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Boris Karloff im Film "Frankenstein", 1931

Designer-DNA, neuer Kopf, Neandertaler ...

Eine Methode, mit der man das Erbgut beliebig verändern kann - lebende Neandertaler, menschliche Organe aus dem 3-D-Drucker und ein komplett transplantierter Kopf: Das sind nur einige der spannend-schaurigen Zukunftsaussichten, die mit bestehenden Techniken bereits heute – oder sehr bald – verwirklicht werden könnten.

Zukunft 11.01.2016

Sie schafften es 2015 alle in die Schlagzeilen und von dort in die aktuelle Jahresliste des New Yorker Literaturagenten John Brockman. Seit 1998 stellt dieser zu Jahresbeginn auf seiner Website "Edge" grundlegende Fragen, die Wissenschaftler, Künstlerinnen und Intellektuelle beantworten.

Rund 200 haben heuer auf die Frage "Was war die interessanteste wissenschaftliche Nachricht des Vorjahrs – und warum ist sie so wichtig?" reagiert.

Im Dienste der "Dritten Kultur"

John Brockman hat in seinem 1995 erschienenen Buch "Die Dritte Kultur" einen Ausdruck von C.P. Snow aus den 1950er Jahren übernommen und popularisiert. Mit "Dritter Kultur" ist eine Synthese von der "ersten Kultur" der Geisteswissenschaft und einer "zweiten" der Naturwissenschaft gemeint. Brockman ließ in dem Buch populär schreibende Wissenschaftler schwierige Sachverhalte in einfachen Worten für den "interessierten Laien" darstellen – diese Idee liegt auch seiner Website "Edge" zugrunde.

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Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 11.1., 12 Uhr.

Maßgeschneidertes Erbgut

Schon das Fachmagazin "Science" hat CRISPR zur "Methode des Jahres 2015" gekürt, und auch "Edge" kommt nicht an ihr vorbei: Mit dieser "Gen-Schere" lässt sich das Erbgut von Lebewesen verändern. Nicht zuletzt auch jenes des Menschen. Was bei der Bekämpfung von Erbkrankheiten noch sehr hoffnungsfroh klingt, wird einigermaßen gespenstisch, wenn man an "Designer-Babys" denkt – Haar- und Augenfarbe liegen schon in "Griffweite von CRISPR", schreibt der Evolutionsbiologe Marc Pagel.

Die Branche denkt deshalb bereits laut über einen Forschungsstopp zu CRISPR beim Menschen nach, wie die "New York Times" vor Kurzem berichtete – ein Stopp, dem Pagel kaum eine Chance gibt.

Denn die Möglichkeiten der Methoden scheinen schier endlos. Der Genetiker Eric Topol etwa hält die Vorstellung für aufregend, dass wir mit CRISPR nicht nur die Funktion von Genen besser verstehen werden, sondern auch von jenen 98,5 Prozent des Erbguts, die keine Proteine herstellen.

Dem Biologen Stuart Firestein geht es weniger um die Folgen von CRISPR als um ihre Entdeckung: Sie sei typisch für die Art, wie Wissenschaft funktioniert und wie aus jahrelanger Grundlagenforschung "plötzlich" eine Anwendung entstehen kann. Und der Lebenswissenschaftler Randolph Nesse orakelt, dass die Methode "schnell unsere Art und das Leben an sich verändern wird." Zusatz: "Wie, das weiß niemand."

"Ent-Aussterben" der Neandertaler

Apropos unsere Art. Diese könnte wieder neue alte Verwandte bekommen, wenn Tecumseh Fitch Recht behält. Der Kognitionsbiologe von der Universität Wien – neben Anton Zeilinger Österreichs einziger Beitrag zur "Edge"-Umfrage – kann sich vorstellen, dass eines Tages z.B. Neandertaler wieder die Erde bevölkern könnten. "Nur wenige bezweifeln, dass dies noch innerhalb dieses Jahrhunderts möglich sein wird."

Die Technik dazu ist relativ einfach: DNA, die aus fossilen Fundstücken stammt, wird in die Zellen heute lebender, verwandter Arten eingesetzt. Was auch für eine "de-extinction" ("Ent-Aussterben") von Mammut und Säbelzahntiger sorgen könnte, macht (spätestens) beim Neandertaler Stirnrunzeln.

So auch bei Fitch: Denn Menschen mit künstlich aktivierten Neandertaler-Genen "würde alle Menschenrechte behalten. Aber die moralischen und ethischen Folgen für sie am Arbeitsplatz – oder in American Football-Teams –, könnten leicht jene in den Schatten stellen, die Sklaverei und Rassismus hatten."

