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Erdball vom Weltall aus gesehen

Geologen: Das Anthropozän hat begonnen

Der Mensch hat die Erde stark verändert. Ob es deshalb gerechtfertigt ist, ein neues Erdzeitalter auszurufen, wird seit Längerem diskutiert. "Ja, das ist es", meint nun eine internationale Arbeitsgruppe. Das Anthropozän unterscheide sich funktionell wie geologisch vom jüngsten erdgeschichtlichen Zeitabschnitt, dem Holozän.

Erdgeschichte 08.01.2016

Populär gemacht wurde der Begriff Anthropozän Anfang des Jahrtausends vom Chemienobelpreisträger Paul Crutzen. Er argumentierte, die Einwirkung menschlicher Aktivitäten habe die Dimension natürlicher Einflüsse erreicht. Das solle ein neues Erdzeitalter verdeutlichen. Seither wird der Begriff regelmäßig genutzt. Offiziell benennen könnte eine solche Epoche aber nur die Internationale Stratigraphische Kommission (ICS).

Die Studie in "Science"

"The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene" von Colin N. Waters et al., erschienen am 8. Jänner 2016

Diese offizielle Stelle für die Einteilung der Erdzeitalter setzte 2009 eine Arbeitsgruppe ein, um zu beurteilen, ob dieser Vorschlag wissenschaftlich sinnvoll ist. Die knapp 40 Mitglieder umfassende Gruppe, der auch der Geologe Michael Wagreich von der Universität Wien angehört, veröffentlichte ihre Ergebnisse nun in "Science". Ob nominell eine neue Epoche eingeläutet wird, soll voraussichtlich beim Internationalen Geologischen Kongress im August 2016 in Kapstadt fallen, sagte Wagreich im Gespräch mit der APA.

Menschliche Ablagerungen

Die Wissenschaftler zeigen sich überzeugt davon, dass die menschlichen Aktivitäten allgegenwärtige und langlebige Spuren hinterlassen, die eine Anerkennung als neues Erdzeitalter verdienen. Die Unterschiede zum Holozän, das 11.000 Jahre recht stabil gewesen sei, seien doch deutlich, sagte Wagreich und nannte ein Beispiel: "Die jährlich vom Menschen produzierte Menge an Beton ist mit 13 Gigatonnen mittlerweile gleich groß wie jene an Sedimenten, die Jahr für Jahr natürlich von allen Flüssen der Welt verfrachtet wird. Das ist schon ein Zahlenwert, der einem zu denken gibt."

In ihrer Arbeit verweisen die Forscher auf die Ablagerungen von menschlichen Produkten wie Aluminium, Beton und Kunststoff, die "jede Menge sich schnell entwickelnde 'Techno-Fossilien' bilden". Als weitere Zeugen der menschlichen Aktivitäten nennen die Forscher Kohlenstoffpartikel aus der Luftverschmutzung, sehr hohe Niveaus von Stickstoff und Phosphor durch die Düngung und Radionuklide aus Kernwaffentests.

Wann hat es begonnen?

Auch große Änderungen in der Küstensedimentation - Wagreich verwies etwa auf die Auswirkungen von künstlichen Inseln - sowie das durch den Menschen verursachte Artensterben würden noch in ferner geologischer Zukunft die Epoche kennzeichnen. Schließlich verwiesen die Forscher auf den gegenüber dem Holozän höheren Kohlendioxid- und Methangehalt der Atmosphäre sowie die steigende globale Durchschnittstemperatur und Meeresspiegel.

Wann denn das potenziell neue Erdzeitalter beginnt, wird nach wie vor diskutiert. Vorschläge reichen von einem frühen Anthropozän, das bereits mit den Anfängen der Landwirtschaft und der damit verbundenen Abholzung und der frühen Bergbautätigkeiten beginnt, über den globalen Artenaustausch nach der Entdeckung Amerikas bis zum Beginn der Industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Anfang des nuklearen Zeitalters und der großen Beschleunigung in Bevölkerungswachstum und Industrialisierung Mitte des 20. Jahrhunderts ist jedoch der wahrscheinlichere Startpunkt, wie die Forscher in ihrer aktuellen Arbeit schreiben.

science.ORF.at/APA

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Forum

 
  • Wen ausser Menschen

    odino, vor 198 Tagen, 16 Stunden, 17 Minuten

    Interessiert das bitte?
    Wird das intergalaktisch anerkannt?

    • lampenbaer, vor 198 Tagen, 15 Stunden, 7 Minuten

      Ja das ist die Frage ob die Daseinsperiode des Homo Terracus, welche im Zeitkontext des All´s bestenfalls die Dauer eines Kerzenflackerns erreichen wird...

      ...es zu mehr als einer Fussnote der galaktischen Geschichte bringen wird.

      Wohl so interessant als wenn in irgendeinem Kugelsternhaufen irgendwo ein Meteor einschlägt.

  • Bezeichnung Anthropozän

    niloteur2, vor 198 Tagen, 16 Stunden, 58 Minuten

    Klingt gut, aber es fragt sich, ob es nach uns noch Wesen geben wird, die diese Bezeichnung eines Zeitalters lernen werden.

    • anedbled, vor 198 Tagen, 16 Stunden, 52 Minuten

      unterschätz mir die schleimpilze nicht.