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Steinskulptur auf der Osterinsel

Krieg auf der Osterinsel: Ein Mythos

Rapa Nui, die Osterinsel im Pazifik, gilt als Lehrbuchbeispiel einer öko-kulturellen Katastrophe: Raubbau an der Natur und Kriege hätten die die dort ansässige Zivilisation vernichtet, heißt es. Neue Untersuchungen widerlegen diese Theorie.

Archäologie 19.02.2016

Das Bild der postkatastrophalen Einöde wurde vor allem vom amerikanischen Geografen Jared Diamond populär gemacht. Wo einst dichte Palmwälder standen, gibt es auf Rapa Nui heute nur mehr karge Grasflächen. Die einstige Artenvielfalt ist auf ein Minimum geschrumpft. Und die monumentalen Skulpturen, Moai genannt, stehen auf der Insel wie willkürlich verstreute Mahnmale – steinerne Zeugen einer untergegangen Kultur.

Die Geschichte, die Diamond in seinem Buch "Kollaps" anbietet, beschreibt eine Krise der Ökologie und der Kultur. Mit dem Raubbau an der Natur – vor allem durch großflächige Rodungen – hätten sich die Polynesier ihrer eigenen Lebensgrundlage beraubt und in der Folge ihre Gesellschaft in den Untergang manövriert, schreibt Diamond.

Steinskulpturen auf der Osterinsel

MARTIN BERNETTI / AFP / picturedesk.com

Die berühmten Steinskulpturen auf der Osterinsel

Archäologische Funde schienen denn auch Belege für diesen Zusammenbruch zu liefern. Im 13. Jahrhundert kamen die ersten Polynesier in Kanus auf der Osterinsel an, zwei- bis dreihundert Jahre später entwickelten sie dort neuartige Waffen – Kurzspeere mit Spitzen aus vulkanischem Gesteinsglas. Sie wurden als Zeichen für eine Welle blutiger Stammeskriege gedeutet.

Carl Lipo, Anthropologe von der Binghamton University in New York, hält diese Deutung für falsch. Er hat soeben 400 Stück der vermeintlichen Speerspitzen, mata'a, untersucht und kommt zu dem Schluss: Sie waren mit hoher Wahrscheinlichkeit Multifunktionswerkzeuge. Aber keine Waffen.

Wie Lipo im Fachblatt "Antiquity" schreibt, spricht vor allem ihre Form gegen eine kriegerische Interpretation. Erstens sähen sie nicht aus wie Speerspitzen aus anderen Kulturen und zweitens seien sie viel zu wenig systematisch gefertigt, als dass sie für den Waffengebrauch tauglich gewesen seien. "Waffen müssen ihre Funktion im Kampf gut erfüllen. Sie nicht gut zu erfüllen, heißt, das Leben zu riskieren", sagt Lipo.

Verschiedene Mata'a

Carl Lipo, Binghamton University

Waffe oder Werkzeug? Formenvielfalt der mata'a

"Natürlich kann man alles als Waffe verwenden, das gilt auch für die mata'a. Aber ich schließe aus, dass man damit jemanden hätte töten können." Ein Urteil, zu dem man eventuell auch ohne moderne "morphometrische" Methoden hätte kommen können: Denn die mata'a sehen selbst für das Auge des Laien ziemlich harmlos aus, sie erinnern eher an handgefertigte Schmetterlinge als an Mordwerkzeuge.

Das Szenario vom Kollaps ist für Lipo denn auch nichts anderes als eine Zuschreibung westlicher Archäologen, ein Zerrbild der tatsächlichen Geschichte. Er bietet in seinem Aufsatz ein anderes Narrativ an, eines, das von einer stabilen und erfolgreichen Zivilisation handelt.

"Die Bewohner der Osterinsel führten eine nachhaltige Existenz, bis sie mit den Europäern in Kontakt kamen", sagt Lipo. Ihm zufolge wurden die weit verbreiteten mata'a als rituelle Gegenstände für Tätowierungen gebraucht. Wahrscheinlich sei auch, dass sie die Polynesier für die Kultivierung von Pflanzen eingesetzt haben. Jedenfalls seien sie Anzeichen gesellschaftlicher Produktivität, nicht Anzeichen des Verfalls.

Die alternative Geschichte aus Lipos Feder ist im Grunde eine durchgängige Negation all der Kollapstheorien, die im Laufe der Jahrhunderte zur Rapa-Nui-Kultur entwickelt wurden. Freilich hat er seine Darstellung auf aktuellen Befunden der Archäologie und der Umweltgeschichte errichtet. Hier seine wichtigsten Antithesen:

Erstens: Es gab keinen Untergang.

Jahrhunderte lang lebten die Polynesier auf den Osterinseln fernab und isoliert vom Rest der Welt. Das änderte sich erst an einem Ostersonntag des Jahres 1722, als niederländische Seefahrer die Insel erreichten. Der Einfluss des Westens erschütterte das Selbstverständnis und das Weltbild der Inselbewohner. Aber ihre Kultur ist niemals verschwunden, betont Lipo gegenüber science.ORF.at: "Noch heute leben 4.000 Polynesier auf der Insel, sie sprechen die gleiche Sprache wie damals. Von Untergang kann keine Rede sein."

Zweitens: Das Ökosystem war intakt.

Dass die Insulaner die einst umfangreichen Palmwälder abgeholzt haben, bestreitet Lipo nicht. Sehr wohl bestreitet er, dass das negative Konsequenzen gehabt hätte. "Das Holz der Palmen war nie wirklich für den Bau von Booten und Häusern geeignet. Aus Sicht der Bevölkerung war die Abholzung ein Vorteil. Denn dadurch entstanden Flächen für den Anbau von Süßkartoffeln, dem Hauptnahrungsmittel dieser Menschen."

Drittens: Die Erosion entstand viel später.

Das Verschwinden der Palmwälder, so wurde vielfach behauptet, beraubte die Insel ihres natürlichen Schutzes vor Erosion. Auch das ist falsch, betont Lipo: Auf der Osterinsel sei es erst im 20. Jahrhundert zu großflächiger Erosion gekommen – "Schuld daran war eine schottische Firma, die Williamson-Balfour Company. Sie brachte 60.000 Schafe auf die Insel und verwandelte sie in eine gigantische Ranch. Sie können sich vorstellen, welchen Einfluss so viele Tiere auf die Vegetation haben."

Viertens: Krisen lösten nur die Eroberer aus.

Betrachtet man die Bevölkerungszahlen auf Rapa Nui, lässt sich in der Tat ein Einbruch festmachen. 1722, als die ersten Europäer die Insel erreichten, lebten dort rund 3.000 Menschen. Ende des 19. Jahrhunderts war die Urbevölkerung auf 111 geschrumpft. Der Grund: "Die Seefahrer aus dem Westen hatten neue Krankheiten wie Pocken und Lepra mitgebracht. Viele Ureinwohner wurden auch als Sklaven verschleppt."

Unter Fachleuten seien diese Erkenntnisse längst bekannt, betont der streitbare Anthropologe von der Binghamton University. "Was ich hier erzähle, ist im Grunde nichts Neues." Dennoch scheint sich der Mythos vom öko-kulturellen Kollaps auf der Osterinsel bis heute zu halten. Vielleicht auch deshalb, weil er die Verantwortlichkeiten so schön in die Ferne projiziert. Denn eines lässt sich nicht abstreiten: Lipos Erzählung wirft ein wenig schmeichelhaftes Licht auf die Kultur des Westens.

Robert Czepel, science.ORF.at

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