Standort: science.ORF.at / Meldung: "Immunsystem: Ein Erbe des Neandertalers"

Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Immunsystem: Ein Erbe des Neandertalers

Es war ein Rendezvous mit langfristigen Folgen: Vor zirka 40.000 Jahren fand der moderne Mensch Gefallen am Neandertaler. Die Spuren der intimen Kontakte sieht man besonders deutlich im Immunsystem, berichten deutsche Forscher. Dort trägt demnach ein Drittel der Europäer Neandertalergene - mit positiven und negativen Folgen.

Genspuren 07.01.2016

Gene mit schneller Reaktion

Die Studie:

"Introgression of Neandertal- and Denisovan-like Haplotypes Contributes to Adaptive Variation in Human Toll-like Receptors" ist am 7. Jänner 2016 im "American Journal of Human Genetics" erschienen.

Im gleichen Journal ist eine weitere Studie von Forschern Forschern des Instituts Pasteur in Frankreich erschienen, die zu den gleichen Ergebnissen kommt wie die deutschen Anthropologen: "Genomic Signatures of Selective Pressures and Introgression from Archaic Hominins at Human Innate Immunity Genes".

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über das "Erbe" des Neandertalers berichtet auch "Wissen Aktuell" am 8. Jäner 2016 um 13.55 Uhr sowie die Ö1- und Ö3-Nachrichten.

Die Studie von Michael Dannemann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig konzentrierte sich auf bestimmte Gene aus der Familie der sogenannten Toll-Like-Rezeptoren (TLR) - konkret - TLR 1, TLR6 und TLR10. Sie sind für die schnelle Reaktion des Körpers auf Krankheitserreger zuständig und können Bestandteile von Bakterien, Pilzen und Parasiten aufspüren und bekämpfen.

Für ihre Arbeit griffen die Wissenschaftler auf Daten des 1000-Genom-Projekts zurück, bei dem das Erbgut von bisher 2.500 Individuen aus Europa, Asien, Afrika und Amerika komplett entziffert wurde. Durch den Vergleich der "modernen" TLR mit jenen des Neandertalers gelang es zu berechnen, wie sehr sich die Neandertaler-Varianten durchgesetzt haben.

"Wissen" angeeignet

"Wir haben herausgefunden, dass genau diese Gene im modernen Menschen sehr oft die Neandertaler-Variante sind", sagt Michael Dannemann gegenüber science.ORF.at. In Asien stammen bei bis zu zwei von drei Menschen diese Gene vom Neandertaler, in Europa trifft das laut Dannemann auf rund jeden und jede Dritte zu.

Die Neandertaler lebten schon geschätzte 200.000 Jahre vor der Ankunft des modernen Menschen in Europa und Asien, ihr Immunsystem war auf hier verbreitete Krankheitserreger trainiert. Durch die Übernahme der Neandertalergene konnte sich der moderne Mensch dieses "Wissen" des Immunsystems aneignen, so die These der Forscher.

Mehr Allergien

Außerdem sagt Michael Dannemann: "Wir haben herausgefunden, dass die Neandertaler-Varianten dieser drei Gene eine höhere Aktivität haben, was eine bessere Keimabwehr auslöst, aber auch mit einer höheren Veranlagung zu Allergien einhergeht."

Das bedeute aber nicht, dass an den heutigen Allergien die Neandertaler schuld sind: "Allergien sind komplexe Wechselwirkungen. Ob die Neandertaler-Varianten im Immunsystem dabei überhaupt eine Rolle spielen, können wir nicht sagen."

Suche nach "Erbe" der Neandertaler

Im Durchschnitt trägt ein Europäer zwei Prozent Neandertaler-DNA in sich. In bestimmten Regionen des Genoms sei diese Frequenz deutlich erhöht, wie eben bei den TLR-Abwehrgenen. Nach weiteren Regionen zu suchen und das "Erbe" der Neandertaler zu bestimmen, wird die Aufgabe weiterer Studien sein, so Anthropologe Dannemann.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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