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Ernst Mach

"Ernst-Mach-Crashkurs" in zehn Punkten

Vor 100 Jahren, am 19. Februar 1916, ist der österreichische Physiker, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Ernst Mach gestorben. Eine wissenschaftliche Zentralfigur der Wiener Moderne, die im heimischen Metropolen-Branding kaum eine Rolle spielt, wenn es darum geht, mit dem kulturellen Erbe des Fin de Siècle Touristen nach Wien zu locken.

100. Todestag 19.02.2016

Muss das so bleiben? Ein "Ernst-Mach-Crashkurs" für alle Fremdenführer und -führerinnen Wiens, die bereit sind, auf ihrer Tour auch Worte wie Empiriokritizismus, Antimetaphysik, Atome oder Relativitätstheorie in den Mund zu nehmen.

1. Schleichwerbung oder Mach als Maßeinheit der Verstandesschärfe

Ziehen Sie einen Rasierer der Marke "Gillette" aus der Tasche und fragen Sie ihre Reisegruppe, was Sie in der Hand halten? – Ja, richtig, und zwar das Modell "Mach 3". So scharf, exakt und schnell wie der Geist jenes Naturwissenschaftlers und Philosophen, über den Sie heute etwas erzählen möchten: Ernst Mach. Nach ihm ist die Relativgeschwindigkeit zum Schall benannt. Mach 3, das ist drei Mal schneller als der Schall und entspricht ca. 3700 km/h. – Vergessen Sie nicht, den Rasierer als Fahnenstängchen zu benützen, wenn Sie die Reisegruppe in die Schleifmühlgasse 8, Singerstraße 7 oder Hofstattgasse 3 führen, wo Mach u.a. wohnte.

2. Der Schnitzler-Hofmannsthal-Musil-Trick

Erwähnen Sie umgehend, dass Ernst Mach ein Zeitgenosse Arthur Schnitzlers und Hugo von Hofmannsthals war. Damit ziehen Sie die Kunstinteressierten auf Ihre Seite. Erzählen Sie, beide Schriftsteller hätten unter direktem Einfluss Machs gestanden, auch wenn darüber in Fachreisen noch immer diskutiert wird. Dass Hofmannsthal sich später dem Katholizismus zuwandte, dürfen Sie verschweigen.

Bringen Sie danach den Autor Robert Musil in Spiel. Der hat seine Dissertation "Beiträge zur Beurteilung der Lehre Machs" betitelt und in seiner Literatur eine Aussöhnung von Verstand und Gefühl in Zeiten naturwissenschaftlicher Revolutionen versucht. Darüber hinaus können Sie die Lektüre von Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" empfehlen. Wer Lust und Zeit hat, soll zuhause nach Passagen suchen, die Machs These vom "unrettbaren Ich" variieren.

3. Die fehlende Büste im Arkadenhof

Führen Sie Ihre Reisegruppe in den Arkadenhof der Universität Wien und pflanzen Sie sich dort vor der Büste des österreichischen Rechtsgelehrten Hans Kelsen auf, dem Vater der österreichischen Bundesverfassung. Kelsen vertrat einen Rechtspositivismus, der von Ernst Machs Philosoph inspiriert war: Eine Spielregel-Demokratie wie die Österreichs beruht auf Gesetzen, die vom Menschen gesetzt sind (Positivismus) und sich nicht aus höheren Werten ableiten lassen. Zeigen Sie noch einmal ostentativ auf die Kelsen-Büste – und sagen Sie dann: "Eine Mach-Büste fehlt hier, obwohl Mach an dieser Universität sechs Jahre lang den Lehrstuhl für Philosophie bekleidete, von 1895 bis 1901."

Ernst Mach im Alter

gemeinfrei, Christian Lunzer (Hrsg.): Wien um 1900 - Jahrhundertwende, ALBUM Verlag für Photografie, Wien 1999

4. Tischlerlehrling und Kantkritiker

Nun wird es Zeit, die naturwissenschaftlich geprägte Weltauffassung Machs zu skizzieren. Sprechen Sie von einer auf Erfahrungswissen vertrauenden Antimetaphysik, die eine Alternative zu den spekulativen und idealistischen Welterklärungssystemen der damaligen Zeit anbot. Nur durch Sinneswahrnehmungen, die in wiederholbaren Experimenten überprüft werden können, kann die Welt erfasst und beschrieben werden. "Empiriokritizismus" nannte Mach diese erkenntnistheoretische und philosophische Haltung.

