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Ein Kind liest zwischen zwei Stapel von Büchern

Wie Literatur politisch bildet

Vom "Hessischen Landboten" Georg Büchners bis zu den "Tributen von Panem": Literatur kann im Schulunterricht wichtig sein, um politisch zu bilden. Wie das funktioniert, erklärt die Germanistin Sabine Zelger in einem Interview – und bricht dabei auch eine Lanze für die viel kritisierte Zentralmatura.

Schulunterricht 22.02.2016

Zelger hat soeben ein neues Buch herausgegeben, das den Verschränkungen von Politik und Literatur im Unterricht nachgeht. Im E-Mail-Interview spricht sie auch dagegen aus, Literatur zu kanonisieren.

science.ORF.at: Welches literarische Buch, das Sie in der Schule gelesen haben, hat Sie politisch am meisten geprägt? Und warum?

Sabine Zelger: In der Schule haben wir – das ist jetzt über 30 Jahre her – insbesondere Klassiker gelesen und es ist dabei um Literaturgeschichte gegangen. Beeindruckt hat mich damals das Werk von Georg Büchner: vor allem "der Hessische Landbote", wegen des Themas, der Radikalität und der Konsequenzen für den jungen Autor. Er war gerade mal 20 Jahre alt.

Worum geht es bei dem Werk?

Sabine Zelger ist Assistentin am Institut für Germanistik an der Universität Wien und lehrt auch an der PH Wien und der ndu St. Pölten. Arbeitsschwerpunkte: Deutschsprachige Literatur (20./21. Jahrhundert) Literaturtheorie, Politische Bildung und Literatur, Literatur- und Mediendidaktik, Gender.

Das Buch

"Literatur und Politik im Unterricht" (Hg. Sabine Zelger, Stefan Krammer) ist vor Kurzem im Wochenschau-Verlag erschienen.

"Der Hessische Landbote" ist eine Flugschrift von 1834, die soziale und politische Missstände anprangert. Ihre Radikalität sieht man etwa im Aufruf "Friede den Hütten, Krieg den Palästen!", aber auch in der heftigen Reaktion: Es kam zu Verfolgung und zu Verhaftungen. Alles passte nicht zum Bild von Deutschland, wie wir es im Geschichtsunterricht vermittelt bekamen, wo wir die verschiedenen Herrscher und Grenzverschiebungen auswendig zu lernen hatten – ich komme aus Südtirol und wir hatten Geschichtebücher aus Deutschland. Plötzlich wurde uns ganz drastisch soziale Ungleichheit vor Augen geführt und eine Möglichkeit, mit Sprache etwas zu tun. Den "Woyzeck", Büchners letztes Werk, empfand ich demgegenüber als düster und ekelhaft und wie ein Zeichen für das Scheitern der politischen Bemühungen.

Diese Düsterkeit und Ekelhaftigkeit hat Sie aber offenbar nicht davon abgehalten, sich weiter für das Thema zu interessieren. Braucht es vielleicht derartig starke Leseeindrücke in jungen Jahren?

Ja, starke Leseeindrücke sind jedenfalls eine der Möglichkeiten, um zu vermitteln, wie wichtig Politik ist. Es könnten aber auch Zahlen sein, wie sie etwa im Hessischen Landboten eingesetzt sind, um die Ungleichheit zu veranschaulichen. Dort ist zu lesen, dass das Großherzogtum Hessen von den rund 700.000 Menschen, die "hungern und geschunden werden", durch Steuern und Geldstrafen über sechs Millionen Gulden einnimmt. Davon sind rund 500.000 für Gerichtshöfe und Kriminalkosten, 200.000 für die Polizei, 1,5 Millionen für "Finanzräthe, Obereinnehmer, Steuerboten", allesamt Investitionen in die Aufrechterhaltung der Paläste. Auch die Verfolgung von Autoren und Verteilern der Flugschrift lässt sich damit gut entlohnen.

Welche aktuellen Bücher packen Jugendliche heute so, wie Sie damals Büchner?

Zwar glaube ich, dass auch alte Bücher junge Leute packen können: wie Büchners Texte oder etwa die Satire von Jonathan Swift, in dem als ökonomisch sinnvoll dargestellt wird, Kinder von armen Leuten zu verspeisen. Neuere Texte haben aber den Vorteil, dass sie sprachlich näher am jungen Publikum sind. Packende Bücher wären z.B. Jan Kossdorffs "Kauft Leute": Hier geht es um die Kette Hümania, in der Menschen zum Verkauf angeboten werden. Interessant für Jugendliche finde ich auch Kurto Wendts Roman über das Prekariat und die Call-Center. Spannend wäre auch Nadja Buchers Roman "Rosa gegen den Dreck der Welt", in dem eine junge Putzfrau detailliert die Umweltsünden ihrer Kunden ahndet. Faszinierend bleiben aber auch Klassiker wie Übertreibungsstücke und Schimpfreden von Thomas Bernhard oder Elfriede Jelineks im Internet zur Verfügung gestellte Kurztexte. Und packend sowie schockierend bleiben Texte, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen.

