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Ein Patient bekommt eine Infusion.

Krebstherapie: Wer soll das bezahlen?

Medikamente, die monatlich mehrere tausend Euro kosten und die Lebenszeit eines Patienten letztlich um wenige Tage bis Wochen verlängern - in der Krebstherapie ist das medizinischer Alltag. Dieser Alltag stellt das gesamte Gesundheitssystem vor die Frage: Wer soll das bezahlen?

Debatte 25.01.2016

1.500 pro Beutel, 40.000 Euro pro Jahr

In den letzten sechs Jahren kamen in Europa 76 neue Krebsmedikamente auf den Markt, auch eines mit dem Namen Opdivo. Es wird bei fortgeschrittenem Haut-, Lungen- und Nierenkrebs eingesetzt und veranlasst das Immunsystem des Körpers, den Tumor zu bekämpfen. "Das ist natürlich ein sensationeller Durchbruch - vor allem beim Lungenkarzinom, wo die Chemotherapie etabliert war und das neue Medikament zu einer verdoppelten Lebenserwartung von einem Jahr sorgt", sagt der Krebsspezialist Christoph Zielinski, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie am AHK Wien.

Alle zwei Wochen bekommt ein Patient intravenös einen Beutel des Medikaments verabreicht. Kosten pro Zehn-Milliliter-Beutel: 1.500 Euro, Kosten pro Jahr: knapp 40.000 Euro. Und: Nicht alle neuen Krebsmedikamente sind so vielversprechend wie Opdivo.

Ö1-Sendungshinweis

Über Krebsmedikamente und die heikle Kostendebatte berichtet auch das Mittagsjournal am 25. Jänner 2016. Zu Gast im Mittagsjournal ist außerdem der Präsident der Krebshilfe, der Gynäkologe Paul Sevelda.

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"Weniger als drei Monate"

Die Sozialmedizinerin Claudia Wild leitet das Ludwig-Boltzmann-Institut for Health Technology Assessment, wo technologische Entwicklungen im Gesundheitsbereich hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das gesamte System analysiert werden. Gemeinsam mit ihrem Team hat Wild die in den letzten Jahren zugelassenen Krebsmedikamente auf Basis jener Studien bewertet, die bei der Einreichung an der European Medicines Agency (EMA) vorgelegt wurden.

Dabei zeigte sich, so Wild, dass "25 Prozent der Medikamente gegenüber der Standardtherapie gar keinen Überlebenszeitvorteil haben, rund 50 Prozent bringen ein Überleben von ein paar Tagen bis drei Monaten. Nur 25 Prozent verlängern das Leben um mehr als drei Monate, davon zwei Medikamente um mehr als ein Jahr."

Hinzu kommt: Oft haben die Behandlungen massive Nebenwirkungen, weil sie erst dann eingesetzt werden, wenn klassische Behandlungsformen nicht angeschlagen haben und der Körper von Krankheit und Chemotherapie bereits geschwächt ist.

Heikles Kosten-Nutzen-Kalkül

Bei drei Vierteln der Medikamente geht es also um einen "Gewinn" von weniger als drei Monaten Lebenszeit im Endstadium einer Krebserkrankung bei gleichzeitig hohen Kosten. Sozialmedizinerin Wild sagt deshalb: "Es muss eine Abwägung gefunden werden zwischen dem individuellen Nutzen für den einzelnen Patienten und dem sozialen Nutzen für die Bevölkerung, weil es eben diese Frage gibt, was mit dem Geld sonst noch gemacht werden könnte." Unethisch findet sie diese Überlegungen nicht: "Die Ökonomie gilt immer als unethisch, aber in Wahrheit ist es ja ethisch, wenn ich mir überlege, wohin die Ressourcen, die ich in einem Solidarsystem habe, eigentlich fließen."

Andere europäische Länder haben solche Überlegungen bereits angestellt. Norwegen etwa hat genau festgelegt, welche Medikamente zu wenig Nutzen bringen und deshalb vom Staat nicht bezahlt werden. Und selbst die Krebsmediziner sprechen sich dafür aus, genau hinzuschauen. Die European Society for Medical Oncology (ESMO) hat zu diesem Zweck eine eigene Skala entwickelt: "Wir haben genaue Kriterien definiert, was ein klinischer Vorteil ist und wann Nebenwirkungen so problematisch sind, dass der erzielte Vorteil durch eben diese Nebenwirkungen wieder neutralisiert wird", so Krebsmediziner Zielinski, Koautor der ESMO-Skala.

Aber er sagt auch: Um den Vorteil zu bewerten, dürfe man nicht nur eine Substanz für sich nehmen. Stattdessen müsse auch erforscht werden, was passiert, wenn mehrere Wirkstoffe nacheinander eingesetzt werden.

Krankenhäuser verweigern großteils Auskunft

Die ESMO-Skala könnte bei der Festlegung helfen, welche Medikamente der Staat zahlt und welche nicht - und diese Festlegung wird notwendig sein, wie Anfragen von science.ORF.at bei drei großen österreichischen Krankenhäusern zeigen: Schon 2014 hat etwa die Uniklinik Innsbruck knapp zehn Millionen Euro für die neue Generation der Krebsmedikamente bezahlt, das ist ein Viertel aller klinikweiten Ausgaben für Medikamente.

Die Kliniken in Graz und in Wien geben auch auf Anfrage keine Zahlen bekannt. Begründung in Graz: Es sei "unbestritten, dass die neuen Krebsmedikamente zu den herausragenden Kostentreibern im Spitalswesen gehören". Eine Diskussion über den betriebswirtschaftlichen Aspekt sei aber nicht im Sinn der Patienten. In Wien heißt es, man befinde sich gerade in Verhandlungen mit der Pharmaindustrie: "Die Bekanntgabe von Zahlen wäre für den Verhandlungsprozess nicht förderlich."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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