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Frau hält Mikrofon

"Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Journalisten"

Seit 15 Jahren gibt es science.ORF.at - ein Anlass, um nachzufragen, was sich denn in diesen 15 Jahren in Wissenschaft, Journalismus und PR verändert hat. Vom "festen Platz", den Wissenschaft heute als Thema habe, und der "größeren Nähe zu den Menschen" ist da die Rede. Und auch vom Wunsch nach "mehr Zeit, mehr Geld, mehr Journalisten".

15 Jahre science.ORF.at 22.01.2016

Im zweiten Teil einer E-Mail-Umfrage blicken Sonja Hammerschmid, Präsidentin der Österreichischen Universitätenkonferenz und Rektorin der Universität für Veterinärmedizin, Cornelia Blum, Pressesprecherin der Universität Wien, und Sven Hartwig, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Akademie der Wissenschaften, zurück und voraus.

science.ORF.at: Was hat sich in den 15 Jahren am meisten verändert in Wissenschaftsjournalismus und -kommunikation?

Schwerpunkt:

science.ORF.at setzt anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums einen Schwerpunkt zum Thema Wissenschaftsjournalismus und -kommunikation. In diesem Schwerpunkt bereits erschienen sind die Beiträge:

Sendungshinweise

Dem Thema widmeten sich auch Beiträge in Wissen aktuell (15.1., 13:55 Uhr) und dem Dimensionen Magazin (15.1., 19:05 Uhr).

Links:

Sonja Hammerschmid: Die Wissenschaft ist heute näher an den Menschen. In den vergangenen Jahren hat sich die Wissenschaft geöffnet, und die Möglichkeiten der Kommunikation haben sich massiv erweitert. Nicht nur für den Journalismus und die Wissenschaft, auch für Nicht-WissenschafterInnen gibt es zahlreiche Wege, mitzureden und mitzugestalten - Stichwort Social Media. Sie können einen gesellschaftlichen Diskurs anregen, an dem jeder teilnehmen kann. Guter Wissenschaftsjournalismus sollte sich weiterhin als eine unabhängige Instanz verstehen, der auf verantwortungsvoller Recherche beruht.

Cornelia Blum: Es wurde schneller, weil eben auch digitaler, und die wissenschaftlichen Einrichtungen in Österreich, insbesondere auch die Universitäten, haben sich im Bereich Wissenschaftskommunikation stark professionalisiert.

Sven Hartwig: Wissenschaft als Thema hat in den Medien heute einen festen Platz, sei es durch spezielle Beilagen in Zeitungen, Wissenschaftsmagazinen im Radio oder Onlinemedien wie science.ORF.at. Aktuelle Forschungsergebnisse sind dadurch in der Öffentlichkeit präsenter denn je. Das ist positiv, denn Wissenschaft geht jeden an. Durch Internet und Social Media ist Wissenschaftskommunikation heute aber auch herausgefordert: Sie muss schnell sein, viele Inhalte bieten, verschiedene Zielgruppen berücksichtigen und rasch auf unmittelbares Feedback reagieren.

Die Wissenschaft wird immer kompetitiver: Welchen Stellenwert hat da die Kommunikation ihrer Resultate? Und wie wirkt das auf die Wissenschaft zurück?

Sonja Hammerschmid: Gerade in Zeiten knapper Ressourcen ist der Wettkampf auch in der Wissenschaft zu spüren. Der Erfolgsdruck in der Forschung ist enorm. Daher ist es für einzelne Forscher, aber auch für gesamte Universitäten umso wichtiger, sichtbar zu sein und zu zeigen, was sie tun und können. Wissenschaftskommunikation und -journalismus tragen neues Wissen nach Außen und ermöglichen es der Gesellschaft teilzunehmen.

Cornelia Blum: Wissenschaft ist eine höchst kompetitive "Branche", Sichtbarkeit ist ein relevantes Kriterium, wobei für die wissenschaftliche Karriere, richtigerweise, immer noch die Einschätzung der Scientific Community entscheidend ist. Hier entwickeln sich, insbesondere durch die Social-Media-Kanäle, ganz neue Formen und Wege, um diese Sichtbarkeit zu erreichen.

