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Menschen auf einem Platz

Klimawandel: Chance für ein besseres Leben

Die Klimaerwärmung nicht nur als Bedrohung sehen, sondern auch als Chance für ein besseres Leben: Dies rät Helga Kromp-Kolb, Doyenne der österreichischen Klimaforschung. Damit Klimaschutz aber tatsächlich funktioniert, müssten sich Wirtschafts- sowie Geldsystem ändern – und auch die vorherrschenden Werte, die ihnen zugrundeliegen.

Interview 14.01.2016

science.ORF.at: Laut jüngsten Umfragen in den USA leugnen 22 Prozent den Klimawandel, noch mehr glauben zwar an ihn, nicht aber, dass er vom Menschen verursacht wurde. Die Studie zeigte darüber hinaus, dass das oft mit einer politischen Überzeugung zusammenhängt. Wie würden Sie in diesen Fällen argumentieren?

Helga Kromp-Kolb: Es gibt Menschen, die ehrlich unsicher sind, weil sie im Internet zu viele verschiedene Informationen lesen – da kann ich als Meteorologin inhaltlich sachlich argumentieren. Manchmal steckt aber unter Umständen etwas ganz anderes dahinter, etwa Furcht vor Veränderung. Wir haben alle jede Menge Mechanismen, die uns leugnen lassen, was wir nicht wissen wollen.

Helga Kromp-Kolb

APA/HANS KLAUS TECHT

Zur Person

Helga Kromp-Kolb ist Leiterin des Zentrums für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit sowie stv. Leiterin des Instituts für Meteorologie der Universität für Bodenkultur.

Veranstaltungshinweis

Helga Kromp-Kolb hält am Donnerstag, den 14.1.2016 um 18:30 Uhr, im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit" in Wien einen Vortrag zum Thema "Durchbruch bei der Klimakonferenz in Paris: Wertewandel als Ursache oder Folge?". Veranstalter der Vortragsreihe ist das Umweltbundesamt.

Steckt wiederum eine Ideologie dahinter, müsste man in der Diskussion hier ansetzen und nicht am Klimawandel. Wobei ich hier nicht meine Kompetenzen sehe. Es ist allerdings fraglich, ob man über Ideologien weiterkommt – ich denke, man muss auch akzeptieren, dass es Menschen mit Ideologien gibt, die zu diesem Ergebnis kommen. Ich denke aber, Barack Obama hat nun eine Grundlage gelegt, die auch eine nächste US-Regierung nicht ohne Weiteres umkehren kann.

Auch in Österreich gibt es viele Menschen, die der Wissenschaft misstrauen. Wie kommuniziert man als Experte für Klimaschutz so, dass eine Auseinandersetzung angeregt wird und man nicht das Gegenteil bewirkt, nämlich dass Menschen abstumpfen oder sich bevormundet fühlen?

Ich bin keine Kommunikationsexpertin. Ich glaube nur, ein wesentlicher Punkt ist es, weniger die Bedrohung "Klimawandel" in den Vordergrund zu stellen, sondern mehr die Chancen aufzuzeigen, die damit einhergehen. Zu zeigen, dass Veränderung für viele bedeuten könnte, dass sie ein besseres Leben haben werden – nicht sofort, aber nach einer Übergangszeit. Je mehr Angst man hat, dass die Veränderung nachteilig ist, desto weniger will man es hören – das ist menschlich.

Ein weiterer Aspekt ist, dass hinter den Haltungen zu Umwelt, Klima, Wirtschaft etc. auch Wertvorstellungen stehen. Deshalb sollte man mehr öffentlich darüber diskutieren, was aber nur selten passiert. Werte werden implizit über Plakate, Werbungen etc. vermittelt. Das sind aber nur selten solche, die dazu führen, dass sich jemand im Klimaschutz oder für Menschenrechte engagiert. Also in Bereichen, die einem nicht unmittelbar selbst einen Vorteil bringen, sondern eher der Gemeinschaft zugutekommen.

Vor dem Hintergrund finde ich gut, dass der Papst Werte wie Kooperation, Empathie, Gemeinsinn in seiner Enzyklika Laudato si' in den Vordergrund gestellt hat - auch wenn ich kein religiöser Mensch bin. Aber diese Werte werden zu wenig propagiert.

Wie hängen diese Werte mit der Klimapolitik zusammen?

Auf internationaler Ebene - zwischen den Staaten und Völkern - spielen Werte wie Kooperation, Gleichheit und Vertrauen eine Rolle, insbesondere, wenn das Abkommen von Paris umgesetzt werden soll. Werden die CO2-Emissionen weltweit auf Null reduziert, stehen in der Gesellschaft enorme Veränderungen bevor.

Ob diese wünschenswert sind oder nicht, ist meines Erachtens eine Wertfrage. Daher muss eine Wertediskussion entstehen, wenn man eine Entwicklung will, die von der Bevölkerung mitgetragen wird – das betrifft vor allem auch Maßnahmen, die der Staat im Sinne des Klimaschutzes setzen muss.

Welche Maßnahmen?

Allgemein ist zu sagen, dass das ethische oder nachhaltige Verhalten gefördert werden muss und nicht benachteiligt - das ist Aufgabe des Staates. Wenn der Flug nach London billiger ist als die Bahnfahrt, nimmt man verständlicherweise das Flugzeug. Bei billigen Lebensmitteln aus dem Ausland ist es ähnlich.

