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Der Dada Nr. 1 von Raoul Hausmann in der Vitrine des Museum Tinguely in Basel bei einer Ausstellung 2008.

Die Urbewegung der Avantgarde

Vor 100 Jahren wurde in Zürich der Dadaismus geboren. Bizarr, respektlos und polemisch hielten die Dadaisten der Gesellschaft und Politik einen Zerrspiegel vor - während rund um sie der Erste Weltkrieg tobte. Einer von ihnen, der einzige Österreicher, sprengte sogar die Konventionen der Wissenschaft.

100 Jahre Dada 05.02.2016

5. Februar 1916, Zürich: In der Spiegelgasse 1 - unweit von Lenins Wohnsitz im Exil - öffnete das Cabaret Voltaire zum ersten Mal seine Türen. An diesem Abend begründeten Künstler wie Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck oder Hans Arp die "Dada-Bewegung". Sie stellten etablierten Normen in Kunst und Gesellschaft in Frage - "Dada" war ihre Antwort, wie Hugo Ball im Eröffnungsmanifest verkündete:

Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man beruehmt? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit. Wie kann man alles Aalige und Journalige, alles Nette und Adrette, alles Vermoralisierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Dada sagt.

Dada Weltkrieg und kein Ende

Bei den Veranstaltungen, die im Cabaret Voltaire nun allabendlich stattfanden, wurde getrommelt und gesungen, wurden Lautgedichte verlesen und programmatische Texte proklamiert. Es wurden Objekte und Kollagen gezeigt - gefertigt aus Alltagsgegenständen wie Zeitungen - die Vorläufer von Ready Made und Pop Art.

Doch die Dadaisten wollten nicht nur die Kunstwelt verändern. Sie stellten sich gegen den Wahnsinn des Krieges, der Europa 1916 fest im Griff hatte. Dass der Dadaismus gerade in der Schweiz aus der Taufe gehoben wurde ist also kein Zufall: Hier, auf neutralem Boden, trafen zahlreiche Wehrdienstverweigerer und Exilanten aufeinander, viele von ihnen waren Künstler. Ball: "Dada Weltkrieg und kein Ende, Dada Revolution und kein Anfang."

Ö1-Sendungshinweis:

Das Dimensionen Magazin mit einer Spezialsendung zu "100 Jahre Dada": 5.2.2016, 19:05 Uhr.

Literatur:

Dada-Wissenschaft.Wissenschaftliche und technische Schriften von Arndt Niebisch ist bei Philo Fine Arts erschienen.
ISBN: 978-3-86572-657-5

Das Cabaret Voltaire in Zürich von außen heute

Zürich Tourism

Das Cabaret Voltaire heute

Dada will nichts, Dada wächst

Von Zürich aus erreichte die Kunstrevolution in den Folgejahren auch Paris und Berlin. Für den Export der Bewegung nach Deutschland war der Schriftsteller und Psychoanalytiker Richard Huelsenbeck verantwortlich. Gemeinsam mit dem in Wien geborenen Maler Raoul Hausmann gründete er in Berlin den Club Dada, die Zeitschrift "Der Dada" und den "Dada Almanach", der postulierte: "Dada will nichts, Dada wächst."

Raoul Hausmann wurde zum führender Kopf von "Dada Berlin". Sein Umfeld bezeichnete ihn als vielseitigen interessierten Alleskönner, der der Bewegung den philosophischen Unterbau lieferte. Denn der "Dadasoph" erwartete sich nicht nur von der Kunst "die Verwirklichung neuer Ideale", wie es im "Dadaistischen Manifest" der Berliner hieß, sondern auch von der Wissenschaft.

Dada-Wissenschaft

Raoul Hausmann, der einzige Österreicher unter den Dadaisten, hat nicht nur zahlreiche Lautgedichte, Fotomontagen und Kollagen hinterlassen. In seinem Nachlass finden sich auch zahlreiche technische und wissenschaftliche Notizen.

Viele dieser Texte hat der Germanist Arndt Niebisch von der Universität Wien in einem Buch, "Dada-Wisenschaft. Wissenschaftliche und technische Schriften", zusammengefasst und kommentiert. Diese Sammlung zeigt deutlich: Hausmann experimentierte in den 1920er Jahren nicht nur mit dadaistischer Kunst, sondern rezipierte auch eine Vielzahl wissenschaftlicher Theorien und studierte neue Technologien wie die Fotozelle.

Der Dada Nr. 1 und weitere Ausgaben von Raoul Hausmann in einer Vitrine im Museum Tinguely in Basel bei einer Ausstellung 2008

KEYSTONE/Georgios Kefalas

"Der Dada" Nr.1 und weitere Ausgaben der Zeitschrift, herausgegeben von Raoul Hausmann, bei einer Ausstellung im Museum Tinguely 2008 in Basel

Die optophonetische Weltanschauung

Hausmann konzipierte ein Programm, das er "optophonetische Weltanschauung" betitelte und in dem er kosmologische Vorgänge, moderne Medientechnologie und das menschliche Leben in Einklang bringen wollte.

"Optophonetik war Hausmanns Begriff für Synästhesie, also für die Fähigkeit Farben hören oder Töne sehen zu können", erläutert Niebisch. Doch der "Dadasoph" ging noch einen Schritt weiter: Er wollte auch elektromagnetische Wellen für den Menschen erfahrbar machen. Das heißt: Sie sollten Radiowellen empfangen können und zwar direkt, ohne technische Hilfsmittel.

Zweifelhafte Theorien

Um seiner "optophonetischen Weltanschauung" Gewicht zu verleihen, suchte Hausmann nach anderen Theorien, die seine Annahmen bestätigen würden. Denn er war davon überzeugt, dass es sich bei Ton, Licht und Elektrizität um Schwingungen im Äther handle. Und weil diese Wellen eine gemeinsame Basis hätten, wären sie auch ineinander übersetzbar.

Hausmann sammelte also - in dadaistischer Manier - Aspekte gängiger, wenn auch versponnener Theorien seiner Zeit zusammen. Dazu zählte etwa die "Welteislehre" von Hanns Hörbiger, die später von den Nationalsozialisten aufgefriffen wurde oder die "Wellentheorie" des Artilleriehauptmanns Karl Koelsch.

"Wissenschaftliche" Kollage

"Hausmann bastelete seine 'Optophonie' aus ganz vielen Bruchstücken anderer Theorien zusammen und seine Notizbücher sind eigentlich nichts anderes als Kollagen verschiedenster wissenschaftlicher Texte, die er zusammengestellt hat", sagt Niebisch. Dennoch betrachtete Hausmann das als eigenständige, wissenschaftliche Leistung.

Dass Hausmann justament jene Wissenschaftstheorien der Weimarer Republik aufgriff, die völkisch bis nationalsozialistisch angelegt waren, hatte allerdings keinen politischen Hintergrund. Er glaubte schlichtweg an deren Wahrheitsgehalt. Hausmann selbst musste Deutschland 1933 als "entarteter Künstler" verlassen.

Marlene Nowotny, Ö1-Wissenschaft

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