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Rekonstruktion eines Neandertalers

Intime Begegnung vor 100.000 Jahren

Der moderne Mensch hat sich mit dem Neandertaler zeitweise denselben Lebensraum geteilt. Dass sie dabei auch Sex hatten, kann man noch heute am menschlichen Erbgut ablesen. Ein Studie zeigt nun: Die Arten haben sich viel früher vermischt als angenommen. Dieser Kontakt hat umgekehrt menschliche Spuren im Neandertalergenom hinterlassen.

Erbgutvermischung 18.02.2016

Dass der moderne Europäer ein bis vier Prozent seines Erbguts dem Neandertaler verdankt, ist seit einigen Jahren bekannt. Das bedeutet, dass die von Afrika nach Eurasien gezogenen modernen Menschen vor etwa 47.000 bis 65.000 Jahren hin und wieder Liebeleien mit ihren archaischen Verwandten eingegangen sein müssen, aus denen Nachwuchs mit gemischtem Erbgut hervorging.

Die Studie in "Nature"

"Ancient gene flow from early modern humans into Eastern Neanderthals" von Martin Kuhlwilm et al., erschienen am 17. Februar 2016.

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Gutes und schlechtes Erbe

Erst vor wenigen Tagen berichteten Forscher, dass die wenigen Prozent für den modernen Mensch zahlreiche Folgen für die Gesundheit haben können. Das Neandertaler-Erbe spielt demnach bei Hauterkrankungen und beim Immunsystem, aber auch bei Nikotinsucht und Depressionen eine Rolle.

Es ist aber nicht alles schlecht, was wir dem Neandertaler-Erbgut verdanken. Denn nach einer früheren Studie haben Neandertaler-Gene das Immunsystem des modernen Menschen auch gestärkt. US-Forscher fanden heraus, dass Gene von Neandertalern den Vorfahren moderner Menschen wahrscheinlich dabei geholfen haben, sich an die kühlere Umgebung außerhalb Afrikas anzupassen. Neandertaler-Erbgut ist demnach in heutigen Europäern und Ostasiaten insbesondere an Stellen vorhanden, an denen Wachstum und Ausgestaltung von Haut und Haaren geregelt werden.

Erbgutstücke entdeckt

Die nun veröffentlichte Entdeckung der Forscher um Martin Kuhlwilm vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zeigt aber, dass nicht nur der Neandertaler seine Gene im modernen Menschen hinterlassen hat - auch er trug umgekehrt DNA des modernen Menschen in sich.

Grafik, Kontakte zwischen Mensch und NEandertaler

Ilan Gronau

Szenario der Begegnungen zwischen Mensch und Neandertaler

Zumindest fanden sie im Genom eines Neandertalers aus dem Altai-Gebirge in Zentralasien Erbgutstückchen des Homo sapiens. Anhand des Alters der untersuchten Knochen und der Beschaffenheit des Erbguts ergibt sich den Forschern zufolge, dass Neandertaler und moderne Menschen schon vor etwa 100.000 Jahren gemeinsame Kinder hatten - und damit mehrere Zehntausend Jahre früher als bisher angenommen.

Frühe Auswanderungswelle

Aber nicht alle Neandertaler tragen menschliche Spuren im Erbgut: Die Wissenschaftler untersuchten neben dem Erbgut der Knochen aus dem Altai-Gebirge auch das von zwei Neandertalern, die in europäischen Höhlen gefunden wurden. Darin entdeckten sie keine menschlichen Anteile. "Das bringt uns zu dem Schluss, dass die Vermischung nur im asiatischen Raum stattgefunden hat", sagte Kuhlwilm.

Vor 100.000 Jahren verließ der moderne Mensch vermutlich erstmals den afrikanischen Kontinent

IVAN HEREDIA / CSIC

Vor 100.000 Jahren verließ der moderne Mensch vermutlich erstmals den afrikanischen Kontinent

Der moderne Mensch, der Gene an den Neandertaler aus dem Altai-Gebirge weitergegeben hat, muss den Forschern zufolge außerdem einer speziellen Population angehört haben: Diese modernen Menschen verließen den afrikanischen Kontinent, bevor die Vorfahren heute lebender Europäer und Asiaten vor etwas weniger als 65.000 Jahren aus Afrika auswanderten. Vor etwa 100.000 Jahren gab diese Gruppe ihr Erbgut an den Altai-Neandertaler weiter - bevor sie schließlich selbst ausstarb.

science.ORF.at/APA/AFP/dpa

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