Standort: science.ORF.at / Meldung: "Pesterreger überlebte mehrere Jahrhunderte "

Der Schädel eines ausgegrabenen Skeletts.

Pesterreger überlebte mehrere Jahrhunderte

Die Pest hat in den vergangenen Jahrhunderten Millionen von Menschenleben gekostet. Auch in Europa wütete sie in mehreren Wellen, weshalb man bisher davon ausgegangen ist, dass sie mehrmals eingeschleppt wurde. Deutsche Forscher haben nun entdeckt: Der Erreger hat in unseren Breiten mehrere Jahrhunderte überlebt.

Europa 13.01.2016

Beide Theorien möglich

Die Studie:

"Genotyping Yersinia pestis in Historical Plague: Evidence for Long-Term Persistence of Y. pestis in Europe from the 14th to the 17th Century" ist am 13. Jänner 2016 in "PLoS ONE" erschienen.

Die Pest:

Die erste belegte Pestepidemie begann im 6. Jahrhundert. Allein im 14. Jahrhundert tötete der Erreger Yersinia pestis nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO 50 Millionen Menschen.1894 wurde das Bakterium entdeckt. Heutzutage sind bei früher Diagnose die Heilungschancen durch Antibiotika hoch. Die WHO zählte dennoch 2013 knapp 800 Erkrankte wovon 126 starben.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Über den Ursprung der Pest berichtet auch "Wissen Aktuell" am 14. Jänner 2016 um 13.55 Uhr.

Sie hatte Europa immer wieder fest im Griff, jene Pestpandemie, die vom 14. bis ins 17. Jahrhundert gewütet hat. Es gibt zwei Theorien, wie die Pest bzw. der Erreger Yersinia pestis über einen so langen Zeitraum in Europa überleben konnte: Die eine geht davon aus, dass die Krankheit immer wieder über Handelswege aus Zentralasien eingeschleppt wurde.

Eine andere besagt, dass der Pesterreger auch irgendwo in Europa ein Zuhause gefunden und so die Infektionen ausgelöst hat. Beides scheint nun möglich, denn die Münchner Forscher haben einen Peststamm gefunden, dem zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert immer wieder Menschen zum Opfer fielen.

Zähne als Schlüssel zur Lösung

"Wir sind in der Lage, aus Skeletten - und hier insbesondere aus Zahnmaterial - das Erbmaterial des Erregers zu extrahieren und einen molekularen Fingerabdruck zu erzeugen", sagt Studienleiter Holger Scholz vom Institut für Mikrobiologie der deutschen Bundeswehr in München gegenüber science.ORF.at. Denn: Wird ein Mensch infiziert, gelangt der Erreger in die Blutbahn und dadurch auch in den - durchbluteten - Zahn. Die DNA bleibt auch nach dem Tod erhalten und kann selbst Jahrhunderte später noch untersucht werden.

Dadurch könne man den Pesterreger ganz genau charakterisieren und vergleichen. Der Erreger selbst, von dem das Erbmaterial heute im Labor untersucht wird, ist aber tot und deshalb auch nicht mehr ansteckend, erklärt Scholz.

Genetischer Fingerabdruck

Skelette von Pestopfern in Brandenburg aus dem 30-jährigen Krieg (1618-1648).

Seifert et al.

Skelette von Pestopfern in Brandenburg aus dem 30-jährigen Krieg (1618-1648)

30 Skelette von Pestopfern aus dem 14. bis 17. Jahrhundert wurden untersucht, aus sechs davon ließ sich das Erbgut der Pestbakterien für Analysen verwenden. Außerdem wurden die Ergebnisse mit bereits entzifferten Erregergenen anderer Skelette in Europa abgeglichen. Dabei stellten die Forscher einen nahezu identischen genetischen Fingerabdruck der Bakterien fest.

"Das bedeutet, dass es sich über Jahrhunderte und große Distanzen hinweg um ein und denselben Erreger handelt", so Mikrobiologe Scholz. In welchem Wirt der Erreger überlebt hat, ist allerdings nicht bekannt. "Vielleicht waren es Läuse, aber das können wir nicht nachweisen", so Scholz.

Militärisches Interesse

Das Institut für Mikrobiologie bei der Bundeswehr ist das nationale Referenzzentrum für Pest in Deutschland und dadurch das Zentrum für Forschungsarbeiten am Pesterreger. "Die Bundeswehr ist interessiert an Erregern, die Soldaten im Auslandseinsatz gefährden könnten. Dafür brauchen wir rasche Nachweissysteme und eine gute Kenntnis der Erkrankung, um in Ernstfall schnell reagieren zu können", sagt Holger Scholz. "In Madagaskar sind 1995 multiresistente Stämme aufgetreten, gegen die die herkömmlichen Antibiotika nicht wirken. Wir müssen also ein Augenmerk darauf legen, ob hier eine Entwicklung in Richtung multiresistente Erreger stattfindet. Dafür arbeiten wird an einer raschen Diagnostik."

Das militärische Interesse an der Forschung ist aber im Fall der aktuellen Studie nicht auf Deutschland beschränkt: Auch das US-Department of Homeland Security, also die nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York geschaffene Regierungsabteilung für Innere Sicherheit, war an der Studie finanziell beteiligt - wohl auch, um eine auch heute noch potenziell tödliche Krankheit im Blick zu behalten.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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