In Österreich regt die Pendlerpauschale dazu an, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, anstatt es bei der nächstgelegenen Bahnstation stehen zu lassen und öffentlich zu fahren. Auch gibt es hierzulande zu viele verbaute Flächen, die wir für Lebensmittelanbau oder erneuerbare Energien brauchen werden. Bei Verkaufsfläche pro Einwohner ist Österreich im europäischen Vergleich Spitzenreiter, auch gibt es im Vergleich viele Straßen.

Darüber hinaus wäre bei der Steuerreform die Besteuerung von fossiler Energie auf der Hand gelegen. Auch wäre es sinnvoller, langfristig zu denken und beispielsweise Wohnungen zu sanieren anstatt einen jährlichen Heizkostenzuschuss zu leisten. Das sind einige Ansatzpunkte, die wir zum Teil auch im österreichischen Sachstandbericht Klimawandel, der 2014 erschienen ist, diskutiert haben – auch welche positiven und negative Auswirkungen damit einhergehen würden.

Derzeit sprechen wirtschaftliche Überlegungen für den Bau von Einkaufszentren und Straßen, sowie die Nutzung fossiler Energien etc. Das führt zu einer oft gestellten Frage: Geht Wachstum und Nachhaltigkeit bzw. Klimaschutz zusammen?

Das Wirtschaftssystem beruht darauf, dass die Wirtschaft wächst. Und wenn sie darauf beruht, ist sie nicht nachhaltig. Wachstum bedeutet einfach mehr Energieverbrauch und CO2-Ausstoß, weil wir derzeit in der Energietechnik noch nicht so weit sind, ganz auf erneuerbare Energien umzusteigen.

Es kann aber nicht sein, dass wir sagen, "zuerst muss sich die Wirtschaft erholen und dann betreiben wir Klimaschutz". Die Wirtschaft muss im Zuge des Klimaschutzes oder anderer Agenden verändert werden.

Es geht dabei aber nicht darum, schwarz-weiß über Kommunismus oder Kapitalismus zu reden – man muss nicht alles vom bestehenden System über den Haufen werfen. Die Spielregeln der Wirtschaft sind so zu verändern, dass sie nicht mehr von Wachstum abhängig ist. Und dazu gehört auch eine Veränderung des Geldsystems. Wenn man mit Geld viel mehr Geld verdienen kann als mit einer konkreten Arbeit, dann führt das zu einer Umverteilung von den Ärmeren zu den Reicheren, das kann nicht nachhaltig sein.

Sie appellieren seit Jahrzehnten für einen Wandel in der Klimapolitik. Wie haben Sie die Klimakonferenz von Paris miterlebt? Haben Sie das Ergebnis erwartet?

Ich habe dieses Ergebnis nicht erwartet, um ehrlich zu sein. Paris bietet jetzt eine ganz tolle Chance, wirklich etwas zu verändern. Natürlich kann es auch noch schiefgehen, aber der Rahmen ist da.

Was stimmt Sie so optimistisch? Einige der Ziele des nun auslaufenden Kyoto-Protokolls wurden – auch von Österreich – nicht erreicht. Warum glauben Sie, dass das Pariser Abkommen nun die Veränderung bringt und dass bis Ende des Jahrhunderts die CO2-Emissionen auf Null gesenkt werden können?

Die Frage hat für mich zwei Aspekte: Einerseits hat sich meines Erachtens bereits im Vorfeld zur Klimakonferenz etwas verändert. Wir haben den Prozess der Sustainable Development Goals abgeschlossen. Damit wurden erstmals alle Staaten in die Pflicht genommen und darüber hinaus - neben Themen wie Gesundheit und Bildung wie bei den Millenniumszielen davor - auch wirtschaftliche, gesellschaftliche Ziele sowie Umweltagenden auf den Plan gerückt. Das ist eine neue Sichtweise, die sehr wichtig ist und die sich auch in das Pariser Abkommen hineingezogen hat.

In Österreich ist das etwas schwieriger. Hierzulande wissen nur wenige über diese Nachhaltigkeitsziele für eine gerechtere Welt Bescheid. Ich habe meine Studenten beispielsweise nach den SDG gefragt, kaum einer kannte sie. Ich denke, dass sowohl diese Ziele als auch das Abkommen von Paris in Österreich nicht gut repräsentiert sind.

Zweitens kann man immer ein Haar in der Suppe finden, und es gibt einige Haare in der Suppe "Klimaabkommen" – so ist es auch leider weniger konkret formuliert, als ich erhofft hatte. Aber wenn ich von vornherein die Zweifel in den Vordergrund stelle, dann töte ich den Optimismus und die Dynamik ab, die in diesem Prozess entstanden sind.Deswegen halte ich es für wichtig, dass man das ernst nimmt und sagt: "Ja, das Abkommen wurde gewollt, und deshalb verlangen wir auch, dass es umgesetzt wird."

Ich halte das auch nicht für Zweckoptimismus, sondern für realistisch. Schließlich sind auch der Schutz des Ozongürtels und die Emissionsreduktionen für Luftverunreinigungen in Europa durch Selbstverpflichtungen gestartet worden.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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