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Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un

Atomprogramm mit Wurzeln in der Sowjetunion

Als am 6. Jänner die Erde gebebt hat, hat es nicht lange gedauert, bis sich Nordkorea mit einem bis heute umstrittenen Test einer Wasserstoffbombe gebrüstet hat. Staatschef Kim Jong Un bedankte sich kurz darauf bei den beteiligten Forschern für ihre Arbeit. Wer sind diese Leute, die das nordkoreanische Atomwaffenprogramm voranbringen?

Nordkorea 20.01.2016

Science.ORF.at erreichte den Nuklearforscher Siegfried Hecker von der Universität Standford, der als einer der wenigen Experten bereits mehrmals die nordkoreanischen Atomforschungsanlagen inspizieren konnte. Er verortet die Wurzeln des nordkoreanischen Atomprogramms in der ehemaligen Sowjetunion.

Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un lobte laut Angaben der Staatsmedien vor Kurzem die am jüngsten Test beteiligten Forscher und forderte sie auf, sie mögen an "noch größeren Erfolgen" arbeiten. Wer sind diese Wissenschaftler, wo haben sie ihre Ausbildung gemacht?

Zur Person:

Siegfried Hecker war von 1986 bis 1997 Direktor des Kernforschungszentrums Los Alamos im US-Bundesstaat New Mexico, wo das Atomwaffenprogramm der US-Regierung entwickelt wurde. Von 2007 bis 2012 war er Kodirektor des Center for International Security and Cooperation der Universität Stanford, wo er bis heute als Senior Fellow tätig ist. Nordkorea hat dem Nuklearexperten mehrmals Zutritt zu den Anlagen gewährt - auch um zu zeigen, wozu man imstande ist.

Links:

Ö1-Sendungshinweis:

Über Atomforschung in Nordkorea berichtete auch "Wissen Aktuell" am 19. Jänner 2016 um 13.55 Uhr.

Siegfried Hecker: Die ältere Generation wurde in der Sowjetunion ausgebildet - in Moskau, St. Petersburg, damals Leningrad, und im Forschungszentrum Dubna (Sitz des Vereinigten Instituts für Kernforschung in der Nähe von Moskau, Anm.). Das war in den späten 1950er bis in die frühen 1970er Jahre. Damals hat Nordkorea begonnen, eigene Universitätsinstitute zu Atomforschung aufzubauen. Die jüngeren Forscher haben meiner Einschätzung nach alle dort ihre Ausbildung gemacht.

Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un gratuliert - laut nordkoreanischen Angaben - den am jüngsten Atomtest beteiligten Wissenschaftlern.

APA/AFP/KCNA

Staatschef Kim Jong Un gratuliert laut nordkoreanischen Angaben den am jüngsten Atomtest beteiligten Wissenschaftlern

Gibt es denn noch einen Austausch mit ausländischen Forschungseinrichtungen?

Aktuell ist fast alles "homegrown", also ein Produkt nordkoreanischer Forschung. Aber bis in die 1970er Jahre gab es einen engen Austausch mit der Sowjetunion, die den ersten nordkoreanischen Forschungsreaktor in Yongbyon gebaut hat. Nach den 1970er Jahren gab es keinen Kontakt mehr, und es gibt aktuell meiner Einschätzung nach auch keinen Kontakt mit dem chinesischen Nuklearforschungsprogramm.

Hilfe bekam Nordkorea aber von Pakistan beim Aufbau seines Zentrifugenprogramms (zur Herstellung angereicherten - unter anderem auch waffenfähigen - Urans, Anm.). Bei der Herstellung von Waffen hat Nordkorea meiner Einschätzung nach nie mit anderen Ländern zusammengearbeitet.

Gibt es so etwas wie eine "wissenschaftliche Infrastruktur" in Nordkorea?

Ja, es gibt eine sichtbare Forschungsinfrastruktur mit Universitäten, der Akademie der Wissenschaften und dem nuklearen Komplex selbst.

Amplitude der Explosion in Nordkorea, die auch an der österreichischen Station am Conrad Observatorium in Niederösterreich registriert wurde.

ZAMG

Die Explosion in Nordkorea am 6. Jänner 2016 wurde auch an der österreichischen Station am Conrad Observatorium in Niederösterreich registriert

Waffenentwicklung wird schneller

Schon vor zwei Jahren wies Hecker bei einer Konferenz in Wien darauf hin, dass Nordkoreas Atomwaffenprogramm an Fahrt gewonnen habe. Er schätzte, dass das Land sowohl über Bomben mit hochangereichertem Uran als auch über vier bis maximal acht Bomben mit Plutonium verfüge.

Diese Einschätzung teilen auch die Experten vom US-Korea Institute (USKI) der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington. In einer 2015 veröffentlichten Studie schrieben sie, dass in den letzten Jahren bei der Entwicklung von Waffen große Fortschritte gemacht wurden und weitere Durchbrüche bevorstehen.

Die Szenarien reichen - je nach Geschwindigkeit der Entwicklung - von 20 bis 50 Uran- und Plutoniumbomben im Jahr 2020. Außerdem ist es ihrer Analyse zufolge wahrscheinlich, dass Sprengköpfe miniaturisiert werden können, sodass sie auf Mittelstrecken- und sogar Interkontinentalraketen passen.

Reiner Bluff unwahrscheinlich

Bei all diesen Aussagen handelt es sich um Einschätzungen jener wenigen Menschen außerhalb Nordkoreas, die Einblicke in das noch immer hermetisch abgeriegelte Land gewinnen konnten.

Die Meinung, dass Nordkorea nur blufft und seine Tests reine Inszenierungen sind, hört man immer seltener, wenngleich beim jüngsten Test angezweifelt wird, dass es sich tatsächlich um die Detonation einer Wasserstoffbombe handelte. Vielmehr gleichen die seismischen Wellen dem letzten nordkoreanischen Kernwaffentest aus dem Jahr 2013, bei dem keine H-Bombe gezündet wurde.

Seitens der CTBTO, jener internationalen Organisation, die mit einem Netz an Messstationen Nukleartests dokumentiert, heißt es, dass es noch lange dauern kann, bis ein Atomtest nachgewiesen werden kann.

"Nach dem (von Nordkorea, Anm.) angekündigten Test 2009 hat unser System keine erhöhten Werte gemessen, 2013 hat es 55 Tage gedauert, bis unser System radioaktive Partikel bzw. Gase aufgezeichnet hat", so Pressesprecherin Elisabeth Wächter auf Anfrage. Eines war die jüngste Detonation aber in jedem Fall: ein weiterer Hinweis, dass Nordkorea die Strategie der Aufrüstung vorantreibt.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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