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Zeichnung von drei Mammuts

Als es Homo sapiens zu kalt wurde

Während der letzten Eiszeit war Europa von Gletschern bedeckt. Unter diesen unwirtlichen Bedingungen konnte auch der moderne Mensch kaum überleben, wie genetische Analysen zeigen: Der Kontinent wurde durch die Kälte regelrecht entvölkert.

Eiszeit 05.02.2016

Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika. Das hatte schon Charles Darwin vermutet, gleichwohl ahnte der Urvater der Evolutionsbiologie noch nicht, dass der Auszug aus Afrika ein recht unsteter war. Es gab nämlich einige Migrationswellen nach Asien und Europa.

Bereits vor rund zwei Millionen Jahren zog Homo erectus nach Norden, sowie jene Menschenpioniere, deren fossile Nachfahren wir heute als Homo heidelbergensis und als Neandertaler ansprechen. Später auch der moderne Mensch, und das vermutlich mehrfach. Unbestritten ist, dass Homo sapiens vor rund 65.000 Jahren seinen Heimatkontinent verließ und sein Glück in anderen Erdteilen suchte.

Erbgut von Jägern und Sammlern untersucht

Die Studie

"Pleistocene Mitochondrial Genomes Suggest a Single Major Dispersal of Non-Africans and a Late Glacial Population Turnover in Europe", Current Bology (4.2.2016).

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet heute auch "Wissen aktuell", 5.2.2016, um 13.55 Uhr.

Was dann passierte, verliert sich zum Teil im Dunkel der Urgeschichte - eines der folgenden Kapitel haben nun Forscher um Cosimo Posth durch genetische Analysen erhellt. Der Anthropologe vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und seine Kollegen untersuchten die Überreste von 35 Jägern und Sammlern aus Deutschland, Frankreich, Tschechien und einigen anderen europäischen Ländern, Alter der Fossilien: zwischen 35.000 und 7.000 Jahre.

Wie die Forscher im Fachblatt "Current Biology" schreiben, fanden sie bei einem Teil davon eine Gruppe von Mitochondrien-Genen, "Haplotyp M" genannt, die heute in Asien und Australien sehr verbreitet sind. Bei den heute lebenden Europäern fehlen sie indes völlig.

"Den M-Typ hatten nur jene Jäger und Sammler in ihrem Erbgut, die älter als 14.500 Jahre alt waren. Bei den jüngeren konnten wir ihn nicht finden - so wie bei den Europäern der Gegenwart", erklärt Posth gegenüber science.ORF.at. Dass gerade zu dieser Zeit eine genetische Zäsur stattfand, ist seiner Ansicht nach kein Zufall. Denn damals endete die letzte Kaltperiode Europas, die Tier- und Pflanzenwelt begann den einst von Eis bedeckten Kontinent wieder zurückzuerobern - und in ihrem Gefolge auch der moderne Mensch.

Genetischer Flaschenhals

Dass der "Haplotyp M" binnen kurzer Zeit verloren ging, kann nach Ansicht der Forscher nur durch einen bekannten Effekt aus der Populationsgenetik erklärt werden. "Bottleneck effect" heißt er im Englischen: Wenn Populationen rasch schrumpfen, geht die Vielfalt im Erbmaterial verloren. Der Verlust der M-Gene sei so eine genetische Verarmung, sagt Posth.

Was im Umkehrschluss bedeutet, dass es den Menschen während der letzten Eiszeit nicht allzu gut gegangen sein dürfte. Geologischen Befunden zufolge war der Kontinent vor rund 22.000 Jahren von Skandinavien bis Norddeutschland sowie im Alpenraum komplett vergletschert. Spuren von Menschen finden sich in dieser Zeit bloß in südlichen Refugien, in Italien, am Balkan und in Südfrankreich. "Der Rest des Kontinents war menschenleer", sagt Posth.

Wieviele Menschen zu dieser Zeit in Europa lebten, können die Biologen aufgrund ihrer Daten nicht sagen. Aber die Befunde weisen darauf hin, dass die Bevölkerung um 60 bis 90 Prozent ihres ursprünglichen Bestandes geschrumpft sein dürfte.

Interessanterweise fällt das Ende der Eiszeit in Europa mit einem historischen Schlüsselereignis am anderen Ende der Welt zusammen. Vor etwa 15.000 Jahren wanderten die ersten Menschen von Ostasien über die Beringstraße nach Amerika. Mit im genetischen Gepäck hatten sie den "Haplotyp M". Er ist bei indigenen Amerikanern heute noch nachzuweisen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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