Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hunde sind Gefühlsexperten"

Baby und Hund blicken sich an

Hunde sind Gefühlsexperten

Frauerl und Herrl wissen es schon lange, aber auch die Wissenschaft kommt immer mehr dahinter, wie schlau Hunde sind. Laut einer neuen Studie "denken" sie quasi in Kategorien. Sie können die Gemütslagen ihnen völlig unbekannter Hunde und Menschen einordnen – einzig durch Bilder und Geräusche, die sie von ihnen bekommen.

Verhaltensforschung 13.01.2016

Dies sei der erste Beweis dafür, dass des Menschen bester Freund ein inneres Bild von Gefühlskategorien hat, schreibt ein Team um Natalia Albuquerque von der Lincoln University.

Die Studie

"Dogs recognize dog and human emotions" von Natalia Albuquerque und Kollegen ist am 13. 1. in den "Biology Letters" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 13. 1., 13:55 Uhr.

Bilder und Töne in zwei Gemütslagen

Die Forscher bauen auf einer Reihe von Studien auf, die auch am Clever Dog Lab der Veterinärmedizinischen Universität Wien durchgeführt werden. Erst im Vorjahr berichtete ein Team, dass Hunde quasi in den Gesichtern von Menschen lesen können: Wenn Herrchen oder Frauchen böse oder gut gelaunt ist, dann reicht ein Blick in ihr Gesicht, damit es die Tiere verstehen. Nicht nur das, sie ziehen daraus auch Konsequenzen und meiden z.B. ärgerliche Gesichter.

Die verwendeten Bilder

Eine freundlich und eine finster blickende Frau

Natalie Albuquerque

Eine freundlich bzw. finster blickende Frau ...

Ein verspielt dreinschauender Hund links, ein aggressiver rechts

Natalie Albuquerque

... und das Pendant eines Hundes

Die aktuelle Studie geht noch einen Schritt weiter. Im Gegensatz zur Vetmed-Studie wurde den Hunden die Fähigkeit, verschiedene Gemütszustände von Gesichtern zu unterscheiden, nicht antrainiert. Albuquerque und ihr Team setzten die 17 Hunde, die sie verwendet haben, spontan vor einen Bildschirm und lieferten ihnen zwei Arten von Reizen: Zum einen Bilder mit den Gesichtern von Menschen bzw. anderen Hunden, zum anderen Tonbeispiele menschlicher Sprache bzw. Bellen.

Bilder wie Töne gab es in zwei Gemütslagen: glücklich/verspielt bzw. wütend/aggressiv. Diese wurden den Hunden zeitgleich gezeigt bzw. vorgespielt. Und zwar in unterschiedlichen Varianten: von passend (z.B. glückliche Gesichter mit glücklichen Tönen) bis unpassend (z.B. glückliche Gesichter mit aggressiven Tönen). Als Maß für die Frage, ob die Hunde ein inneres Bild eines Gemütszustandes haben, werteten die Forscher deren Vorliebe für passende Varianten.

Hunde bevorzugen Übereinstimmung

Diese Vorliebe sei eindeutig gegeben: Im Schnitt bevorzugten zwei Drittel der Tiere das "passende Gefühlsbild". Mit anderen Worten: Die Hunde blickten signifikant länger auf z.B. wütende Gesichter, wenn sie zugleich wütende Töne hörten. Bei Artgenossen war das zwar noch stärker der Fall, aber auch beim Menschen zeigten die Hunde eine Vorliebe für die Gefühlsübereinstimmung von Bild und Ton.

Tonbeispiele rechts: oben ein aggressiver männlicher Hund, unten ein verspielter

"Unsere Studie zeigt, dass Hunde zwei verschiedene Informationsquellen in eine kohärente Gefühlswahrnehmung integrieren können. Und zwar sowohl bei Menschen als auch bei Hunden", sagt der Studienleiter Kun Guo von der Lincoln University.

"Um das zu können, brauchen sie ein System interner Kategorisierung von Gefühlen. Diese Fähigkeit kannten wir bisher nur von Primaten; dass sie auch zwischen Arten auftritt, sogar nur beim Menschen."

Angeborene Fähigkeiten

Gegen Hundehalterinnen und –halter, die nun meinen "Das ist doch nicht neu, auch mein Liebling kann Gefühlszustände in Ton und Bild unterscheiden", kontern die Forscher mit folgendem Argument: Diese Fähigkeiten sind üblicherweise antrainiert. Die Studienhunde hingegen sahen die Bilder und hörten die Töne zum ersten Mal. Noch dazu waren letztere in einer Sprache, die ihnen völlig fremd war: Die Hunde kamen aus England, die Worte waren portugiesisch ("venha ca!" – "Komm her!").

Daraus schließen die Forscher, dass es sich bei den Gefühlskategorien um angeborene Fähigkeiten der Tiere handelt. Diese müssen sich im Zeitraum der Domestizierung des Hundes – in den vergangenen rund 10.000 Jahren – in einer Koevolution entwickelt und auch körperlich manifestiert haben.

Tonbeispiele rechts: oben eine wütende weibliche Stimme, unten eine milde

"Bei Menschen sind es bestimmte Hirnregionen oder neuronale Schaltkreise, die diese Kategorien verarbeiten, etwa Angst oder Ekel", erklärt Kun Guo gegenüber science.ORF.at. Ob sich das bei Hunden auch so verhält, sei nicht sicher. "Eine Möglichkeit, um das herauszufinden, wäre es, sie in einen Magnetresonanztomographen zu legen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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