Natürliche vs. künstliche Intelligenz

Während ein Neandertaler-Kollege im Büro ob seiner intellektuellen Einschränkungen vermutlich diskriminiert werden würde (und wegen seiner Kraft am Sportplatz geschätzt), geht es dem Kosmologen Max Tegmark um das genaue Gegenteil: um Intelligenz. Zwischen Künstlicher Intelligenz und der natürlich menschlichen sieht er ein "Wettrennen", das immer "heißer" wird.

Bisher hätten die Menschen auf gefährliche Erfindungen eher im Nachhinein reagiert: der Feuerlöscher wurde erst nach dem Feuer erfunden, Anti-Atom-Abkommen erst nach der Atombombe getroffen. Beim "Weisheitsrennen" müsse die Menschheit proaktiver sein, warnt Tegmark. Er sieht zwei naheliegende Möglichkeiten: "Entweder wir gewinnen das Rennen und schaffen es, dass das Leben Milliarden von Jahren lang floriert. Oder wir verlieren es und sterben aus."

Private Raumfahrt, Geniekult, Theodiversität

Prognosen wie diese sind typisch für die heurige "Edge"-Umfrage. Sie basieren auf jüngsten Nachrichten aus der Wissenschaft, die das Potenzial haben, die Zukunft zu prägen. Das betrifft auch die Raumfahrt, die nach einigen Rückschlägen im vergangenen Jahr erfolgreiche Testflüge von zwei privaten Unternehmen (SpaceX und Blue Origin) verzeichnen konnte. Und ebenso die Arbeit am CERN-Teilchenbeschleuniger, der zuletzt Hinweise auf neuartige Teilchen lieferte, die selbst das Higgs-Boson in den Schatten stellen könnten. Ebenfalls spektakulär klingt die Operation, die ein italienischer Arzt plant: Er möchte einem Patienten einen gesamten Kopf transplantieren.

Doch es sind nicht nur technische Vorhersagen, zu denen sich die "Edge"-Autorinnen und (zahlenmäßig deutlich in der Mehrheit) -Autoren hinreißen lassen. So wird auf die Umstände verwiesen, dass überdurchschnittlich viele Männer Studienrichtungen studieren, in denen ein Geniekult herrscht, und dass sich Reichtum und Einkommen immer ungerechter verteilen.

Der Psychologe Ara Norenzayan erklärt den Begriff der Theodiversität: Ähnlich wie die Arten von Fauna und Flora tummeln sich auf der Erde auch allerlei Religionen – rund 10.000 sollen es aktuell sein. Nur die wenigsten von ihnen sind aber echte Weltreligionen. Laut jüngsten Hochrechnungen wird es bis Mitte des Jahrhunderts erstmals mehr Muslime geben als Christen. Für Nichtgläubige vielleicht erfreulich: Bis dahin werden weltweit auch rund 1,3 Milliarden von Ihresgleichen leben.

Virtuelle Fingerabdrücke

Eine Vorhersage ganz anderer Art trifft der deutsche Philosoph Thomas Metzinger. Er glaubt, dass 2016 das Jahr wird, in dem Virtual Reality zum ersten Mal wirklich ein Massenphänomen ist. Wenn immer mehr Menschen mit Videobrillen in virtuelle Welten eintauchen, dann würden sie darüber nachdenken müssen, worin ihr Bewusstsein überhaupt besteht.

Erstmals in der Geschichte würden wir "kinematographische Fingerabdrücke" hinterlassen, also digitale Überbleibsel unserer Handlungen in den virtuellen Welten. Und das stelle neue Fragen an Ethik und Moral, etwa wenn man an das zuletzt diskutierte "Recht auf Vergessen" denkt.

Viele positive Aussichten

Soweit zu den eher ambivalenten bis unangenehmen Nachrichten. Es gibt aber auch eine Reihe von eindeutig positiven Entwicklungen, die die "Edge"-Umfrage aufgespürt hat. Etwa dass die Wettervorhersagen immer besser werden, dass neue Antibiotika aus dem Boden gewonnen werden können und dass Fett in den Ernährungsratgebern nicht mehr als Feind beschrieben wird. "Paradoxerweise muss man die richtigen fetthaltigen Speisen essen, um abzunehmen und um glücklich und – 'Edge'-Leser aufgepasst! – schlau zu werden", schreibt der Biologe Peter Turchin.

Vielleicht noch wichtiger: die Prognose, dass schon sehr bald niemand mehr unter 80 Jahren an Krebs sterben wird, und die zunehmende Bedeutung von 3-D-Druckern in der Medizin. Diese könnten in Kombination mit bildgebenden Verfahren dazu führen, dass man Kopien von Organen ausdrucken und damit vor einer Operation besser untersuchen kann.

Und das Allerbeste zum Schluss: Der Zustand der Welt ist viel besser als man glaubt!

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Die "Edge"-Fragen vergangener Jahre:

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