Verdeutlichen Sie diese anhand einer biografischen Anekdote aus seiner Jugend: Mach absolvierte eine zweijährige Tischlerlehre. Durch den Umgang mit Holz, können Sie behaupten, dürfte ihm ein konkreter Tisch immer schon näher gewesen sein als jedes kantische "Ding an sich". Weisen Sie auch darauf hin, dass Mach bereits als 15-jähriger Gymnasiast Kants "Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können" las. Und zitieren Sie Machs späteren Lektüreeindruck: "Das 'Ding an sich' erkannte ich noch als Knabe als eine unnütze, metaphysische Erfindung. Bald wandte ich mich einem kritischen Empirismus zu."

5. Weniger letztes Universalgenie als erster interdisziplinärer Denker

Weisen Sie nun darauf hin, dass Mach zwar als Experimentalphysiker begann, rasch aber auch Versuche im Bereich der Sinnesphysiologie und Gestaltpsychologie anschloss. Sie können hier beispielsweise seine Experimente über Flugprojektile, zur Kurzzeitfotografie oder über die Wahrnehmung von optischen Kippbildern anführen. Ergänzen Sie, dass Mach seine unzähligen Einzelresultate später zu einer Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie integrierte.

Nennen Sie bei dieser Gelegenheit auch zwei seiner Hauptwerke: Die "Mechanik in ihrer Entwicklung" von 1883 und die "Analyse der Empfindungen" von 1886. Betonen Sie nochmals, wie wichtig die Symbiose von Physik, Physiologie und Psychologie in Machs Denken war. Scheuen Sie nicht davor zurück, die Metapher vom "Albatros mit fächerübergreifender Spannweite" zu verwenden. Schränken Sie aber ein, der letzte Universalgelehrte, sofern es einen solchen nach der Renaissance überhaupt noch jemals gegeben hätte, wäre wohl doch Leibniz gewesen.

Einen interdisziplinären Vordenker dürfe man Mach hingegen durchaus nennen. Einen Wissenschaftler, dem es um ein vernetztes Denken im heutigen Sinn ging. Um eine Wissensverästelung zwischen artverwandten Disziplinen, in denen noch dieselbe Sprache gesprochen wird. Weniger um ein enzyklopädisches Wissen im klassischen Sinn. (Fakultativ: Der große Enzyklopädist, bisweilen ein ziemlich chaotischer und unzuverlässiger, der sei heute sowieso Wikipedia.)

6. Zweifel am Atom mit kurzer Dialektübung

"Ham's scho ans gsehen?" Animieren Sie die Gruppenmitglieder zum Nachsprechen dieser Frage. Hochdeutsch: "Haben Sie schon eines gesehen?" – Erstens: Solche phonetischen Einführungen ins Wienerische kommen bei japanischen und deutschen Touristen immer gut an. Zweitens: Keine Tour ohne die Erwähnung des berühmten Streits zwischen dem österreichischen Physiker Ludwig Boltzmann und Ernst Mach über die Existenz des Atoms.

Der Erste glaubte an diese, der Zweite hielt den empirischen Nachweis für unmöglich. Was man nicht sehen könnte, meinte Mach, also nicht mit den Sinnen wahrnehmbar wäre, dürfte auch nicht Teil einer naturwissenschaftlichen Theorie sein. Heute gilt die Existenz von Atomen, ja sogar die Existenz von subatomaren Teilchen wie den Quarks unter Physikern als unbestritten. Weswegen Sie Boltzmann zum Sieger dieser Kontroverse erklären können.

