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Ein Joint

Kiffen macht doch nicht dumm

Der häufige Konsum von Marihuana soll das Nervensystem schädigen und kann mitunter den Intelligenzquotienten senken - eine aktuelle Studie widerspricht dieser gängigen These. Diese Spätfolgen gebe es zwar häufig, sie hätten aber andere Ursachen.

Zwillingsstudie 19.01.2016

Ein Fünftel der österreichischen Schülerinnen und Schüler gibt an, schon einmal Cannabis konsumiert zu haben (Quelle: Bericht zur Drogensituation 2015, Bundesministerium für Gesundheit). Gerade in diesen jungen Jahren soll der Konsum der sogenannten weichen Droge schwerwiegende Folgen zeitigen, wie etwa eine Langzeituntersuchung aus dem Jahr 2012 nahelegt.

Die Studie:

"Impact of adolescent marijuana use on intelligence: Results from two longitudinal twin studies" von Nicholas J. Jackson et al., erschienen am 18. Jänner 2016 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Demnach kann der Hanfkonsum das zentrale Nervensystem unwiderruflich schädigen und den Intelligenzquotienten (IQ) senken. Der IQ nehme umso stärker ab, je früher die Menschen beginnen, Cannabis zu sich zu nehmen. Andere Studien beschreiben auch Auswirkungen auf das Erinnerungsvermögen, die Aufmerksamkeit und auf die sprachlichen Fähigkeiten.

Messbarer Intelligenzabbau

Wie die Forscher um Nicholas J. Jackson von der University of Southern California in ihrer soeben erschienenen Arbeit schreiben, lasse sich aus den meisten Untersuchungen jedoch nicht eindeutig ableiten, dass Marihuana tatsächlich die Ursache des geistigen Abbaus ist. Es könnten auch andere Einflussfaktoren eine Rolle spielen.

Um das abzuklären, haben sie den Zusammenhang noch einmal in zwei Zwillingsstudien, die Heranwachsende über mehrere Jahren begleitet haben - in einem Zeitraum vom zehnten bis zum 18. Lebensjahr -, überprüft.

Wie in den meisten Studien davor zeigte sich auch hier ein Zusammenhang: Bei jenen, die Cannabis konsumiert hatten, war die mit Standardmethoden gemessene Intelligenz von der Kindheit bis zum jugendlichen Alter gesunken. Die Menge des konsumierten Suchtmittels hatte allerdings keine Auswirkungen darauf, wie schwerwiegend die Folgen ausfielen.

Familiäre Defizite

Um eventuelle genetische Veranlagungen und andere, z.B. familiäre, Einflüsse auszuschließen, verglichen die Forscher zusätzlich Zwillingspaare, von denen jeweils einer Marihuanaerfahrungen hatte und der andere nicht.

Dabei ergab sich plötzlich ein anderes Bild: Weder bei den eineiigen noch bei den zweieiigen Geschwistern war ein Unterschied bei der Intelligenzentwicklung feststellbar. Das lege nahe, dass der in den meisten Studien gemessene geistige Abbau gar nicht vom Drogenkonsum verursacht worden ist. Auch genetische Einflüsse schließen die Autoren aus, sonst hätte es Unterschiede zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen gegeben.

Wie die Forscher schreiben, liegt die wahre Ursache vermutlich im familiären Umfeld. Damit ist explizit nicht der sozioökonomische Status gemeint - der wurde nämlich rausgerechnet. Vielmehr könnten Defizite in der Familienkultur zum Tragen kommen, etwa zu wenig Zuwendung und Rückhalt seitens der Eltern oder zu wenig Unterstützung in der Schule - und dies lasse die Jugendlichen auch eher zu Cannabis greifen. Warum dann bei den Zwillingspaaren einer die Droge konsumiert, der andere hingegen nicht, können die Forscher damit jedoch nicht erklären.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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