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Ein Bub und ein Mädchen schreiben in der Schule auf ihren Tischen

Schlechtere Physiknoten für Mädchen

Seit Jahren versucht man, mehr Mädchen für Naturwissenschaften zu begeistern. Dass es ihnen die Realität aber noch immer schwermacht, zeigt eine Studie: Demnach benoten unerfahrene Lehrer Mädchen in Physik schlechter, auch wenn sie exakt dieselbe Leistung erbringen.

Geschlechter-Unterschiede 13.01.2016

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Schülerin und beantworten in einer Physikprüfung eine Frage genau gleich wie ein männlicher Schulkollege, erhalten dafür aber eine deutlich schlechtere Note. Kaum zu glauben, aber genau das kommt regelmäßig vor, wie sich aus einer Untersuchung von Sarah Hofer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich schließen lässt.

Die Studie in "International Journal of Science Education":

"Studying Gender Bias in Physics Grading: The role of teaching experience and country" von S. Hofer, erschienen im November 2015.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen Aktuell am 12.1. um 13:55.

Hofer bat 780 Physiklehrerinnen und Physiklehrer aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Österreich, in einem Online-Test eine Prüfungsantwort zu benoten. Alle erhielten dieselbe Frage aus dem Bereich der klassischen Mechanik und die genau gleich formulierte - nur zum Teil korrekte - fiktive Schülerantwort vor.

In einer kurzen schriftlichen Einleitung wurde allerdings das Geschlecht variiert: Die eine Hälfte der Teilnehmer nahm daher an, dass sie die Antwort einer Schülerin zu benoten hätten, die andere die eines Schülers. Hofer gab vor, es gehe um einen Vergleich von verschieden Korrekturmethoden.

Benotung nach Stereotypen

Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Benotung in vielen Fällen zuungunsten der Schülerinnen ausgefallen war, allerdings nur bei Lehrpersonen, die erst weniger als zehn Jahre unterrichtet haben, wie Hofer gegenüber science.ORF.at betont.

"Bei den Lehrern, die mehr Erfahrung haben, zeigte sich kein Unterschied in der Bewertung", ergänzt Hofer. Interessanterweise gibt es auch bei den unerfahrenen Lehrern eine Ausnahme: die männlichen Junglehrer aus Deutschland - bei ihnen hatte das Geschlecht keinen Einfluss auf die Bewertung.

Erklären kann Hofer diesen speziellen Umstand anhand der erhobenen Daten nicht. Dass die deutschen Lehrer wegen Förderprogrammen für Mädchen in den MINT-Fächern (Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik, Technik) besser sensibilisiert sind als ihre Kollegen aus den anderen untersuchten Ländern, könnte eine mögliche Erklärung sein. Allerdings - wie Hofer zu bedenken gibt - gebe es in allen drei Ländern solche Programme.

Fehlerquelle: Stress

Warum aber sind - abgesehen von dieser Ausnahme - die jungen Lehrerinnen und Lehrer anfällig für Stereotype? "Die Bewertung von Leistung ist ein recht schwieriger Prozess", erklärt Hofer im Gespräch. Es gebe einige Studien, die zeigen, dass Stereotype besonders in ungewissen, stressreichen Situation herangezogen werden, um ein Urteil zu fällen.

Laut Hofer gilt das nicht nur für Physiklehrer, sondern ganz allgemein. Meist passiere das unbewusst. "Man kann sich vorstellen, dass gerade für unerfahrene Lehrer die Benotung besonders herausfordernd ist. Mit zunehmender Erfahrung entwickeln die Lehrer dann Routinen und Strukturen zur Bewältigung", so Hofer.

Bereits frühere Untersuchungen lieferten Hinweise darauf, dass Mädchen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern für die gleiche Benotung mehr leisten müssen. Meist wurde dabei jedoch das Fach Mathematik untersucht. Im Online-Test variierte die Wissenschaftlerin übrigens neben dem Geschlecht auch die Spezialisierung der fiktiven Schüler und Schülerinnen, in Sprachen oder Naturwissenschaften. Sie hatte keinen Einfluss auf die Benotung.

Gefahr bewusst machen

Hofer hätte auch Ideen, wie man der von Stereotypen geprägten Bewertung begegnen könnte. Man sollte den Lehrpersonen schon früh - also während der Ausbildung bzw. wenn sie zu unterrichten beginnen - Routinen mit klaren Kriterien in die Hand geben, die den Prozess der Benotung strukturieren.

"Eine andere Möglichkeit wäre es, den Namen der zu bewertenden Schülerinnen und Schüler auszublenden oder anstatt der Namen gleich Identifikationsnummern zu verwenden", so Hofer. Man könnte auch die Benotung mit jener von anderen Kollegen vergleichen.

Und vor allen Dingen sollten sich die Lehrerinnen und Lehrer dessen bewusst sein, dass die Gefahr einer unterschiedlichen Bewertung besteht. Diese Tatsache sollte man ihnen in jedem Fall schon während der Ausbildung vermitteln.

Eva Obermüller, science.ORF.at,
Interview: Barbara Daser, Ö1 Wissenschaft

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