Sven Hartwig: Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus haben eine wichtige Übersetzungsfunktion für die Öffentlichkeit, denn es ist letztlich die Gesellschaft, für die geforscht wird und die insbesondere die Grundlagenforschung finanziert. Den wissenschaftlichen Elfenbeinturm gibt es schon lange nicht mehr. Viele Forscher/innen sind sich bewusst, dass Wissenschaft Öffentlichkeitsarbeit braucht und engagieren sich in der Kommunikation ihrer Projekte und Erkenntnisse. Allerdings: Wissenschaft und Medien sind unterschiedliche Systeme, die unterschiedlichen Logiken folgen. Nicht alles, was wissenschaftlich interessant ist, ist auch für Journalist/innen ein Thema – und umgekehrt. Öffentlichkeitsarbeit sitzt da manchmal zwischen den Stühlen.

Sollen Wissenschaftler/innen heute selbst über ihr Tun berichten (z.B. auf Blogs, Facebook)? Oder braucht es dazu weiter Journalist/innen? Und welchen Stellenwert hat da der öffentlich-rechtliche Rundfunk?

Sonja Hammerschmid: Ich denke, es braucht beides. Die engagierten Forscher/innen, die ihre Leidenschaft für die Wissenschaft selbst gerne nach außen kommunizieren, aber auch kompetente Wissenschaftskommunikator/innen, die komplexe Inhalte und Zusammenhänge vermitteln können. Journalist/innen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk folgen einem Bildungsauftrag, vom dem die Wissenschaft und auch die Gesellschaft profitieren. Außerdem haben Journalist/innen eine Außenperspektive, die Wissenschafter/innen selbst oft nicht einnehmen können.

Cornelia Blum: Blogs und ähnliche Instrumente ermöglichen Einblicke der besonderen Art in die Wissenschaft - eine oft, aber nicht immer passende Form. Gerade wenn es um die Darstellung, die Vernetzung der Information zu wissenschaftlichen Erkenntnissen von verschiedenen Forschungsteams - teils aus unterschiedlichen Disziplinen - geht, bleibt der Wissenschaftsjournalismus ein wichtiger Partner.

Sven Hartwig: Gerade die jüngere Generation von Forscher/innen nützt die modernen Medien ganz selbstverständlich. Bei vielen geförderten Projekten wird heute auch eine Präsenz im Web erwartet. "Open Access" und "Open Science" ermöglichen Wissenschaftler/innen ihre Forschungsergebnisse oder sogar den Forschungsablauf unmittelbar öffentlich zugänglich zu machen. Journalist/innen braucht es weiterhin. Als "Gatekeeper", die Informationen kritisch prüfen, und als Multiplikatoren, die ein breites Publikum erreichen.

Was ist die Aufgabe von Wissenschaftsjournalismus heute? Was wünschen Sie sich von ihm?

Sonja Hammerschmid: Wissenschaftsjournalismus soll in erster Linie unabhängig informieren und Einblicke in sonst verschlossene Welten ermöglichen. Ich wünsche mir fundierte und gut recherchierte Berichte über Forschungsthemen, die das breite Spektrum der Forschungslandschaft zeigen. Wissenschaftsjournalismus darf jedoch auch nicht übers Ziel hinausschießen. Sensationsgier und zu enthusiastische Formulierungen können falsche Hoffnungen wecken und die Wissenschaft auf Dauer unglaubwürdig machen.

Cornelia Blum: Stärker denn je ist es die Aufgabe, neue Formate, Formen zu entwickeln, um die "Gatekeeper-Funktion" wahrnehmen und weiterentwickeln zu können. Die Informationsdichte macht es für den Einzelnen immer aufwändiger zu identifizieren, wo die zentralen Entwicklungen in einem Bereich stattfinden. Dies gilt auch für die Wissenschaft. Hier wünsche ich mir viel Kreativität und Offenheit für Neues.

Sven Hartwig: Übersetzen, Informieren, Hinterfragen - darin sehe ich die Aufgabe von Wissenschaftsjournalismus. Dafür wünsche ich dem Wissenschaftsjournalismus: mehr Zeit, mehr Geld und mehr Journalistinnen und Journalisten.

Elke Ziegler, Lukas Wieselberg, science.ORF.at