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Zwei Fingern halten grüne Tablette

Sind Pharmafirmen "moderne Raubritter"?

In der Medizin ist derzeit einiges in Bewegung: Hepatitis C etwa wurde heilbar, und Aids ist kein Todesurteil mehr. Die Verfahren und Medikamente sind aber sehr teuer und lassen die Krankenkassen ächzen. Gegen den Vorwurf der Preistreiberei wehrt sich nun eine Pharmafirma, die Sozialversicherungen halten dagegen.

Medizin 11.02.2016

"Die Preisbildung seitens der Unternehmen grenzt in manchen Fällen an modernes Raubrittertum", hatte etwa vor Kurzem Ingrid Reischl gesagt, die Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK). Eines ihrer Beispiele war das Medikament Sovaldi, das Hepatitis C behandelt und von der der US-Pharmafirma Gilead hergestellt wird.

Laut Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger kostet eine Therapie mit Sovaldi (inkl. Ribavirin und Peginterferon) zwischen 43.700 und 87.300 Euro. Sehr viel Geld, aber die Heilungsraten liegen auch bei über 98 Prozent.

"Nichtbehandlung kommt teurer"

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 11.2., 13:55 Uhr.

Nicht als "Raubritter" sehen will sich Norbert Bischofberger, Vorarlberger Biochemiker und seit dem Jahr 2000 Gilead-Vizechef. Hepatitis C nicht zu behandeln, komme auf lange Sicht teurer als etwa die Behandlung mit Sovaldi. Hepatitis C sei der Hauptgrund für Lebertransplantationen, Leberzirrhosen und andere Krankheiten, und das sei alles sehr teuer.

"Das Problem in den meisten Staaten ist, dass die Gesundheitsbudgets zeitlich fixiert sind. Es gibt keine Möglichkeit zu sagen: 'Wir geben in diesem Jahr mehr Geld aus, und sparen uns in den nächsten zehn bis 15 Jahren viel mehr Geld.' Das System erlaubt das unglücklicherweise nicht", so Bischofberger gegenüber science.ORF.at.

Bischofberger hat Verständnis für die Preisdiskussion der Krankenkassen, letztlich müssten aber sie gemeinsam mit der Politik entscheiden, wer die Medikamente bekommt. Der Kritik, wonach Pharmafirmen wie Gilead vor allem Profit machen wollen, kann der Biochemiker hingegen nichts abgewinnen. "Das ist unser kapitalistisches System, das ist so."

Hauptverband: "Unethisch und inakzeptabel"

Eine Argumentation, die der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger zynisch findet. "Die Preisbildung von Gilead ist unethisch und vollkommen inakzeptabel", meint Generaldirektor Josef Probst gegenüber science.ORF.at. Es sei zynisch, die Alternativkosten von Lebertransplantationen u.ä. gegenzurechnen. Gilead mache Milliarden-Gewinne auf Kosten Kranker - dies sei auch der Schluss eines Berichts, den der US-Senat im Dezember veröffentlicht hat.

"Wir haben mittlerweile auch in Europa ein Problem, das früher nur von ärmeren Ländern bekannt war", so Probst. "Die Preispolitik schließt Millionen Menschen weltweit von einer Behandlung aus. Und in jenen Ländern, wo es sich die Gesundheitssysteme leisten können, kommt es zu einer enormen Schieflage." Das gelte auch für Österreich: In den vergangenen zwölf Monaten seien für die Behandlung von 2.400 Hepatitis-Patienten 150 Millionen Euro ausgegeben worden.

Ethische Forschung als Beiprodukt

Naturgemäß anders sieht das Norbert Bischofberger. Nur weil Gilead mit Medikamenten zu Hepatitis und HIV genug Geld verdiene – der Jahresumsatz betrug 2015 32 Mrd. US-Dollar, das aktuelle Forschungsbudget liegt bei drei Milliarden – könne man es sich leisten, auch andere Forschung zu betreiben, die nicht gewinnversprechend ist. "Wir machen das aus ethischen Gründen", sagt Bischofberger. "Solange wir profitabel sind, haben unsere Anleger nichts dagegen."

Konkret habe Gilead ein Medikament für Ebola entwickelt und gerade auch einen Kandidaten gegen das in Südamerika grassierende Zika-Virus synthetisiert. "Ich kannte Zika bis vor vier Wochen nur aus den Büchern", gesteht der Biochemiker. Bei allen "exotischen Viren" gebe es aber ein Problem: "Sie sind sehr ansteckend. Die Ausbrüche sind sehr kurz und dabei töten die Viren ihren Wirten. Und damit verschwindet auch wieder das Virus."

Ebola, Zika … und spektakuläre Zukunftsaussichten

Was gut für die Gesundheitspolitik ist, sei schlecht für die Forschung. Als Ebola 2014 in Westafrika aufgetreten sei, habe Gilead zu dem Virus zu forschen begonnen. Das entwickelte Mittel sei zwar in zwei Fällen erfolgreich eingesetzt worden – bei einer Krankenschwester in London und einem Neugeborenen vor Ort. Ohne klinische Studie mit mehr Teilnehmern beweise dies aber nichts. "Wenn es keinen Ebola-Ausbruch gibt, können wir auch keine klinische Studie machen."

Bei Zika sei es nun ähnlich. Auch hier werde es mindestens ein Jahr dauern, bis die Verbindung im Rahmen einer größeren Studie getestet werden könne. "Hoffentlich ist das Virus bis dahin verschwunden. Aber wenn nicht, können wir erst dann mit der Studie beginnen."

Für die Zukunft verspricht Bischofberger Spektakuläres: die Heilung von Aids mit Hilfe einer sechsmonatigen Behandlung und von bestimmten Krebsarten mit Hilfe von Immuntherapie – wieviel das dann kosten wird, bleibt abzuwarten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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