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Ein Maiskolben

Bilanz: Millionen Tonnen Glyphosat versprüht

Seit Längerem fordern Mediziner ein Verbot des wahrscheinlich krebserregenden Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat. In der Landwirtschaft ist das Herbizid nach wie vor ein Kassenschlager: Sein Gebrauch ist seit 1996 um das 15-Fache gestiegen.

Krebserregend 02.02.2016

Um das Herbizid Glyphosat tobt seit geraumer Zeit ein Streit der Institutionen. Die WHO stuft die Chemikalie als "für den Menschen wahrscheinlich krebserregend" ein, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht das anders - und sieht derzeit auch keinen Grund, den Gebrauch des Unkrautvernichtungsmittels zu verbieten.

Ein Befund, der freilich nicht unwidersprochen blieb: Wissenschaftler forderten die EU-Kommission im November auf, "die fehlerhafte Bewertung der EFSA nicht zu beachten". Die Kommission muss bis Mitte des Jahres entscheiden, ob Glyphosat weiterhin eingesetzt werden darf.

Verbauch massiv gestiegen

Die Studie

"Trends in glyphosate herbicide use in the United States and globally", Environmental Sciences Europe (2.2.2016).

Die wirtschaftliche Realität scheint bislang von all dem ohnehin nicht betroffen zu sein. Wie nun der amerikanische Umweltforscher Charles Benbrook in einer Studie vorrechnet, erfreut sich das umstrittene Herbizid in der Landwirtschaft nach wie vor größter Beliebtheit.

Die in die Natur ausgebrachten Mengen sind schwindelerregend: Sage und schreibe 8,6 Millionen Tonnen Glyphosat wurden laut Benbrook seit 1974 weltweit verbraucht. Allein das 2014 eingesetzte Volumen würde reichen, jeden Hektar landwirtschaftlicher Fläche der Erde mit einem halben Kilogramm Wirkstoff zu versorgen. Benbrook resümiert angesichts dieser Zahlen denn auch in mahnendem Tonfall und sagt der Weltgemeinschaft "Umweltprobleme und Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit" voraus.

Die gesundheitliche Debatte um Glyphosat scheint die aktuellen Produktionsmengen nicht nur wenig zu tangieren, die Entwicklung ist paradoxerweise sogar gegenläufig: Wie der US-Forscher in seiner Studie schreibt, entfallen 74 Prozent des historischen globalen Glyphosat-Verbrauchs auf die letzten zehn Jahre.

Das Mittel wird seit dem Jahr 1974 vertrieben (damals eingeführt unter dem Markennamen "Roundup"). Durch die Decke gingen die Verkaufszahlen aber erst, als der Konzern Monsanto auch genmodifizierte Nutzpflanzen auf den Markt brachte, die gegen den Wirkstoff resistent sind.

Der zweite Wachstumsschub des historischen Glyphosat-Verbrauchs hat laut Benbrook mit der Ausbreitung großtechnischer Landwirtschaft zu tun. In den letzten Jahren ist der Einsatz von Gentech-Mais und Gentech-Baumwolle förmlich explodiert. Das gilt sowohl für die amerikanische Landwirtschaft als auch weltweit.

science.ORF.at

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