Eine Kurzumfrage in meiner Umgebung zeigt: Jugendliche lesen noch lieber Romane wie "Twilight", "Die Tribute von Panem" oder "Die Bestimmung". Steckt da nicht auch viel Potenzial für politische Bildung?

Ja, sicherlich lässt sich bei der politischen Bildung auch an Lektüre- und Mediennutzungspraxis der Jugendlichen anknüpfen. Schon die Demontage des mittelschichtorientierten Literaturbegriffs ist ein kleiner Akt politischen Handelns. Für die Vermittlung von politischen Fähigkeiten ist es nämlich nicht nur wichtig, den Politikbegriff zu erweitern, sondern auch eine Vielfalt an Materialien heranzuziehen, sodass politisches Potenzial auf unterschiedliche Weise sichtbar und zugänglich wird. Defizite an Politik und Agency, wie sie unter dem Label "Postdemokratie" diskutiert werden, sind für politische Bildung existentiell – man sollte also den Blick lieber weiten als einengen.

Was meinen Sie mit "Agency", und haben Sie dazu Beispiele?

Zum einen gibt es dezidiert politische Texte, wie etwa avantgardistische Interventionen oder satirische Bearbeitungen von Realpolitik, wie etwa bei den "Simpsons". Hier kann mit handlungs- und produktionsorientierten Methoden die Machart der Medien erforscht und politische Handlungsmacht vermittelt werden. Das Politische findet sich aber auch, wie der französische Philosoph Jacques Rancière dies nennt, in einer anderen "Aufteilung des Sinnlichen", sodass bisher nicht Hör- und Sagbares wahrgenommen werden kann. Man kann eine solche Politik etwa in der Krimiserie "Vier Frauen und ein Todesfall" herauskristallisieren, in der die Geschlechterverhältnisse ganz anders in Szene gesetzt sind, aber auch in Jandl-Lesungen oder Jelinek-Inszenierungen. Oft ist es erst die Lesart, in der sich ein Text, ein Film, ein Computerspiel als eminent politisch erweist: über Ausgrenzungsmechanismen, abgebildete Hierarchien oder die Rolle im Diskurs.

Werden diese Texte bzw. TV-Serien heute im Unterricht verwendet? In welchen Klassen und Gegenständen?

Die schulische Lesepraxis habe ich nicht untersucht, aber in unserem Lehramtsstudium und den Fortbildungen kommt ein weiter Literaturbegriff zur Anwendung, sodass unterschiedlichste Texte und Medien zum Thema gemacht werden. Eine zentrale Frage ist natürlich, welche Zugänge sinnvoll sein können. Unser Buch bietet deshalb nicht nur eine Fülle an Literaturtipps, sondern zeigt auch Lektüren und Vermittlungswege auf, die auf politische Fähigkeiten abzielen. Nachdem fiktionale Texte nach wie vor Sache der Sprachfächer sind, wird Literatur wohl meist in Deutsch oder Englisch gelesen. Das hat den Vorteil, dass die Bücher nicht einfach als thematische Schatzkisten geplündert, sondern als genuin fiktionale Texte rezipiert werden. Mittels neuerer Literaturtheorien eröffnen sich Perspektiven auf das literarische Feld, die Macht der Diskurse oder auf Wahrnehmungskonventionen, die Politik verunmöglichen. Über das Konzept der Unterrichtsprinzipien ist auch vom Lehrplan her vorgesehen, dass Politische Bildung Sache jeden Fachs ist.

Finden Sie das gut oder bräuchte es ein eigenes Unterrichtsfach "Politische Bildung"?

Dass Politische Bildung in Österreich meist Teil des Faches Geschichte ist, signalisiert, dass es sich um eine historische Angelegenheit handelt. Wollen wir das? Problematisch ist diese Verschränkung aber auch, weil die österreichischen Curricula meiner Meinung nach sowieso viel zu wenig Geschichtestunden enthalten. Außerdem finde ich, dass sich verschiedene Forschungsbereiche in der Schule wiederfinden sollten. Das bedeutet, dass die Politikwissenschaften, oder auch die Soziologie, über ein eigenes Fach der Politischen Bildung an der Lehramtsausbildung beteiligt werden könnten. Zusätzlich sollte Politische Bildung, wie auch Leseerziehung, Umwelt-, Medienbildung etc., unbedingt weiterhin als Unterrichtsprinzip fungieren.

