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Ein Stecker und eine Steckdose

Greenpeace: Atomstrom teurer als Windstrom

Großbritannien plant den Bau eines neuen Kernkraftwerks: Dafür sind hohe Beihilfen der öffentlichen Hand nötig, und dagegen hat Österreich im Vorjahr vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) geklagt. Greenpeace liefert den Atomkraftgegnern nun neue Argumente: Der britische Atomstrom sei deutlich teurer als vergleichbarer Windstrom.

Umstrittenes AKW 21.01.2016

"Das Kraftwerk ist also nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnlos", sagt Adam Pawloff, der Klima- und Energiesprecher von Greenpeace Österreich.

Hinkley Point C – von Österreich geklagt

Seit den 1970er Jahren ist das Kernkraftwerk Hinkley Point, an der Südwestküste Englands, in Betrieb. Vor drei Jahren gab der britische Premier David Cameron bekannt, dass zwei weitere Reaktoren hinzukommen sollen – die ersten Neubauten dieser Art in Großbritannien seit fast 20 Jahren: Hinkley Point C soll im Jahr 2025 in Betrieb gehen und dann eine Leistung von 3,2 Gigawattstunden liefern – das sind rund 8,5 Prozent des britischen Energiebedarfs pro Jahr.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 21.1., 13:55 Uhr.

Gebaut werden soll das Kraftwerk von dem französischen Energieversorger EdF, gemeinsam mit dem chinesischen Nuklearunternehmen CGN. Aber: Die ganze Sache ist ziemlich teuer. Alleine die Baukosten sollen über 30 Milliarden Euro betragen. Und dann gibt es noch jede Menge Beihilfen zum künftigen Strompreis. Den Betreibern des Kernkraftwerks wird 35 Jahre lang ein fixer Preis garantiert. Liegen die Marktpreise darunter, dann kommt der Differenzbetrag von der britischen Regierung – bzw. den britischen Steuerzahlern.

Gegen diese und weitere staatlichen Garantien hat Österreich im Sommer 2015 vor dem Europäischen Gerichtshof geklagt – genauer gesagt: gegen die vorangegangene Genehmigung dieser Beihilfen durch die EU-Kommission. Dazu gibt es eine weitere Klage von Greenpeace und mehreren Ökostromanbietern vor dem Gericht der Europäischen Union.

Zehn Euro pro Megawattstunde billiger

Atomkraftgegner – in Österreich in der Mehrheit, in Großbritannien deutlich in der Minderheit – verweisen auf die zahlreichen Gefahren der Energieform: von der ungelösten Frage, wie man die benötigten Brennstäbe entsorgt, bis zu Unfällen à la Fukushima. Dass AKWs auch ökonomisch auf tönernen Füßen stehen, versucht nun die aktuelle Studie von Greenpeace zu beweisen.

Die Energieanalysten Energy Brainpool haben für die Umweltschutzorganisation die Gesamtkosten für Hinkley Point C errechnet. Sie kommen dabei für 35 Jahre auf 108,6 Milliarden Euro, alleine die Strompreisförderungen sollen 55 Milliarden ausmachen.

Eine Anlage, die Strom aus Windenergie und Windgas erzeugt, wäre im gleichen Zeitraum um über sieben Milliarden Euro günstiger. Die gleiche Tendenz gibt es laut Greenpeace auch beim Strompreis. Den AKW-Betreibern wurde von der britischen Regierung ein Preis von 120,3 Euro pro Megawattstunde garantiert, die Variante Windstrom läge mit 110,5 Euro um acht Prozent darunter.

Hier soll Hinkley Point C errichtet werden

APA/AFP/Justin Tallis

Hier soll Hinkley Point C errichtet werden

2.800 Windkrafträder wären nötig

Das Wind-Pendant zu Hinkley Point C ist aber einigermaßen groß: 2.800 heute üblicher Windkraftwerke wären an Land notwendig, offshore wären es etwa 110 Windparks wie Alpha Ventus in Deutschland , das aus zwölf Windkraftwerken besteht.

Die Windanlagen könnten in der gleichen Zeit – oder schneller – gebaut werden wie Hinkley Point C und würden mit heute bereits vorhandenen Technologien funktionieren. Darunter auch Windgas oder "Power to Gas", wie Adam Pawloff erklärt:

"Manchmal bläst viel Wind, manchmal wenig. Es muss aber immer eine bestimmte Grundversorgung mit Energie bereitgestellt werden. Dafür sorgt diese Technologie. In Zeiten von Überschuss an Wind und Strom wird mittels Elektrolyse Wasserstoff und Methan hergestellt. Das kann in das bestehende Gasnetz gespeichert werden und liefert in Zeiten mit weniger Wind via Gasturbinen den nötigen Strom." In einem schwachen Windmonat würde rund ein Drittel der Kapazität auf diese Weise hergestellt werden.

Ökonomische Fragezeichen

Ob die aktuelle Studie zu einer Änderung des britischen Vorhabens führt, ist fraglich. Und dennoch hängen viele ökonomische Fragezeichen über Hinkley Point. Laut Nachrichtenagentur Reuters könnten die finanziellen Risiken für den Betreiber EdF existenzbedrohend sein.

Ein endgültiger Vertrag mit dem chinesischen Partner sei noch nicht unterschrieben und es gebe auch noch keinen definitiven Beschluss, das Kraftwerk überhaupt zu bauen. Und das könnte nicht zuletzt mit dem ausstehenden Urteil zur Klage Österreichs vor dem Europäischen Gerichtshof zu tun haben: Dieses ist spätestens 2017 zu erwarten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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