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Regenwolke am Himmel

Ein "Schalter" gegen Depressionen

Die eine kann über den verlorenen Job schnell hinwegsehen, ein anderer fällt in eine Depression. Warum eigentlich? Entscheidend ist die Fähigkeit, sich von belastenden Geschehnissen zu erholen: Kanadische Forscher entdeckten nun im Mausmodell einen "Schalter" im Gehirn, der die Widerstandsfähigkeit erhöht.

Mäusestudie 19.02.2016

Eine zentrale Rolle in Sachen Belastbarkeit spielt der Botenstoff Dopamin sowohl in der Maus als auch im Menschen. Denn obwohl Dopamin eher als das "Belohnungsmolekül" bekannt ist, hat es auch seine Schattenseiten: In bestimmten Hirnarealen kann eine zu hohe Konzentration des Botenstoffs zur Depression führen.

Noradrenalin als "Schaltermolekül"

Die Studie

"Resilience to chronic stress is mediated by noradrenergic regulation of dopamine neurons" von Elsa Isingrini und Kollegen erschien am 15. Februar 2016 in "Nature Neuroscience".

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 19.2., 13.55 Uhr.

Forscher aus Montreal beschreiben in einer aktuellen Studie, wie die Freisetzung von Dopamin aus Neuronen der Hirnregion Area tegmentalis ventralis gehemmt werden kann - nämlich über einen zweiten Botenstoff: Noradrenalin. Im Mausmodell zeigen die Wissenschaftler, dass Noradrenalin, ausgeschüttet von Nervenzellen des Locus caeruleus, die gewünschten Dopaminneuronen hemmt.

Um ein stressreiches Lebensereignis im Tiermodell zu simulieren, setzte das Team um den Neurowissenschaftler Bruno Giros sowohl widerstandsfähige als auch stressanfällige Mäuse einem besonders aggressiven Artgenossen aus.

"Wir haben während der Experimente das Noradrenalinsystem im Mäusehirn manipuliert. Dabei ist klar geworden, dass dieser Botenstoff in bestimmten Hirnarealen dopaminfreisetzende Neuronen ausschaltet. Wenn man die Noradrenalinausschüttung nun steigert, wird der Dopaminspiegel niedriger und die Mäuse widerstandsfähiger gegen soziale Niederlagen. Hemmt man aber die Noradrenalinzufuhr, kommt es zu einer Dopaminanreicherung, wodurch die Mäuse anfälliger für Depressionen sind. Man kann also Belastbarkeit ein- und ausschalten", so Studienautor Giros.

Neue Generation von Antidepressiva?

Er sieht eine große Zukunft in der Entdeckung: "Noradrenalin ist nicht nur notwendig, um den Dopaminspiegel in wichtigen Hirnarealen zu senken, sondern reicht völlig aus, um die Anfälligkeit für Depressionen zu kontrollieren. Wir wollen eine neue Generation von Medikamenten gegen Depressionen entwickeln, die einen vorteilhafteren Nutzen-Nebenwirkungsfaktor hat als andere Medikamente."

Giros will als Nächstes passende Wirkstoffe suchen, die spezifisch an bestimmte Rezeptoren in der Gehirnregion binden und die Dopaminfreisetzung gezielt ausschalten.

Geraldine Zenz, Ö1 Wissenschaft

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