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Gewusel im Ameisenbau

Was den Schwarm intelligent macht

Ameisen treffen wichtige Entscheidungen durch "demokratische" Wahl. Sozial verhalten sich die sozialen Insekten allerdings nur im Nest, wie ein britischer Forscher herausgefunden hat: Im Außendienst agieren sie unflexibel und stur.

Ameisen 18.01.2016

Eigentlich ist Edmund Hunt Physiker. Der Forscher von der University of Bristol arbeitete nach seinem Studium für die englische Finanzmarktaufsicht - und begann sich in dieser Zeit für Komplexität und kollektive Entscheidungen zu interessieren.

Dass er schließlich von der Finanz in die Ameisenforschung wechselte, war thematisch kein so großer Bruch, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Schließlich gelten Ameisen als Paradebeispiel für Schwarmintelligenz.

"Für mich war das ein natürlicher Schritt ", erzählt Hunt gegenüber science.ORF.at. "Früher habe ich mich mit der Lenkung menschlichen Verhaltens beschäftigt, jetzt untersuche ich eben tierische Gemeinschaften. Ameisen sind erstaunliche Tiere. Wir können von ihrem Verhalten viel lernen."

Wenn das Kollektiv sein Heim verlässt

Wie auch immer tierische "Intelligenz" zu messen sein mag - dass Ameisen etwas richtig machen, zeigen schon allein ökologische Kennzahlen. Ameisen gibt es auf jedem Kontinent, von der Antarktis bis zu den Tropen. Und sie stellen dort sage und schreibe 15 bis 25 Prozent der gesamten tierischen Biomasse. Das wäre nicht möglich, wenn das Staatengefüge der Ameisen schlecht organisiert wäre.

Hier lohnt sich der Vergleich mit menschlichen Gesellschaften. Denn "Regierungen" oder zentrale Entscheidungsgremien gibt es in Ameisenstaaten nicht. Sie sind vielmehr dezentral organisiert. Ordnung entsteht im Miteinander, automatisch, ohne übergeordnete Befehlsinstanzen.

Wenn das Nest von Ameisen zerstört wird oder nicht mehr den Anforderungen genügt, schwärmen Scouts aus und suchen nach einer neuen Behausung, die einige Kriterien erfüllen muss: Sie muss sicher und stabil sein und sie muss naturgemäß auch genug Platz für alle Kasten bieten. Die Entscheidung, den Exodus anzutreten, entsteht im Kollektiv, erklärt Hunt: "Man könnte sagen, sie treffen eine demokratische Wahl."

Experiment: Informationen sickern ein

Bei den Insekten bedeutet Demokratie vor allem physische Überzeugungsarbeit. Die Arbeiterinnen animieren ihre Kolleginnen, sich ihnen anzuschließen und gehen paarweise auf Wanderschaft - "tandem running" nennen das Verhaltensforscher. Auf diese Weise breitet sich der Impuls in der Kolonie aus. Wird dabei ein Grenzwert überschritten, beginnt der Auszug des gesamten Volkes.

Wie Hunt in seiner letzten Studie an der Ameisenart Temnothorax albipennis herausgefunden hat, verhalten sich Arbeiterinnen im Außendienst relativ vorhersehbar. Müssen sie nur kurze Strecken überwinden, laufen sie langsam. Auf der Langstrecke sind sie in höherem Tempo unterwegs. Ausnahmen dieser Regel gibt es so gut wie nicht.

Was dafür spricht, dass sie ihre Route bzw. ihr Tempo bereits vor dem Start festlegen. Und diese Entscheidung lässt sich auch durch Signalstoffe, sogenannte Pheromone, nicht verändern. Hunt hat in Experimenten versucht, einzelne Ameisen durch chemische Signale, mit denen sie normalerweise uninteressante Areale markieren, von ihrem Plan abzubringen.

Schutz vor Verwirrung

Doch sie blieben stur und absolvierten ihr Programm. Reaktionen zeigten sie erst bei der nächsten Exkursion - nach Rückkehr in den Bau. "Das spricht dafür, dass Ameisen auf soziale Signale nur im Nest reagieren", resümiert Hunt.

Was ist der Sinn des Ganzen? "Ich vermute, die Ameisen schützen sich auf diese Weise vor zu vielen oder verwirrenden Informationen. Ob ein Signal wichtig ist oder nicht, zeigt sich erst durch den Kontakt mit den Artgenossen."

Der Zusammenhang zwischen Tempo und Wegstrecke wurde auch an anderen Ameisenarten nachgewiesen. Und nicht nur bei diesen: Ähnliche Muster gelten offenbar auch für die Bewegungen von Menschen, wie eine Studie aus dem letzten Jahr belegt.

Agieren vielleicht auch wir automatischer als es uns lieb ist? "Wir sind zweifelsohne zu tieferen Gedanken fähig als Ameisen", sagt Hunt. "Aber wenn sie sich die sozialen Medien ansehen: Hier kann man schon den Eindruck gewinnen, dass wir auf einfache Reize reagieren - und nicht immer allzu viel Gedanken in unsere Entscheidungen stecken."

Robert Czepel, science.ORF.at

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