Sie können dieses Urteil aber auch ein wenig zugunsten Machs relativeren. In diesem Fall fügen Sie hinzu, dass die Physiker heute bloß indirekte Spuren von Quarks in großen Teilchenbeschleunigern nachweisen können. Und dass niemand bisher ein Quark tatsächlich gesehen hätte, im Sinne Machs. Ob dessen Empiriokritizismus heute, in Zeiten einer hochtechnologisierten und mathematisch-abstrakten Physik, aber noch Sinn macht, muss jedes Gruppenmitglied für sich selbst beantworten.

Kleiner Appendix: Dekonstruieren Sie zum Schluss den Mythos, der Selbstmord Boltzmanns 1906 habe ursächlich mit Machs Atom-Polemik zu tun. Das ist ein Gerücht, nicht mehr.

7. Einstein zieht immer

Springen Sie jetzt von der physikalischen Welt des ganz Kleinen in jene des ganz Großen. Vom Reich der Atome ins Weltall. Hier kommt Albert Einstein ins Spiel – und der zieht immer. Physikalisch ist das auch legitim, weil die Allgemeine Relativitätstheorie Materie, Raum und Zeit durch eine neue Sicht der Schwerkraft zusammenspannt. Bei Einstein ist die Gravitation keine herkömmliche Kraft, sondern eine geometrische Verformung der Raumzeit, die durch die Anwesenheit von Materie gekrümmt wird.

Gut, im Detail für das vielleicht zu weit. Wichtig für Sie ist aber: Einsteins Theorie funktionierte nur, wenn es keinen absoluten Raum gab, so wie es die Mechanik Newtons lehrte. Keine vorgegebene Bühne, auf der sich das physikalische Geschehen abspielte. Und hier trat Ernst Mach als Vordenker auf den Plan. In seiner "Mechanik" hatte Mach den absoluten Raum Newtons einer minutiösen Kritik unterzogen. Und darauf hingewiesen, dass Begriffe wie Trägheit, Bewegung oder Beschleunigung nur als relative Größen aufzufassen waren.

Einstein erzählte und schrieb später immer wieder, wie wichtig dieses "Machsche Prinzip" für die Entwicklung der Allgemeinen Relativitätstheorie gewesen wäre. Übrigens veröffentlichte Einstein auch einen Nachruf zum Tode Machs. Das sollte Sie nicht verschweigen.

8. Lenins Bashing

Nach so viel Physik kann ein wenig Politik nicht schaden. Gehen Sie kurz auf die ideologisch und politisch motivierte Mach-Kritik eines gewissen Herrn Wladimir Iljitsch Uljanow ein, besser bekannt unter dem Namen Lenin. 1909 veröffentlichte Lenin eine philosophische Abhandlung mit dem Titel "Materialismus und Empiriokritizismus". Ziel seiner Kampschrift waren eigentlich jene russischen Sozialisten, die nach der gescheiterten Revolution von 1905 eine Neuinterpretation der Klassiker Marx und Engels und eine Revision des "mechanischen Materialismus" forderten. Eine Alternative war für viele Machs Empiriokritizismus, den Lenin als gefährliche Spielart einer idealistischen Weltauffassung geißelte.

9. Ein Sozialreformer und Volksbildner

Abschließend ist es vielleicht ratsam, Ernst Machs politische Einstellung anzusprechen. Wählen Sie am besten die Formel "Linksliberaler" und betonen Sie, dass Mach sich für ein allgemeines Wahlrecht und das Frauenwahlrecht stark machte. Nicht unerwähnt sollten Sie auch seinen volksbildnerischen und pädagogischen Eros lassen. Mach hielt populärwissenschaftliche Vorträge, verfasste Bücher für den Physik-Unterricht und erstellte Lehrpläne.

10. Schlussbemerkung im Rathauspark

Beenden Sie ihre Tour im Wiener Rathauspark. Hier steht ein Ernst-Mach-Denkmal. Weisen Sie die Gruppenmitglieder darauf hin, dass nicht alle berühmten Wiener und Wienerinnen am Zentralfriedhof begraben liegen. Mach verbrachte seinen Lebensabend, beeinträchtigt durch einen Schlaganfall, bei seinem Sohn in München. Seine Urne wurde in einem Sammelgrab am dortigen Nordfriedhof beigesetzt.

Armin Stadler, Ö1 Wissenschaft

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