Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Mr. Beam" gegen die PR"

Anton Zeilinger, Quantenphysiker und Präsident der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), lächelt vor einer Bücherwand an der Fakultät für Physik der Universität Wien

"Mr. Beam" gegen die PR

Öffentlichkeitsarbeit wird in der Wissenschaft immer wichtiger, die Grenze zwischen Darstellung und PR verschwimmt: Eine Tendenz, die Anton Zeilinger – Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – stört. Ebenso Kollegen, die übertriebene Erwartungen wecken, und Medien, die nur auf Sensationen aus sind.

Wissenschaftskommunikation 29.01.2016

Ein Interview über die Veränderungen von Wissenschaft und ihrer Kommunikation anlässlich des 15. Geburtstags von science.ORF.at – mit jenem Mann, dessen Spitzname "Mr. Beam" ein genialer – wiewohl unfreiwilliger – PR-Coup war und ist.

science.ORF.at: Am 15. Jänner 2001 ist science.ORF.at online gegangen. Bereits am ersten Tag waren Sie auf der Seite mit einem Gastbeitrag vertreten …

Anton Zeilinger: Da kann ich mich gar nicht dran erinnern. Für mich ist die Webseite derart etabliert, dass ich mich wundere, dass das nicht mehr als 15 Jahre her ist – das ist bitte ein Kompliment.

Danke! Es war aber wirklich so: Sie waren einer unserer frühen Hosts – wie wir die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen genannt haben, die freiwillig und in unregelmäßigen Abständen Beiträge für uns geschrieben haben. Warum waren Sie dabei?

Ich fand das von Beginn an eine gute Sache, weil ich zwei Dinge beobachtet habe. Erstens hatte ich den Eindruck, dass sich die Menschen – nicht nur, aber auch – in Österreich für Wissenschaft begeistern: eine Öffentlichkeit, die nicht ganz der gedruckten Öffentlichkeit entspricht. Was man in Medien oft liest, ist kritischer und stärker auf negative Konsequenzen gerichtet als die Offenheit der Menschen in diesem Land. Zweitens bin ich von Wissenschaft derart fasziniert, dass ich finde, dass auch andere Menschen dieses Vergnügen teilen sollten.

Wir haben die Erfahrung gemacht: Zu Beginn wollten sehr viele Forscher und Forscherinnen bei uns mitschreiben. Die Begeisterung hat dann bei vielen rasch abgenommen. Warum?

Wenn man Leute wie mich an etwas binden möchte, ist es wichtig, dass man das Format von Zeit zu Zeit ändert. Routine ist schlecht, deshalb habe ich aufgehört – wobei ich science.ORF.at bis heute gerne lese.

Sechs Jahre nach unserem Start sind Sie im Internet wiedergekehrt und haben als "Quantinger" gebloggt – mit der gleichen Motivation?

Ja, das war auch wieder etwas Neues, das ich ausprobieren wollte. Und es ist aus den gleichen Gründen wieder eingeschlafen – es wurde zur Routine. Die Fragen und Stellungnahmen sind oft von den gleichen Personen gekommen und waren sehr ähnlich. Irgendwann war das nicht mehr so interessant.

Schwerpunkt

science.ORF.at setzt anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums einen Schwerpunkt zum Thema Wissenschaftsjournalismus und -kommunikation. In diesem Schwerpunkt bereits erschienen sind die Beiträge:

Sendungshinweise

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 29.1., 13:55 Uhr.

Links

Anton Zeilinger, Quantenphysiker und Präsident der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), im Mai 2015, im Labor an der Fakultät für Physik der Universität Wien

APA - Hans Klaus Techt

Zeilinger im Labor an der Fakultät für Physik der Universität Wien

Der Journalismusforscher Holger Wormer hat in einem Interview zuletzt beklagt, dass sich Wissenschaftsjournalismus und -PR zunehmend vermischen, was nicht zuletzt für die Wissenschaft schlecht sei – teilen Sie seinen Befund?

Ich fand das Interview sehr spannend und sehr richtig. Mich stören seit langer Zeit Leute, die in der Öffentlichkeit übertriebene Statements verbreiten, und etwa in der Medizin behaupten, alle möglichen Krankheiten heilen zu können. Das ist unseriös. Man sollte trennen, und da stimme ich Wormer zu, zwischen der Darstellung der Wissenschaft und PR. Das geht zwar nicht vollständig, klar spielt das eine in das andere, aber es sind eigentlich zwei verschiedene Geschichten.

