Standort: science.ORF.at / Meldung: "Es war einmal in Amerika"

Gruppenbild der Kommune von Oneida 1863

Es war einmal in Amerika

"Sie waren kommunistische Inseln in einem Meer des sich rapide entwickelnden Industriekapitalismus": So beschreibt der Soziologe Rudolf Stumberger die utopischen Kommunen des 19. Jahrhunderts in den USA in einem jüngst erschienenen Buch.

Kommunismus 08.01.2016

So unterschiedlich die Gemeinschaften sich organisierten, eines hatten sie alle gemeinsam: Sie verzichteten gänzlich auf Lohn, Geld und Privatbesitz.

Amana, Iowa, USA, 1855

Auf den Feldern werden Mais, Gerste, Roggen und Gemüse angebaut und gegessen wird gemeinsam in großen Kollektivküchen. Einmal täglich läuten die Kirchenglocken zum Gottesdienst und manchmal auch zum Nachtgebet. Es gibt Schuster und Uhrmacher, und das Bier wird selbst gebraut. In den Fabriken werden Wolle gesponnen und Tücher gewebt.

Die Rede ist von Amana – einer der erfolgreichsten Kommunen des 19. Jahrhunderts in den USA, wie Rudolf Stumberger gegenüber science.ORF.at erklärt: "Das Zusammenleben in Amana gestaltete sich durchaus auf eine kommunistische Art. Das heißt, es gab kein Privateigentum, und die Produktionsmittel gehörten sämtlichen Mitgliedern dieser Kommune. Hinzu kommt, dass man für die Arbeit, die dort geleistet wurde, keinen Lohn bekam, sondern man erhielt die Dinge, die man für den täglichen Bedarf benötigte."

Pietisten aus Hessen

Die Ursprünge der Amana-Kommune liegen im heutigen Hessen und gehen auf die religiöse Bewegung der Pietisten im frühen 18. Jahrhundert zurück: "Sie waren eine radikalere Abspaltung von der evangelischen Kirche, die der Meinung war, dass die damalige Amtskirche ihren religiösen Anforderungen nicht mehr genügte."

Für ihren strengen Glauben wurden die "Inspirierten", wie sie sich nannten, behördlich verfolgt. Zudem kamen steigende Pachtzinsen und eine längere Dürreperiode, weshalb einige der Glaubensgemeinschaft 1855 nach Iowa auswanderten, erklärt Stumberger.

Zur Person

Rudolf Stumberger lehrt als Privatdozent Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und arbeitet als freier Journalist und Publizist in München. Sein Buch "Das kommunistische Amerika – auf den Spuren utopischer Kommunen in den USA" ist vor Kurzem im Mandelbaum Verlag erschienen.

Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen-Magazin, am 8.1., 19:05 Uhr.

Links

Historische Ansicht von Amana: Die Küchencrew beim Gemüseputzen

Rudolf Sturmberger

Historische Ansicht von Amana: Die Küchencrew beim Gemüseputzen

Hier fanden sie ein Leben für den Glauben und für die Gemeinschaft – abgeschieden, friedlich und bescheiden. In ihrer Blütezeit zählte die Kommune knapp 2.000 Mitglieder, verteilt auf sieben kleine Dörfer entlang des Iowa River. Man arbeitete nach eigenem Tempo und nur so viel es einem möglich war, anschließend kümmerte man sich um die Älteren der Gemeinschaft. "Die Kolonie hatte den Ruf, dass man dort nicht zu hart, aber solide und fachmännisch arbeitete. Es gab keine Armen und Reichen, und das Leben war frei von Zukunfts- oder Existenzangst", erzählt Stumberger in seinem Buch.

Bescheidenheit und wirtschaftlicher Erfolg

Die Stoffe und andere Produkte, die sie nicht für den eigenen Bedarf brauchten, verkauften sie. Das wiederum ließ das Vermögen von Amana rasant ansteigen und machte sie zu einer der am wirtschaftlich erfolgreichsten Kommunen in den USA – was durchaus widersprüchlich ist, wie Stumberger erklärt:

"Die religiösen Kommunen waren auf das Jenseits ausgerichtet – das irdische Leben, Schmuck und andere Eitelkeiten waren ihnen eigentlich suspekt. Aber trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Ausrichtung stellte sich heraus, dass diese Art, sich wirtschaftlich zu organisieren, hier auf Erden zu einem großen wirtschaftlichen Erfolg führte."

Gründungsboom in den 1840ern

Amana war nicht die einzige Kommune in den USA. Während der 1840er Jahre gab es quer über das Land verteilt einen wahren Gründungsboom, sagt der Soziologe Stumberger: "Es ging dabei um Versuche, anders zu leben und zu arbeiten – also eine Alternative zu der bestehenden Gesellschaft zu schaffen."

Dabei entstanden religiöse sowie nicht-religiöse Gemeinschaften. Manche von ihnen lebten enthaltsam, andere wiederum glaubten an die freie Liebe, wie beispielsweise Oneida, eine Kommune im US-Bundesstaat New York.

Aktuelles Bild eines Einzelzimmers in der Oneida-Kommune

Rudolf Sturmberger

Die Oneida-Mitglieder lebten in Einzelzimmern, die häufig gewechselt wurden. Sie stehen symbolisch und praktisch für die Auflösung von Ehe und Familie.

