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Schwarzes Loch

Sensation? Gerüchte über Gravitationswellen

Im Internet macht die Meldung vom ersten direkten Nachweis von Gravitationswellen die Runde. Das wäre eine nobelpreiswürdige Entdeckung. Eine offizielle Bestätigung gibt es nicht.

Tweets 15.01.2016

In alten Wiener Mietshäusern gibt es sie noch, die sogenannte Bassena - eine Wasserstelle am Gang, wo die Bewohner in früheren Zeiten ihre Wasserkübel füllten und dabei ins Plaudern kamen.

Dass dabei auch das eine oder andere Gerücht ausgetauscht wurde, darf man getrost annehmen, sonst gäbe es den Begriff "Bassenatratsch" im Wienerischen nicht. Heute freilich hat die Bassena ihre Bedeutung als Wasserstelle verloren, somit auch ihre soziale als Treffpunkt.

Zum Glück bietet das Internet probaten Ersatz. Twitter etwa eignet sich seiner prägnanten Botschaften wegen für Gerüchte nachgerade ideal: Man behauptet etwas, ohne es belegen zu können - aber das wirkt nicht notwendigerweise unseriös, schließlich hat eine Twitterbotschaft bloß 140 Zeichen. Für Details ist eben kein Platz.

Lawrence Krauss kolportiert

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 14.1. um 13:55.

Der amerikanische Physiker Lawrence Krauss beherrscht diese Kommunikationstechnik wie aus dem Effeff. Im September letzten Jahres notierte er via Twitter:

"Rumor of a gravitational wave detection at LIGO detector. Amazing if true. Will post details if it survives."

Forscher des sogenannten LIGO-Observatoriums in den USA könnten Gravitationswellen nachgewiesen haben, hieß es da. Das sei zwar "ein Gerücht", gleichwohl ein ganz "erstaunliches".

Gravitationswellen sind Dehnungen bzw. Stauchungen der Raumzeit. Dass es so etwas gibt bzw. geben sollte, weiß man durch Albert Einsteins Relativitätstheorie. Es wird sich auch kaum ein Physiker finden, der an ihrer Existenz zweifeln würde. Denn indirekt (etwa über die Rotation von Neutronensternen) wurden die Gravitationswellen bereits mehrfach nachgewiesen. Ein direkter Beleg steht allerdings bis heute aus, ein solcher wäre zweifelsohne eine Sensation - und würde wohl, ebenso wie der erste indirekte, mit dem Nobelpreis belohnt werden.

Kürzlich hat sich Krauss erneut via Twitter zum Thema geäußert. Diesmal:

"My earlier rumor about LIGO has been confirmed by independent sources. Stay tuned! Gravitational waves may have been discovered!! Exciting."

Man könnte darüber diskutieren, was es bedeutet, ein Gerücht unabhängig zu "bestätigen". Lawrences Fachkollege Erik Mamajek, ebenfalls ein Kosmologe, bemerkte spitz: Die Wortfolge "confirmed" und "may have been" sei Quatsch. Das mag aus sprachanalytischer Sicht zutreffen. Lawrence meinte wohl nicht den faktischen Beweis des Behaupteten, sondern nur, dass ihm das Gerücht erneut zu Ohren gekommen sei. Auf anderem Wege.

Offiziell: Schweigen

Da Lawrence nicht Teil des LIGO-Teams ist, kann er seine Informationen nur aus zweiter oder dritter Hand haben. Von wem, sagt er nicht. Was könnte dran sein? Dass die LIGO-Forscher bei der Auswertung ihrer Daten etwas entdeckt haben, ist natürlich möglich. Und viele in der Fachgemeinde hoffen auch, dass es so ist.

Offiziell gibt es kaum Informationen dazu. LIGO-Sprecherin Gabriela Gonzalez verlautbarte knapp: "Wir sammeln immer noch Daten und sind selbst mit der Überprüfung früherer Analysen noch immer nicht fertig. Sobald es Neuigkeiten gibt, werden wir sie davon hören lassen."

Da waren die Medien schon längst auf das Thema aufgesprungen und natürlich hatten sich die Gravitationswellen auch in der Blogosphäre ausgebreitet. Der tschechische Theoretiker Lubos Motl legte kürzlich nach und behauptete, die Signale würden von der Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher stammen. Quellen oder Belege fehlen auch hier, dafür gab Lubos seinem Post durch ausgedehnte Passagen physikalischer Grundlagen ein seriöseres Gesicht.

Ganz von den Gepflogenheiten seiner Zunft distanzieren konnte sich auch Lawrence nicht. Er legte dem Tratsch eine Quantifizierung bei: "Ich gebe dem Gerücht eine 10 bis 15 prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es zutrifft."

Robert Czepel, science.ORF.at

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