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Mädchen beim Rechnen

Mädchen unterschätzen ihre Matheleistungen

Zehnjährige Mädchen erzielen in etwa gleich gute Mathematikleistungen wie Burschen. Sie schätzen ihre Performance aber schlechter ein. Das dürfte auch ein Grund sein, warum Frauen später seltener ein naturwissenschaftlich bzw. technisch orientiertes Studium wählen, heißt es im Expertenbericht zur Volksschulvergleichsstudie TIMSS.

Geschlechterdifferenz 02.02.2016

In dem vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) herausgegebenen Bericht analysierte die Psychologin Silvia Salchegger die Detailergebnisse der 2011 durchgeführten Volksschul-Vergleichsstudien PIRLS (Lesen) und TIMSS (Mathematik, Naturwissenschaften).

An beiden Studien hat Österreich teilgenommen: Bei PIRLS erreichten die österreichischen Schüler der vierten Klasse Volksschule 529 Punkte und lagen damit etwas unter dem EU-Schnitt (534). Bei TIMSS lagen die Österreich-Werte in Mathe (508 Punkte) unter dem EU-Schnitt (519), in den Naturwissenschaften (532 Punkte) über dem EU-Schnitt (521).

Keine Leistungsunterschiede

In keinem einzigen der 50 an TIMSS teilnehmenden Staaten zeigten Burschen praktisch bedeutsame höhere Matheleistungen als Mädchen. Österreich gehörte dabei zu jenen Staaten, in denen noch am ehesten Geschlechterunterschiede gemessen wurden (Mittelwert Burschen: 513 Punkte, Mädchen: 504). Auch hierzulande blieben sie aber "unter der Schwelle zur praktischen Bedeutsamkeit".

Ganz anders sieht es aber beim Selbstkonzept aus: Dieses wurde durch die Bewertung von Aussagen wie "Normalerweise bin ich gut in Mathematik", "Mathematik fällt mir schwerer als vielen Kindern in meiner Klasse", "Ich kann schwierige Mathematikaufgaben gut lösen" etc. erhoben. Hier gab es sehr wohl starke Unterschiede: In 27 der 50 Länder schätzten Buben ihre Matheleistungen bedeutsam höher ein als die Mädchen (umgekehrt bewerteten sich nur in Saudi-Arabien die Mädchen bedeutsam besser als die Burschen). In Österreich waren die geschlechtsspezifischen Unterschiede dabei am siebenthöchsten.

Spätere Spezialisierung

Gleichzeitig zeigte sich durch einen Vergleich mit anderen Studien: In Ländern mit geringerer Beteiligung von Frauen an mathematikintensiven Studienrichtungen hinkt auch das Mathematik-Selbstkonzept zehnjähriger Mädchen stärker hinter jenem gleichaltriger Buben nach als in Ländern mit starker Frauenbeteiligung.

"Wenn man die Wichtigkeit des Selbstkonzepts für die spätere Berufswahl miteinbezieht, so scheint es in Gesellschaften mit geringer MINT (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, Anm.)-Beteiligung von Frauen bereits für 10-jährige Mädchen klar zu sein, eher keine mathematikbezogenen Berufe zu ergreifen."

Als mögliche Gegenmaßnahme sieht der Bericht Änderungen im Schulsystem, das derzeit schon im Alter von 14 bzw. 15 Jahren eine Wahlmöglichkeit zwischen Schultypen mit sehr unterschiedlich hohem MINT-Anteil vorsieht.

"Möglicherweise können mehr Mädchen an MINT-Studien herangeführt werden, wenn der Zeitpunkt einer berufsbildenden Spezialisierung verschoben wird bzw. wenn auch in typischerweise von Mädchen gewählten Schulformen MINT-Fächern ein höherer Stellenwert eingeräumt wird und diese auch zu Pflichtgegenständen bei der Matura gemacht werden."

science.ORF.at/APA

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