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Ein Schmied schmiedet eine Sichel

Ein Märchen aus der Bronzezeit

Schon lange bevor Geschichten aufgeschrieben wurden, haben einander die Menschen Märchen und Fabeln erzählt. Mit statistischen Methoden konnten Forscher nun zeigen, wie weit die Wurzeln von Rumpelstilzchen und Co in die Vergangenheit reichen. Eines der Märchen stammt sogar aus der Bronzezeit und wäre damit mehrere tausend Jahre alt.

Erzählungen 20.01.2016

Schon die Gebrüder Grimm wiesen darauf hin, dass viele der von ihnen aufgezeichneten und 1812 erstmals publizierten "Kinder- und Hausmärchen" auch im slawischen, indischen und persischen Sprachraum auftauchen.

Die Brüder vermuteten, dass die Erzählungen Überbleibsel einer alten indoeuropäischen Tradition sind, die sich von Skandinavien bis nach Südasien erstreckte. Sie waren auch überzeugt, dass manche der Geschichten tausende Jahre alt sein mussten. Nur ohne schriftliche Belege ließ sich das schwer nachweisen.

2.000 Geschichtstypen

Die Studie in "Royal Society Open Science":

"Comparative phylogenetic analyses uncover the ancient roots of Indo-European folktales" von S. Graca da Silva und J.J. Tehrani, erschienen am 20. Jänner 2016.

Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen aktuell am 20.01. um 13:55.

Um die Entwicklung von Volksmärchen zu rekonstruieren, entwickelten finnische Forscher dann Ende des 19. Jahrhunderts die geographisch-historische Methode zur systematischen Analyse. Man versuchte auf Basis von sachlichen und sprachlichen Gründen im Wust der weltweit mündlich überlieferten Geschichten eindeutige Typen zu finden und zu klassifizieren.

In dieser Tradition steht auch die umfassendste systematische Erfassung aller Volksgeschichten, der sogenannte Aarne-Uther-Thompson Index (ATU), der von Antti Aarne 1910 entwickelt, dann von Stith Thompson ergänzt und 2004 von Hans-Jörg Uther überarbeitet wurde. Der Index listet mehr als 2.000 Geschichtstypen, die sich über 300 verschiedene Kulturen verteilen.

Man vermutet, dass jeder Typ auch irgendwo einen Archetyp besaß, auf den er zurückgeht. Sehr spezielle Formen sind demnach vermutlich jüngere Varianten, weit verbreitete wahrscheinlich ältere.

Stammbaumanalysen

Erst seit wenigen Jahren versucht man nun, mit neuen - von der Biologie übernommenen - quantitativen Methoden, kulturübergreifende Textbeziehungen zu identifizieren. Mit dieser "phylogenetische Methode" lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse und Entwicklungen nachzeichnen.

Vor gut zwei Jahren hat Jamshid J. Tehrani von der Durham University damit bereits den Stammbaum von "Rotkäppchen" analysiert. In seiner aktuellen Arbeit hat der britische Forscher die Methodik nun noch weiter verfeinert, um die Wurzeln prototypischer Volkserzählungen zu rekonstruieren und ungefähr zeitlich festzumachen.

Als Daten haben er und Graca da Silva von der Universidade Nova de Lisboa Geschichtstypen aus dem ATU-Index verwendet, und zwar 275 Typen aus der Übergruppe der Zaubermärchen (Tales of Magic, ATU 300 - ATU 749), weil dies die größte und am weitesten verbreitete Form darstellt. In ihrem Mittelpunkt stehen meist Wesen oder Objekte mit übernatürlichen Kräften. Dazu zählen z.B. so bekannte Märchen wie "Brüderchen und Schwesterchen", "Rumpelstilzchen" und "Tischlein, deck' dich".

Sprachliche Spuren

Die Geschichten mit ihren Protagonisten und Handlungen sind gewissermaßen das "genetische" Material für den Blick in die Vergangenheit. Vorab identifizierten die Forscher das Vorkommen der Erzählungen in 50 indoeuropäischen Sprachen. Um eindeutige Spuren der Abstammung zu finden, verwendeten sie bereits existierende Stammbäume der indoeuropäischen Sprachentwicklung.

