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Mund eines Mädchens

Depressionstherapie: Der Gefühlsmodulator

Gefühle durch Computertechnik: Französische Forscher haben die emotionale Färbung von Stimmen künstlich verändert und Versuchspersonen vorgespielt. Resultat: Die Probanden nahmen die Veränderung nicht bewusst wahr, ihr Gefühlszentrum reagierte aber sehr wohl.

Wahrnehmung 12.01.2016

Trauer, Glück und Angst - von Emotionen wie diesen wird unser Leben geprägt, aber im Gegensatz zu unserem Denken haben wir sie nur sehr begrenzt in der Hand. Ganz unvermittelt können wir traurig oder fröhlich sein, ohne dass wir immer so genau sagen können, woher das Gefühl eigentlich kommt.

Die Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences":

"Covert digital manipulation of vocal emotion alter speakers’ emotional states in a congruent direction" von Jean-Julien Aucouturier et al., erschienen am 11. Jänner 2016.

Man geht vielfach davon aus, dass es sich um stammesgeschichtlich alte Affekte handelt, ohne die der Mensch nicht überleben hätten können. Ein gutes Beispiel dafür ist die Angst, sie funktioniert wie ein körperlicher Reflex, der Lebewesen auf einen Kampf oder eine Flucht vorbereitet.

Wechselwirkungen

Erst in den vergangenen Jahren beginnt sich diese Auffassung von den eruptiven und nicht steuerbaren Gefühlen auf der einen und kontrolliertem Denken und Handlungen auf der anderen Seite langsam aufzuweichen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Körper, über diesen nämlich lassen sich Gefühle zum Teil recht gezielt beeinflussen, wie psychologische Studien demonstrieren.

Besonders beliebt sind dabei Experimente mit der Gesichtsmuskulatur. Diese zeigen, dass nicht nur die Stimmung die Mimik prägt, sondern auch die Mimik die Stimmung. Vereinfacht ausgedrückt: Wenn man ein fröhliches Gesicht macht, ist man auch gleich fröhlicher. Diese These führte bereits zu konkreten Anwendungsoptionen: Die Gesichtsmuskulatur gezielt durch Botox zu lähmen, könnte z.B. Depressionen lindern.

Klang verändert

Versuchsanordnung

Jean-Julien Aucouturier et al.

Die Versuchsanordnung

Auch die menschliche Stimme transportiert einen emotionalen Klang. Das brachte die Forscher um Jean-Julien Aucouturier von der Université Pierre et Marie Curie auf die Idee, dass man mit ihr - ähnlich wie mit der Gesichtsmuskulatur - unsere Gefühle manipulieren könnte.

Zu diesem Zweck ließen sie sich eine spezielle Versuchsanordnung einfallen. Die über hundert Probanden sollten einen etwa 12-minütigen Ausschnitt aus einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami lesen, dabei konnte sie ihre Stimme verstärkt über Kopfhörer selbst hören.

Wobei nicht alle ganz das Gleiche hörten, denn die Forscher hatten manche Stimmen manipuliert: einem Teil wurde ein trauriger Klang verpasst, zwei anderen ein glücklicher sowie ein ängstlicher, nur die Kontrollgruppe hörte sich im Originalklang. Ob die künstliche Klangfärbung auch die gewünschte Wirkung erzielt - also ob z.B. traurig wirklich traurig klingt - , wurde vorab mit einer unabhängigen Versuchsgruppe überprüft.

Unbewusste Wirkung

Überraschenderweise hatten die meisten gar nicht bemerkt, dass mit ihrer Stimme irgendetwas geschehen war, nur einem kleinen Teil kam etwas komisch vor. Diese Tatsache hat sogar die Forscher selbst überrascht, wie Aucouturier auf Nachfrage von science.ORF.at erklärt: "Eigentlich würde man erwarten, dass man sich selbst permanent auf Fehler kontrolliert. Man denke ans Singen: Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunden korrigieren sich Sänger, wenn sie den Ton nicht treffen. Wenn wir also anders klingen als wir uns fühlen, sollten wir das auch merken." Die Ergebnisse zeigen aber, dass der Mensch darin nicht besonders gut ist.

Französische Leseproben

Neutral

Traurig

Eine Wirkung hatte die emotionale Klangfärbung aber nichtsdestotrotz. Das heißt, bei einer anschließenden Befragung hatte sich die Stimmung der Probanden tatsächlich verändert. Je nach Manipulation fühlten sie sich glücklicher oder trauriger, nur bei der ängstlichen Stimmlage hatte sich nichts getan. Das könnte laut den Forscher aber am Text liegen, der gar nicht viel mit ängstlicher Stimmung zu tun hat. Bestätigt wurden die Befragungsergebnisse auch durch eine Messung der Hautleitfähigkeit, die emotionale Veränderungen auf körperlicher Ebene zeigt.

Unbewussten Einfluss nutzen

Dies zeigt laut Aucouturier, dass wir die emotionale Information sehr wohl verarbeiten, aber eben unbewusst. Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass wir überhaupt keine Kontrolle darüber haben, welche Gefühle wir transportieren. "Wir machen das eigentlich sehr oft: anders klingen als wir uns fühlen. Ich könnte sofort eine überzeugend fröhliche Imitation machen. Schauspieler sind der lebende Beweis dieser Fähigkeit", so der Forscher.

Warum aber erkannten dann die Teilnehmer nicht, was mit ihrer Stimme passiert war. "Wir glauben, dass die durchschnittlich Selbstbeobachtung für eigene Gefühle niedrig ist", wie Aucouturier den Widerspruch erklärt. Die Forscher vermuten, dass emotionale Ausdrücke in unserem Gehirn woanders produziert werden als das Gesprochene selbst. "Dabei gibt es offenbar keine automatische Fehlerkontrolle wie das beim Sprechen der Fall ist oder anders gesagt: Wir hätten zwar die Kontrollmöglichkeit, vertrauen aber unserem Ausdruck zu sehr", so Aucouturier. Der Unterschied zwischen der inneren Verfassung und dem Klang ihrer Stimme sei den Probanden daher einfach entgangen.

Viel wichtiger sei aber die Wirkung, ergänzt Aucouturier. Denn dieser Umstand ließe sich vielleicht in Zukunft gezielt nutzen. "Denken Sie z.B. an depressive Patienten. Wenn sich diese den ganzen Tag selbst mit trauriger Stimme reden hören, werden sie immer noch depressiver", wie der Forscher anschaulich ausführt. Die Ergebnisse nähren aber auch die Hoffnung, dass man mit gezielten Interventionen diese negative Wirkspirale in Zukunft vielleicht unterbrechen könnte.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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