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Aedes Aegypti-Moskito

Die unheimliche Zika-Ausbreitung

Reisewarnungen für Schwangere, bereits 21 betroffene Länder allein in Amerika. Knapp ein Jahr nach dem Auftauchen in Brasilien bekämpfen fast alle Länder Lateinamerikas das Zika-Virus. Es steht im Verdacht, Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen auszulösen, aber auch mit anderen Erkrankungen wird es in Zusammenhang gebracht.

Epidemie 26.01.2016

Tausende Militärs werden nun zum Anti-Mücken-Kampf in die Favelas geschickt. Und selbst auf den Bussen im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco wird großformatig zum Schutz gegen Moskitos aufgerufen. "Gemeinsam besiegen wir die Aedes aegypti", lautet dort der Slogan, versehen mit einem Bild der Moskitoart. In Krankenhäusern der Großstadt Recife verfolgen Mütter derweil äußerst angespannt, wie mit einem Zentimeterband die Schädel ihrer Babys gemessen werden.

Hier im Norden Brasiliens nahm die dramatische Ausbreitung des von der Aedes-Mücke übertragenen, mysteriösen Zika-Virus in Amerika ihren Ausgang. Der Verdacht: Die massive Häufung eines zu kleinen Schädelvolumens bei Neugeborenen (Mikrozephalie) kann im Zusammenhang stehen mit einer Zika-Infektion bei Schwangeren. Wie ernst die Lage ist, zeigt eine drastische Maßnahme. Am 13. Februar will Brasiliens Regierung 220.000 Soldaten einsetzen, die in betroffenen Gebieten von Haus zu Haus gehen und bei der Bekämpfung der Aedes-Mücken helfen.

Reisewarnung für Schwangere

"Seit 30 Jahren gibt es diese Moskitos im Land und wir haben es nicht geschafft, sie zu eliminieren", betont Gesundheitsminister Marcelo Castro. Als weitere Maßnahme sollen rund 400.000 schwangere Frauen aus ärmeren Schichten, die Sozialleistungen im Rahmen des Programms "Bolsa Familia" bekommen, Moskitoschutzmittel erhalten.

Brasilien rief wegen der starken Mikrozephalie-Zunahme schon im November den gesundheitlichen Notstand aus. Von 3893 bisher festgestellten Fällen an Schädelfehlbildungen, die bei Kindern wegen des zu kleinen Gehirns zu geistiger Behinderung führen, konnte bei sechs eine vorherige Infizierung der Schwangeren mit dem Zika-Virus nachgewiesen werden.

Das Virus verunsichert auch viele Touristen. Schwangere wird von vermeidbaren Reisen in Zika-Endemie-Gebiete abgeraten.

Spekulationen zur Gefahr

Seither schießen die Spekulationen ins Kraut. Bis hin zur Vermutung, dass auch bei nicht-schwangeren Frauen eine Gefahr bestehen kann, wenn sich das Virus in der Plazenta festsetzt und während einer späteren Schwangerschaft das Embryo beeinträchtigen könnte.

Klar bewiesen ist bisher nichts. Auch nicht, dass das Virus das Guillain-Barré-Syndrom auslösen kann, das mit Lähmungserscheinungen verbunden ist und auch Männer betrifft. Im schlimmsten Fall werden die Atemwege lahmgelegt, was eine künstliche Beatmung erforderlich macht. "Es sind weitere Forschungsanstrengungen notwendig, bevor gesagt werden kann, ob es irgendeinen Zusammenhang gibt", betont die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie warnt inzwischen aber vor der Ausbreitung des Zika-Virus auf den gesamten amerikanischen Kontinent.

Von Fußballtouristen eingeschleppt?

Das Virus wurde 1947 im Zikawald in Uganda entdeckt, daher der Name. Das Ungeklärte: In Afrika kam es nach bisherigen Erkenntnissen nicht zur Häufung an Schädelfehlbildungen im Zusammenhang mit Zika, ohnehin tauchte es dort nur sporadisch auf. 2007 wurde Zika dann plötzlich im Pazifikraum (Mikronesien) festgestellt, einen größeren Ausbruch gab es 2013/2014 im Französisch-Polynesien, dort wurde damals auch ein ungewöhnlicher Anstieg des Guillain-Barré-Syndroms festgestellt.

Aber erst mit Auftreten in Brasilien kam es zu der massiven Ausbreitung. Eine Theorie ist, dass das Virus womöglich von Touristen während der Fußball-WM 2014 nach Brasilien eingeschleppt worden sein könnte.

Es ist nun schon in 21 Ländern Amerikas festgestellt worden, vom Karibikstaat Barbados bis Venezuela. Neben Brasilien ist Kolumbien besonders betroffen: Hier wurden seit Oktober rund 13.500 Zika-Infektionen registriert, in der Regel verläuft diese eigentlich harmlos: typische Symptome sind leichtes Fieber und Hautrötungen.

Teils führt die Ausbreitung zu skurrilen Ratschlägen. So rät Kolumbiens Gesundheitsministerium Frauen, geplante Schwangerschaften aufzuschieben. "Angesicht der Phase, in der sich die Epidemie befindet und des bestehenden Risikos, raten wir Paaren, von einer Schwangerschaft bis Juli 2016 abzusehen". Der Ratschlag gilt für Frauen, die auf Höhen unter 2.200 Meter leben.

Forschung läuft auf Hochtouren

Bis in die USA hat sich Zika ausgebreitet, rund ein Dutzend Fälle gibt es hier, nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC eingeschleppt aus Ländern Lateinamerikas. Laut WHO könnten nur Chile und Kanada auf dem amerikanischen Kontinent verschont bleiben, da hier die Aedes-Mücke nicht vorkommt. Bisher gibt es keinen Impfstoff - nun werden in Ländern wie Brasilien die Forschungs- und Präventionsmaßnahmen massiv hochgefahren.

Gerade auch mit Blick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im August soll jede Gefahr vermieden werden. Von Vorteil könnte sein, dass die Spiele im südamerikanischen Winter stattfinden, wenn die Mückengefahr geringer ist.

An 56.000 Hotels, Bars und Restaurants im ganzen Land wurde ein Maßnahmenkatalog verschickt, um die Aedes-Mücke besser zu bekämpfen, die auch Dengue und Gelbfieber überträgt.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Brasília werden die finanziellen Ausgaben im laufenden Jahr um 580 Millionen auf 1,87 Milliarden Real (422 Mio. Euro) erhöht, über 550 Tonnen Anti-Moskitomittel und Pestizide sollen eingesetzt werden. Für Touristen lautet vorerst der wirksamste Schutz gegen Zika: Lange Kleidung und der Gebrauch von Anti-Mückensprays.

Georg Ismar, dpa

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