Die ÖAW macht das?

Ich habe gleich nach Lesen des Artikels mit unserem Öffentlichkeitsreferenten gesprochen: Er soll eine Strategie ausarbeiten, damit das noch viel stärker der Fall ist als bisher.

Worin liegt die Gefahr, wenn sich Wissenschaft und PR vermischen?

Weil dann Hoffnungen geweckt werden, die nicht erfüllt werden können, und es dadurch zu einem negativen Backlash kommt. Aber nicht nur das: Es ist einfach unseriös. Man soll bei der Sache blieben, selbst wenn es gelegentlich näher liegen würde, dicker aufzutragen und dadurch mehr Aufmerksamkeit zu erzielen.

Und das aus dem Munde von "Mr. Beam", bei dem man immer an das Beamen von Raumschiff Enterprise denkt …

Inhaltlich ist das natürlich ein Blödsinn, das betone ich auch immer. Aber es ist nicht mehr rauszukriegen aus dem System. Mittlerweile nehme ich es als Markenzeichen und nicht mehr als inhaltliche Aussage.

Aber vergleichbar mit Übertreibungen in der Medizin?

Ja – wobei ich das nie gesagt habe. Das ist der wesentliche Unterschied. Ich habe nie in der Öffentlichkeit behauptet, dass Quantenübertragung etwas mit Teleportation als Reisemöglichkeit zu tun hat. In Wirklichkeit ist das von der Grundkonzeption noch viel faszinierender: Weil man damit Information übertragen kann zu einem Zeitpunkt, wo gar keine Verbindung zwischen Sender und Empfänger besteht. Das ist nur möglich aufgrund der Verschränkung in der Quantenphysik, und die ist noch viel überraschender als Beamen.

Darüber sprechen wir heute nicht zur Abwechslung. Sie wissen aber sicher, wer den Spitznamen "Mr. Beam" aufgebracht hat …

Nein, ich habe keine Ahnung, aber ich habe mich anfangs stark darüber geärgert. Ich weiß nur, dass wir die Arbeit damals in "Nature" publiziert haben. Die Fachzeitschrift erscheint immer am Donnerstag, und ab Montag haben ausgewählte Journalisten die Möglichkeit, unter Einhaltung der Sperrfrist Vorarbeit zu leisten. An diesem Montag hat um 14 Uhr – das acht Uhr früh in den USA – die "Washington Post" angerufen, danach noch ein paar weitere Medien aus Amerika und um 15.30 Uhr CNN aus Atlanta. Da hab ich gewusst: Haltaus, das ist wirklich was! Österreich ist erst draufgekommen, als sie es in den amerikanischen Medien gelesen haben. Heute ist das auch hierzulande viel besser und schneller.

Anton Zeilinger, Quantenphysiker und Präsident der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), am Mittwoch, 06. Mai 2015, im Gespräch mit Studenten an der Fakultät für Physik der Universität Wien

APA - Hans Klaus Techt

Zeilinger im Gespräch mit Studierenden an der Universität Wien

Erinnern Sie sich an andere übertriebene Versprechen aus Ihrem Bereich, über die Sie sich geärgert haben?

Wir haben einmal gemeinsam mit Siemens auf einer Pressekonferenz ein Projekt zu Quantenkryptografie vorgestellt. Danach behaupteten einige Medien, das würde in drei Jahren umgesetzt sein. Mir ist vollkommen unklar, wieso. Ich habe das nie gesagt. Manchmal generieren sich die Dinge selber.

Warum entstehen Fehlinformationen wie diese: wegen der Medien, der PR-Abteilungen der Institutionen oder der Wissenschaft selbst?

Wegen der "Wissenschaft selbst" möchte ich nicht akzeptieren. Denn die große Mehrheit der Wissenschaftler ist seriös, da kann man nicht pauschalieren. Zum Teil sind es die Medien, die in Richtung Sensation pushen. Da tut man sich manchmal schwer zu sagen: "Nein, das ist nicht meine Meinung." Da werden einem Dinge in den Mund gelegt, die man nicht sagen wollte.

Es gibt aber auch ein Interesse der Wissenschaft, Öffentlichkeit zu erreichen, auch der ÖAW - zumal ihre Gelder zu einem großen Teil aus der öffentlichen Hand stammen ...