Diese Entwicklungen in den USA gingen auch an europäischen sozialistischen Denkern wie Friedrich Engels nicht vorbei, der 1845 seine Beobachtungen im Aufsatz "Beschreibung der in neuerer Zeit entstandenen und noch bestehenden kommunistischen Ansiedlungen" darlegte.

"Engels sah, dass einige jener Grundsätze, die für Marx und ihn selbst wichtig waren, wie das Allgemeingut an den Produktionsmitteln, in diesen Kommunen verwirklicht war. Den Bewohnern gehörte der Grund und Boden, die Fabriken, die landwirtschaftlichen Erträge – das war eine der Grundvoraussetzungen, weshalb diese Art von Zusammenleben überhaupt realisiert werden konnte", erzählt Stumberger.

Kapitalismus in den USA

Zur gleichen Zeit entwickelte sich in den USA des 19. Jahrhunderts der Kapitalismus rasant; überall entstanden Fabriken, Stahlwerke und Eisenbahnlinien. Auf diese Weise lieferten die Kommunen, die ja gänzlich ohne Lohn und Privatbesitz auskamen, ein absolutes Gegenkonzept zu der Gesellschaft, die sie umgab.

"Es ist ein Beispiel dafür, wie damals in den USA auch Freiräume möglich waren, auch gesellschaftliche Freiräume, in denen man derartige Experimente durchführe konnte, ohne dass man vertrieben oder unterdrückt oder dergleichen wurde."

Auch wenn einige Bewohner das Leben in der Kommune als Paradies beschrieben, gab es auch "die andere Seite der Medaille", wie Stumberger es beschreibt. So blieb wenig Raum für individuelle Freiheiten oder Konsum – wer die Regeln nicht akzeptierte, musste gehen. Außerdem waren die meisten Kommunen streng paternalistisch organisiert, wo ausschließlich die "Älteren" oder ein geistlicher Führer das Sagen hatten.

Mansion House der Kommune von Oneida 1871

Rudolf Sturmberger

Das Mansion House der Kommune von Oneida im Jahr 1871

Amana: Demokratischer Beschluss setzt Schlussstrich

Heute existieren fast keine dieser Kommunen mehr - allein die Hutterer, die Amischen und die Mennoniten, die allesamt auf die radikalreformatorisch-christliche Bewegung der Täufer im 16. Jahrhundert zurückgehen, leben auch heute noch zurückgezogen in den USA nach ihren eigenen Wertvorstellungen.

Die anderen Kommunen lösten sich mangels Nachwuchs auf, gingen wirtschaftlich zu Grunde oder beschlossen auf demokratischem Wege, die Gemeinschaft aufzulösen. So etwa die Amana, deren Ära 1932, nach 77 Jahren zu Ende ging: "Die äußere Welt rückte durch die Medien und die Eisenbahn immer näher an die abgeschiedene Kommune heran, wodurch die religiösen Wertvorstellungen Konkurrenz bekamen und verblassten. Vor allem die Jüngeren waren neugierig und wollten diesen Lebensstil nicht länger aufrechterhalten", so der Soziologe. Hinzu kam die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929, die dazu führte, dass die Produkte Amanas weniger Abnehmer fanden.

"Es ist eine kleine Ironie der Geschichte, dass Amana und ihre Wirtschaftsbetriebe auch daran zugrunde gingen, dass die Weltwirtschaftskrise über die Ökonomie hereinbrach. Das kommunistische Experiment ist sozusagen an der kapitalistischen Wirtschaft gescheitert", so Stumberger.

Kommunenbetriebe in AG umgewandelt

Amana ebenso wie Oneida wandelten die Gemeinschaftsbetriebe in Aktiengesellschaften um und verteilten die Anteile unter den Mitgliedern. Auch wenn es die Kommunen heute nicht mehr gibt, ihre Unternehmen bestehen nach wie vor. Und das durchaus erfolgreich – so zählt Oneida zu den größten Herstellern für Essbesteck in den USA. Andernorts zeugen heute nur noch Museen, alte Gemeinschaftshäuser oder Kirchen von den utopischen Parallelgesellschaften der USA.

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

Mehr zum Thema:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  • Ja eh, die Hutterer-Urchristen als diaktische Materialismus-Urkommunisten

    alfredsinnegger, vor 198 Tagen, 23 Minuten

    Heute wird uns ja alles aufs Auge gedrückt.

    Die Linke in Deutschland fordert nun "Reichtum für alle“,
    was man als die hedonistische Form
    des Kommunismus bezeichnen kann –
    auch sie übrigens bei Marx zu finden,
    der sich den Kommunismus
    als eine Gesellschaft vorstellte,
    in der die Arbeitsteilung aufgehoben ist und die
    "mir eben dadurch möglich macht,
    heute dies, morgen jenes zu tun,
    morgens zu jagen,
    nachmittags zu fischen,
    abends Viehzucht zu treiben,
    nach dem Essen zu kritisieren,
    wie ich gerade Lust habe,
    ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“.
    So ein bisschen Benediktinermönch,
    könnte man sagen,
    ohne das lästige
    Glauben,
    Beten und Fasten
    oder gar Gehorsam und Keuschheit.

    • dialektische

      alfredsinnegger, vor 198 Tagen, 21 Minuten

      Materialisten

      das ...le ... reiche ich hiemit nach.

      Auch kein Rechtschreibprogramm.