In den vergangenen Jahren wurde oft kritisiert, dass Literatur (nicht zuletzt wegen der Zentralmatura) an Bedeutung im Deutschunterricht verliert: Teilen Sie diese Sorge? Sollte es einen Kanon an Büchern geben, den jeder Schüler, jede Schülerin gelesen haben sollte, auch wegen politischer Bildung?

Die Kritik scheint weit verbreitet zu sein – dabei wird leicht übersehen, dass durch die Zentralmatura an den Berufsbildenden Höheren Schulen literarische Bildung aufgewertet wurde. Es sind nicht mehr nur die Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die mit Literaturaufgaben konfrontiert sind. Eine Stärkung der Literatur ist auch, wie wir gesehen haben, im Konzept der Unterrichtsprinzipien angelegt. Eine Rückkehr zu einem Kanon halte ich hingegen für problematisch, weil damit Traditionen mit all ihren machtvollen Einschreibungen und Ausgrenzungen im Raum stünden. Was, wenn Literatur wieder wie im 19. Jahrhundert in einem geistes- oder nationalgeschichtlichen Kontext verortet und festgezurrt würde? Sinnvoller finde ich den Blick auf Kanonisierungsprozesse zu lenken und über kanonisierte und vergessene Texte Auseinandersetzungen mit (literar)historischen Umbrüchen anzuregen. Auf diese Weise können Lernende Macht und Charme von Texten erforschen und auch den ungeschriebenen Kanon, der die schulische Literaturauswahl steuert, hinterfragen und unterlaufen. Eine solche Vorgangsweise lässt sich also auch als Beitrag der Politischen Bildung verstehen.

E-Mail-Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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Forum

 
  • slartibartfast, vor 152 Tagen, 23 Stunden, 43 Minuten

    wer schützt die "politische bildung" davor, von der aktuellen politik vereinnahmt zu werden?

    • logopezi, vor 152 Tagen, 1 Stunde,

      politische Bildung war doch immer schon ein Kind ihrer zeit.

  • logopezi, vor 153 Tagen, 8 Stunden, 30 Minuten

    was aber nun, wenn jemand durch intensives literaturstudium sich erdreisten sollte, sich politisch in politisch inkorrekte Richtung zu bilden?

  • scheiß Schulliteratur...

    dergrossenagus, vor 153 Tagen, 17 Stunden, 47 Minuten

    bin froh, dass ich davon nix mehr seh!!!

    für was gibt's d'Kronen Zeitung??? Die habens sogar besser verstanden als der Kurier ein gscheites Format z'verwenden, was nicht gleich in ganzen Frühstückstsch braucht, wenn ma da umblätter will...

    • Oh mein Gott /whatever, sowas von dumm

      neowienerin, vor 153 Tagen, 16 Stunden, 55 Minuten

      "grossenagus"

      Sie sind sowas von verpeilt! Sie haben die Autorin nicht verstanden.

      Sie haben kognitive Defizite, immer schon, sie posten ja schon sehr lange beim ORF.

      Ich hoffe, der ORF, bemueht sich, Ihnen zu helfen! Der http://www.psd-wien.at/psd/52.html wuerde helfen, wenn SIE Wiener sind, ode eben "Klerikalgut" also ein Mensch der nicht, im Jahre 2016 lebt, nun dann befragen Sie Ihren Pfarrer!

      *grusel*

    • kerberos, vor 153 Tagen, 9 Stunden, 37 Minuten

      neowienerin, man braucht eine gewisse Zeit um den Nagus locker zu sehen, eben als das was er ist: Ein Forentroll. (Und bitte, lieber ORF, das ist keine löschenswerte Beleidigung, sondern ein Fachvokabel dafür, daß Nagus absichtlich provozieren will, mit teilweise absurden Postings.) Abgesehen davon ist sein Nick Programm: Wer sich mal ein bisschen mit StarTrek beschäftigt hat, weiß, was gemeint ist...

    • Kognitiv?

      butterfliagn, vor 153 Tagen, 9 Stunden, 9 Minuten

      Vielleicht hat er auch 'Woknitive' Defizite, weil er Chinakohl ned mag, oder 'Socknitive', weil er nur Kniestrümpfe anzieht.
      Fragen über Fragen
      *gg*