Darüber hinaus wurde die geografische Verteilung - also Entfernung und Nachbarschaften - in die Analyse miteinbezogen. Damit konnten die Forscher ausschließen, dass nur die räumliche Nähe für die Ähnlichkeit von Geschichten verantwortlich ist. Im Gegenteil: Zwischen benachbarten, aber sprachlich nicht verwandten Gruppen gab es besonders wenige Überschneidungen bei den Geschichten.

Offenbar wollte man die Erzählungen der unmittelbaren Nachbarn nicht haben. Für die Autoren ein weiteres Zeichen dafür, dass die vertikale Weitergabe - also die Überlieferung von Generation zu Generation in derselben sprachlichen Familie - die wichtigere Achse darstellt.

Tausende Jahre alt

Auf der Basis dieser Daten ermittelten die Forscher mit statistischen Verfahren die Abstammungslinien der Geschichtstypen und erstellten einen Stammbaum. Bei 100 der 275 Prototypen fanden sie signifikante Parallelen mit der sprachlichen Entwicklungsgeschichte. Demnach muss es einen großen Teil der Märchen schon lange vor ihrer schriftlichen Aufzeichnung gegeben haben.

Märchengrafik

Graca da Silva, Jamshid J. Tehrani

Die ATU-Geschichtstypen zugeordnet zu den Sprachfamilien, die statistisch wahrscheinlicheren Nummern sind fett gedruckt, ganz oben im Baum ATU 330.

Als Beispiele nennen die Autoren zwei der bekanntesten Märchen: "Die Schöne und das Biest" (ATU 425C) und "Der Name des übernatürlichen Helfers" (ATU 500), bei uns bekannt als "Rumpelstilzchen". Schon bisher ging man davon aus, dass sich zu beiden Handlungen Vorläufer in der griechischen und römischen Mythologie finden.

Mit der neuen Methode lassen sich ihre Wurzeln bis zur Entstehung der großen indoeuropäischen Sprachgruppen zurückdatieren - die sich im Zeitraum von vor 6.500 bis vor 2.500 Jahren gebildet haben. Es könnte sie laut den Forschern sogar schon in der letzten gemeinsamen indoeuropäischen Sprache gegeben habe.

Zu den Urgeschichten

Generell lassen sich aber in Richtung dieser Wurzel immer weniger der Erzähltypen statistisch identifizieren. Das liegt auch daran, dass die sprachliche Entwicklung in dieser fernen Vergangenheit mit vielen Unsicherheiten behaftet ist.

Dennoch konnten die Forscher den Ursprung für einige Geschichten sehr weit zurückverfolgen. In der Italisch-Keltisch-Germanischen Protosprache soll es demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit schon vier der Typen gegeben haben, darunter z.B. "Die Tierbraut" (ATU 402), in Grimms Märchensammlung taucht er unter anderem als der "Der arme Müllerbursch und sein Kätzchen" auf.

Inhalte aus der Entstehungszeit

Einen Typus soll es den Berechnungen zufolge tatsächlich schon in der gemeinsamen indoeuropäischen Sprache, während der Bronzezeit, gegeben haben: "Der Schmied und der Teufel" (ATU 330), das Märchen fand sich noch unter diesem Titel in der Erstausgabe der Grimm'schen Kinder- und Hausmärchen. Heute sind noch Varianten der Geschichte dort nachzulesen: "Bruder Lustig" und "Der Spielhansl".

Es geht bei diesem Handlungsmuster meist um einen Schmied, der einen Pakt mit einem böswilligen übernatürlichen Wesen schließt. Im Austausch für seine Seele erhält er Güter, besondere Fähigkeiten oder Dinge, mit dem der gerissene Schmied den Bösewicht in manchen Varianten wieder austrickst.

Dass die Geschichte schon so früh auftauchte, ist laut den Autoren sehr plausibel. Immerhin spielte die Metallverarbeitung damals eine große Rolle. Anthropologen vermuten schon länger, dass die meisten Volksmärchen Facetten aus der Lebenswelt zurzeit ihrer Entstehung widerspiegeln.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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