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Rekonstruktion des Gesichtes von Ötzi

Hatte Ötzi Gastritis?

25 Jahre nach seiner Entdeckung sorgt Ötzi immer noch für Überraschungen: Forscher haben im Bauch der Gletschermumie DNA des schädlichen Magenkeims Helicobacter entdeckt. Ein Hinweis darauf, dass der Mann aus dem Eis unter Magenproblemen litt.

Magenkeim 08.01.2016

Jeder zweite Mensch auf der Erde ist mit Helicobacter pylori infiziert. Das Bakterium lebt seit Urzeiten in unserer Magenschleimhaut und löst in etwa zehn Prozent aller Fälle Gastritis und Geschwüre aus, im schlimmsten Fall kann es auch zu Magenkrebs führen.

So auch bei Ötzi? Wie der Gesundheitszustand zum Zeitpunkt seines Todes war, könne man nicht mit Sicherheit sagen, sagt Studienautor Frank Maixner im Gespräch mit science.ORF.at. Denn vom Magen der 5.300 Jahre alten Gletschermumie ist fast nichts mehr übrig.

Die Studie

"The 5300-year-old Helicobacter pylori genome of the Iceman", Science (7.1.2016).

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet heute auch das Morgenjournal, 8.1., 7:00 Uhr.

Maixner, Mikrobiologe von der Europäischen Akademie Bozen, hat mit seinen Kollegen auch Eiweiße gefunden, die für Entzündungsreaktionen der Magenschleimhaut typisch sind. Dass der Gletschermann eine Gastritis hatte, ist somit plausibel, wenngleich unbewiesen. Schlimmere Krankheiten hält Maixner für unwahrscheinlich.

Einwanderungswelle nach Europa

Ausschließen kann man jedenfalls, dass die im Magenraum entdeckten DNA-Fragmente durch Kontamination dorthin gelangt sind. Fossile DNA wird nämlich im Laufe der Zeit chemisch verändert, sie trägt also quasi eine chemische Uhr in sich.

Und die zeigt zweifelsfrei an: Die Erbgutfragmente stammen von einem mehr als 5.000 Jahre alten Stamm von Helicobacter pylori. Da solche Keime in der Regel von den Eltern auf ihre Kinder übertragen werden, sagt der Befund auch etwas über die Migrationsströme der Vergangenheit aus.

Zwei Forscher in Schutzbekleidung nehmen eine Gewebeprobe an der Gletschermumie

EURAC/Marion Lafogler

Gewebeprobe an der Gletschermumie

Heutzutage setzen sich die europäischen Helicobacter-Stämme aus Gensequenzen zusammen, die aus Asien und Afrika stammen. Doch dem Erreger aus Ötzis Magen fehlt der afrikanische Anteil fast vollständig. Dafür zeigt er große Übereinstimmungen mit Bakterien, die man heute in den Mägen von Menschen aus dem nördlichen Indien findet.

Das weist darauf hin, dass am Ende der Kupfer- oder während der Bronzezeit eine große Einwanderungswelle nach Europa stattgefunden haben muss. Eine Schlussfolgerung, der im Übrigen auch durch archäologische Befunde gestützt wird.

Ötzi war Jäger und Bauer

Woher die Einwanderer kamen, bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt offen. Afrika könnte der Ursprung dieser Völkerwanderung gewesen sein, sagt Maixner, "wir glauben aber eher, dass die Einwanderer aus dem Nahen Osten nach Europa kamen."

Man müsse vorsichtig sein bei der Interpretation genetischer Daten, betont der deutsche Mikrobiologe. So fanden Forscher vor ein paar Jahren heraus, dass Ötzis Erbgut stark mit den heutiger Bewohnern von Sardinien und Korsika übereinstimmt.

Daraus schlossen manche, Ötzis Vorfahren kämen von dort - "aber das ist Unsinn", sagt Maixner. "Ötzi war ein typischer Vertreter der frühen europäischen Ackerbauern, er stammt sicher nicht aus Sardinien oder Korsika."

In den letzten 25 Jahren haben Forscher einiges über die Lebensweise des Eismannes herausgefunden. Er war 40 bis 50 Jahre alt, hatte braune Augen, trug mehrere Tätowierungen am Körper, laborierte an diversen Wehwehchen wie Gallensteinen, Karies und Borreliose und führte ein sesshaftes Leben. Allerdings nicht als "Vollerwerbsbauer", denn ab und an hatte er wohl auch Wild auf dem Speisezettel.

Die Ötztaler Alpen im Grenzgebiet von Österreich und Italien, wo Ötzi entdeckt wurde, waren zu seinen Lebzeiten eine ergiebige Jagdregion, in der es Steinböcke, Gämsen und Hirsche gab. Möglicherweise war auch Ötzi auf der Jagd gewesen, kurz bevor er getötet wurde: Er starb durch einen Pfeilschuss in den Rücken.

Ungeklärter Mordfall

Wer war der Mörder? "Wir wissen es nicht", sagt Maixner, "und ich habe dazu auch keine Theorie." Was natürlich nicht bedeutet, dass es dazu keine Theorien gäbe. Manche Forscher vermuten hinter dem bronzezeitlichen Mordfall eine Familienfehde.

Andere glauben, dass Ötzi wegen eines wertvollen Kupferbeiles ermordet wurde, das er mit sich trug. Was allerdings gegen diese Theorie spricht, ist der Umstand, dass der Mörder das Beil nicht an sich nahm. Es sei denn, dieser war dem Mordopfer bekannt und wollte sich durch den Besitz nicht verraten. Freilich wäre auch denkbar, dass Ötzi zwar bei einem Überfall getötet, jedoch von Begleitern bestattet wurde. So ließe sich auf Basis der spärlichen Indizien munter weiter spekulieren.

Maixner will sich daran jedenfalls nicht beteiligen. Er setzt lieber auf handfeste Befunde. So fand er jüngst bei der Analyse von Ötzis Mageninhalts heraus, was der Mann aus dem Eis kurz vor seinem Tod gegessen hatte. Maixner und seine Kollegen entdeckten interessante Spuren von Fetten und können nun auch rekonstruieren, wie er seine letzte Mahlzeit zubereitet hat.

Wie er das tat, will der Forscher nicht verraten. "Wir fassen die Ergebnisse gerade zusammen, ich möchte nichts vorwegnehmen." Die Studie soll im Frühjahr erscheinen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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