stonehenge

LBI ArchPro, Geert Verhoeven

Ein motorisierter Magnetometer bei der Arbeit in Stonehenge

Rund um Carnuntum zeigt sich auch ein sehr praktischer Vorteil der Prospektion. "Wir finden mit ihr nicht nur Hinweise, wo sich archäologische Spuren befinden, sondern auch, wo das nicht der Fall ist", sagt Neubauer gegenüber Ö1. Und das liefert Argumente für die Politik und Raumplanung, die entscheiden, wo gebaut werden darf und wo auf die Archäologie Rücksicht genommen werden muss.

"Im Spannungsfeld zwischen Ausgrabungen und einer wirtschaftlichen Entwicklung sind unsere Messungen sehr hilfreich." In Norwegen, so Neubauer, werde die Technik bereits bei der Vorausplanung neuer Autotrassen eingesetzt – in Österreich noch nicht.

Klassische Archäologie wird bleiben

Dass die "virtuelle Archäologie" die klassischen Methoden des Grabens ablöst, glaubt Neubauer nicht. In Zukunft würden diese aber – nach entsprechenden Voruntersuchungen - zielgerichteter erfolgen. "Die Fragestellungen werden schon vorher klar sein, warum ich da jetzt überhaupt ein Loch mache."

Zukunftsgebiete gibt es zuhauf: So werden Neubauer und sein Team weiter Carnuntum und uralte Kreisgrabenanlagen im Weinviertel untersuchen. Besonders reizvoll scheint ihm, noch mehr über die Wikinger zu erfahren – und zwar nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Nordamerika.

Entsprechende Verhandlungen mit US-Kollegen gebe es bereits, und nun gelte es mit der virtuellen Archäologie ähnlich wie die Wikinger "nach Nordamerika überzusetzen".

Lukas Wieselberg, science.ORF.at (Text); Hubert Arnim-Ellissen, Barbara Daser, Ö1; Christian Müller, APA (Material)

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