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Eine Spritze wird vorbereitet

Mehr Schutz durch personalisierte Impfungen

Mit der Grippesaison beginnt alljährlich auch die Diskussion rund um die Grippeimpfung. Einer der Kritikpunkte: Die Wirkung sei in vielen Fällen nicht ausreichend. Um den Impfschutz zu verbessern, setzt die Forschung auf sogenannte personalisierte Impfungen.

Österreichischer Impftag 2016 13.01.2016

Grippe, Hepatitis oder Masern - für Menschen mit einem schwachen Immunsystem sind Viruserkrankungen besonders gefährlich. Doch genau bei diesen Risikogruppen versagen herkömmliche Impfungen oft: die reguläre Dosis ist zu gering und erzeugt nicht den erwünschten Impfschutz - nicht nur bei der Grippeimpfung. Dazu gehören ältere Menschen, chronisch Kranke, Patienten mit Immunsupressionen (etwa nach Organtransplantationen oder als Folge einer Chemotherapie) und Frühchen.

Personalisierung bereits teilweise möglich

Bereits heute ist es möglich, Impfungen auf diese Risikogruppen abzustimmen, indem ein anderes Präparat gewählt oder die Zusammensetzung des Impfstoffs verändert wird. Auch das Impfschema, also Abstand und Abfolge der Dosen, kann bei Bedarf adaptiert werden. Doch Österreichs Ärzte und Ärztinnen würden solche individuellen Impfstrategien zu selten anwenden, hieß es heute bei einer Pressekonferenz zum Österreichischen Impftag in Wien.

Das müsse verbessert werden, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien: "Das Grundprinzip des Impfens ist der Individualschutz und das Erreichen einer hohen Durchimpfungsrate, damit ein 'Herdenschutz' entsteht. Wir erreichen teilweise nicht die Durchimpfungsraten, die wir haben wollen."

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtetet auch das Ö1-Mittagsjournal, 13.01., 12:00 Uhr.

Immunprofile erkennen

Zukünftig sollen die Dosis des Impfstoffs und die Zusatzstoffe bei immunschwachen Patienten gänzlich an deren Immunsystem angepasst werden können. Wissenschaftler der Universität Basel konnten in einer Studie beispielsweise zeigen, dass kleine genetische Mutationen im angeborenen Immunsystem, die Wirkung einer Grippeimpfung dramatisch verschlechtern.

Die Wissenschaftler forschen nun an einer neuen Klasse von Impfzusatzstoffen, sogenannten Adjuvantien, angepasst an das Immunprofil von Hochrisikopatienten. "Das heißt, auch die ganze Entwicklung der Impfstoffe wird sich in Zukunft ändern durch die neuen Erkenntnisse der personalisierten Medizin", sagt Wiedermann-Schmidt.

"Titerbestimmung nicht immer sinnvoll"

Ein weiterer Aspekt der Personalisierung von Impfungen ist die Titerbestimmung, also die Analyse Restwirksamkeit einer vorangegangenen Impfung. Doch solche Titerbestimmungen seien laut Wiedermann-Schmidt nicht in jedem Fall sinnvoll, gerade in Bezug auf die Normalbevölkerung.

Veranstaltungshinweis:

Der Österreichische Impftag 2016 zum Thema "Personalisierte Medizin – Personalisierte Impfungen?" findet am Samstag, den 15. Jänner 2016, im Austria Center Vienna statt.

Denn die Blutuntersuchungen seien oft teuer und durch die Tests könne ein Zeitfenster auftreten, in dem die Patienten nicht geschützt sind. Bei immunschwachen Menschen könne eine Titerbestimmung dagegen helfen, individuelle Impfpläne zu erstellen. "Und damit kann man einerseits Zeit gewinnen und auf der anderen Seite viel spezifischer und viel effektiver vorgehen", erläutert Wiedermann-Schmidt. Um das zu realisieren, sei jedoch noch einiges an Forschung notwendig.

Grippeimpfung dennoch empfehlenswert

Zurück zur Grippe: Sich jetzt impfen zu lassen, empfiehlt die Immunologin dennoch. Obwohl der Grippevirus selbst im Verlauf einer Grippewelle mutieren kann und für Angehörige der Risikogruppe die Schutzwirkung womöglich nicht ausreicht - kommt es zu einer Infektion, werde zumindest der Verlauf der Grippe durch eine vorangegangene Impfung abgemildert.

Doch die Grippe ist nicht die einzige Krankheit, bei der Durchimpfungsrate in Österreich vergleichsweise schlecht ist. "Von einer Durchimpfungsrate von 95 Prozent bei Kindern gegen Masern sind wir weit entfernt. Es gibt Jahrgänge, bei denen nur 75 Prozent der zweijährigen Kinder gegen die Masern durchgeimpft sind", sagt der Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer, Rudolf Schmitzberger. 2015 wurden in Österreich 309 Masernerkrankungen registriert. Fast drei Viertel der Betroffenen waren nicht immunisiert, unter ihnen auch im Gesundheitswesen Tätige.

Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft/APA

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