Es wäre bedauerlich, Öffentlichkeitsarbeit nur nach dem Motto zu sehen: Damit ich mehr Geld bekomme, mache ich das. Meine Meinung ist: Wir machen wirklich spannende Geschichten, und die Menschen sollen das hören. Und ich würde auch Öffentlichkeitsarbeit machen, wenn sie mit der Finanzierung gar nichts zu tun hätte. Das gehört einfach dazu. Wir leben in einer Demokratie, in einem System, in dem viele Menschen mitdenken und mitentscheiden. Und da ist Information die einzige Chance, die wir haben, zu vernünftigen Entscheidungen zu kommen.

Dennoch gibt es den Befund, dass die Wissenschaft zunehmend in die PR-Falle tappt – stimmen Sie dem zu?

Für manche Leute ist das so, aber ich hoffe nicht, dass die Aussage allgemein stimmt. Ich würde mir von den Medien wünschen, dass sie mal ausgraben, was der Herr XY vor zehn Jahren gesagt hat: Machen Sie heute ein Interview mit ihm und prüfen sie, was wirklich draus geworden ist! Das wäre eine interessante Herausforderung, auch für science.ORF.at.

Stimmt. Machen Sie das selbst auch?

Ich habe mir einige Dinge vorgeknöpft, das war interessant. Darüber spreche ich aber nicht in der Öffentlichkeit.

Haben Sie Beispiele?

Wenn jemand ankündigt, er habe die Lösung für diese oder jene Krankheit und zehn Jahre später tut sich nicht viel, ist da zumindest großer Erklärungsbedarf. Solche Fälle gibt es – weltweit.

Anton Zeilinger hebt den Zeigefinger der rechten Hand während eines Interviews an der Fakultät für Physik der Universität Wien

APA - Hans Klaus Techt

Anton Zeilinger beim Gestikulieren

Das eine ist, was einzelne Wissenschaftler machen, das andere sind Strukturen, die sich in den vergangenen 15 Jahren verändert haben: Die Medien sind wegen ihrer Finanzierung unter Druck, der akademische Bereich steht unter Dauerreformen. Wie hat das die Öffentlichkeitsarbeit verändert?

Ich würde klar und ein bissl stur sagen: Die Unireformen sind für die Spitzenleistungen egal. Die wirklich guten Leute setzen sich in jedem System durch. Es hat Behinderungen gegeben, etwa für Frauen, aber im Großen und Ganzen gilt: Die wirklich guten Leute ignorieren bürokratische Strukturen und die Frage, welches Gremium worüber entscheidet. Ein Problem ist, dass in viel zu hohem Maß formalisierte Öffentlichkeitsarbeit zu leisten ist. Es gibt diese Outreach-Aktivitäten, das ist aus Amerika gekommen: Bei jedem Projekt muss man das machen. Das ist ja gut, aber es sollte vom Herzen kommen und nicht formalisiert.

Die meisten Wissenschaftler sind aber nicht "wirklich gut", sondern durchschnittlich. Ist für sie die Notwendigkeit, an die Öffentlichkeit zu gehen und zu hoffen, damit ein weiteres Forschungsprojekt zu bekommen, größer geworden?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube aber nicht, dass das In-die-Öffentlichkeit-Gehen dem Einzelnen viel nutzt. Die wirklich gute Begutachtung von Forschungsanträgen erfolgt durch internationale Experten. Und wenn die gut ausgewählt sind, sind sie immun gegen das, was in den Medien gebracht wird.

Das klingt, als ob sich nichts geändert hätte, denn dieses Prinzip gibt es ja seit es die Wissenschaft gibt. Hat die Medialisierung nicht doch etwas geändert?

Die Medialisierung sollte nicht dazu da sein, damit irgendwer mehr Forschungsgelder bekommt, sondern dazu, dass die Menschen auf der Straße sehen, was Interessantes in der Wissenschaft abläuft. Man soll die Öffentlichkeitsarbeit nicht darüber motivieren, dass sie vielleicht eine finanzielle Umwegrentabilität bringt. Das wäre zu eng gedacht.

D.h., Sie sehen keine systemische Tendenz, dass sich die Wissenschaft an Trends orientiert, die auch durch die Medien zustande kommen?

Natürlich gibt es Leute, die sich durch Trends leiten lassen, weil sie in der Öffentlichkeit gut ankommen. Aber wenn das Forschungssystem gut funktioniert, hat das keinen Einfluss auf die Finanzierung. Ich begutachte international sehr viel: Und ich habe noch nie die Frage auf einem Fragebogen gesehen, ob die Öffentlichkeitsarbeit des Antragstellers hervorragend war oder nicht.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: