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Wien: Blick über die Innere Stadt in Richtung 22. Bezirk mit den Hochhäusern auf der Donauplatte

Wien zum Anhören

Töne, Stimmen, Musik, Geschichten und Radioreportagen sind an ihre originalen Schauplätze zurückgekehrt: Die Österreichische Mediathek stellt ihren akustischen Online-Stadtplan von Wien vor. Damit werden 300 digitalisierte Aufnahmen aus dem Tonarchiv auf ganz Wien verteilt.

Audiostadtplan 26.01.2016

Wer wissen möchte, wie es geklungen hat, als Anfang des 20. Jahrhunderts die Besucher in den Wiener Wurstelprater gelockt wurden oder wie das Fußballstadion auf der Hohen Warte bebte, als Österreich gegen Ungarn mit 6:2 Toren in Führung ging, der kann sich das am Wiener "Online-Stadtplan" der Mediathek Österreich anhören - via Handy, Tablet oder Computer.

Audio: "Szenen aus dem Wurstelprater" - Hörbild aus dem Jahr 1903

Audio: 1932: Das österreichische "Wunderteam" schlägt Ungarn 8:2 im Stadion Hohe Warte

Die Österreichische Mediathek ist eine Außenstelle des Technischen Museums Wien. Das audiovisuelle Archiv enthält über zwei Millionen Tonaufnahmen und Videos zur österreichischen Kultur- und Zeitgeschichte.

Ö1 Sendungshinweise

Diesem Thema widmeten sich am 26. Jänner 2016 auch das Morgenjournal und Leporello.

"Es gibt auch die Funktion, den eigenen Standort zu bestimmen, wo man dann sieht, welche Töne sich in seiner Nähe befinden. So kann man seine Umgebung vielleicht neu kennenlernen", erklärt Gabriele Fröschl von der Österreichischen Mediathek gegenüber science.ORF.at.

300 aus 130.000

Insgesamt haben es 300 Tonaufnahmen aus dem 130.000 Schellak-Platten umfassenden Tonarchiv auf den Stadtplan geschafft. Hier wurden die einzelnen Aufnahmen, Stimmen und Geschichten digital verortet und mit Hintergrundinformationen versehen. "Es war wichtig, dass der Ton einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Ort hat, das heißt, dass der Ton an diesem Ort tatsächlich aufgenommen wurde, dass ein Musikstück dort komponiert, Lebensgeschichten und Romane über diesen Ort erzählen etc.", erklärt Fröschl. "Diese Verbindungen werden auch extra beschrieben. Für jeden Ton und Ort gibt es eine kurze Geschichte."

Unter den Aufnahmen befinden sich auch Klänge, die längst aus den Gassen Wiens verschwunden sind, wie beispielsweise die jüdischen Kantorengesänge, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem in der Neudeggergasse 12 im 8. Wiener Gemeindebezirk zu hören waren - wie unser Beispiel zeigt. "Die meisten Synagogen sind 1938 im Zuge der Novemberpogrome zerstört worden und existieren demnach heute nicht mehr. Der Ton aber blieb erhalten. Das finde ich besonders faszinierend", erzählt Fröschl.

Audio: Zavel Kwartin, Oberkantor der Synagoge Neudeggergasse, singt das "Hschkiwenu" (1909)

Oral-History und Romane

Abgesehen von historischen findet man im Stadtplan aber auch Stimmen der jüngeren Vergangenheit verortet. So erzählen beispielsweise Bewohner der Stadt Wien ihre Jugenderinnerungen aus dem Wiener Resselpark und Schriftsteller lesen an Originalschauplätzen Auszüge aus ihren Romanen, wie z.B. Doron Rabinovic aus seinem Roman "Ohnehin".

Audio: Erwachende Sinne am Naschmarkt. Doron Rabinovici, "Ohnehin"

"Diese Aufnahmen wurden zum Teil extra für das Stadtplan-Projekt gemacht. Das Österreichische Archiv ist also nun um ein paar Tonaufnahmen gewachsen", erzählt Fröschl.

Die 300 Tonaufnahmen reichen vom Kahlenberg bis nach Rodaun und zur Seestadt Aspern. In den nächsten Jahren sollen weitere Klänge aus dem umfassenden Tonarchiv digitalisiert und in den Stadtplan gestellt werden. "300 Tonaufnahmen sind erst der Anfang", betont Fröschl.

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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