Standort: science.ORF.at / Meldung: "Katastrophenberichte nicht hilfreich"

Tarawa-Atoll, Kiribati, Luftaufnahme

Katastrophenberichte nicht hilfreich

Wütende Zyklone wie "Winston", ein steigender Meeresspiegel, der malerische Atolle im Meer versinken lässt und ihre Bewohner zur Flucht zwingt - was man von den Auswirkungen des Klimawandels im Südpazifik hört, seu sehr alarmistisch und zeige nicht die Komplexität der dortigen Probleme, so die Kultur- und Sozialanthropologin Elisabeth Worliczek.

Klimawandel 24.02.2016

Worliczek, die am Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien arbeitet, hat die vergangenen acht Jahre im Südpazifik gelebt und geforscht, vor allem in Neukaledonien, eine zu Frankreich gehörende Inselgruppe östlich von Australien.

Sie untersuchte für ihre Doktorarbeit und in mehreren Folgeprojekten, wie die Menschen in kleinen, ländlichen Dörfern und abgelegenen Inseln die Veränderungen durch den Klimawandel wahrnehmen und damit umgehen, wenn etwa Fischschwärme ausbleiben, die Feldwirtschaft betroffen ist und der Meeresspiegel steigt.

Veranstaltungshinweis:

Elisabeth Worliczek hält heute, Mittwoch, um 18.30 Uhr im Naturhistorischen Museum Wien einen Vortrag zum Thema "Die überfluteten Inseln - Wahrnehmung, Realität und Interpretation des Klimawandels auf den Pazifischen Inseln".

"Es gibt natürlich ein paar prominente Fälle wie auf dem Inselstaat Tuvalu, wo tatsächlich Familien umgesiedelt werden müssen oder in Neuseeland um Asyl als Klimaflüchtlinge angesucht haben", sagte Worliczek. Doch die meisten Menschen in der Südsee würden nicht in Panik verfallen. "Generell ist die Risikowahrnehmung dort eine sehr andere", berichtet sie. Das im westlichen Raum stark verankerte Sicherheitsdenken, mit der Folge, dass jeder sein Haus, sein Auto und sein Alter versichert, sei in diesem Raum nicht so präsent.

Starke Familiennetzwerke

Man sei sich durchaus bewusst, dass die Auswirkungen des Klimawandels in mittlerer Zukunft ernsthafte Probleme bereiten können, doch die Herangehensweise sei eine andere. "Die Menschen greifen oft auf traditionelle Netzwerke zurück, wie Familiennetzwerke, die sich nicht selten über mehrere Inseln erstrecken", erklärte die Forscherin.

In Inselstaaten mit starker staatlicher Struktur wie den Fidschi Inseln, wo der Zyklon "Winston" aktuell Verwüstung hinterlassen und mindestens 42 Menschen das Leben gekostet hat, würden die Betroffenen aber auch auf Lebensmitteln und Aufbauhilfe von den Behörden und der internationalen Gemeinschaft zählen. "Man jongliert hier ein wenig zwischen zwei Systemen", meint sie.

Freilich seien Migrationsszenarien im Südpazifik ein großes Thema, aber das würde für die meisten Menschen nicht einfach bedeuten "nichts wie weg von der Insel". Durch lokale Ansätze und traditionelle Landverwaltungssysteme ist es den Bewohnern oft möglich, auf kleinem Raum umzusiedeln, etwa von der unmittelbaren Küstenregion auf etwas höher gelegenes Gelände. "Manchmal können sich Familien dabei sogar innerhalb ihres eigenen Grundstücks bewegen", sagte Worliczek.

Schwierige Situation

Derzeit wäre die Situation der Bewohner der Südseeinseln schwierig. "Es ist klar, dass sie mit der Verursachung des Klimawandels so gut wie nichts zu tun haben, aber sie sind sehr stark von den Auswirkungen betroffen und haben in weltweiten Klimaverhandlungen eine sehr schwierige Position", erklärte sie. Dabei sei die Gefahr groß, dass man sie nicht als Akteure wahrnimmt, sondern in eine ungewollte Opferrolle drängt.

Die Menschen dort leben zwar oft in Subsistenzwirtschaft etwa von Fischerei und Landbau, aber auch in einer globalisierten Welt, wo sie als Akteure mitwirken. Das verkompliziert ihre Lage. "Einerseits haben sie teilweise Strategien über die Jahrtausende entwickelt, mit dem, was wir als Naturkatastrophen bezeichnen, umzugehen, andererseits sind sie vom globalen System abhängig", meint sie.

Wichtig sei ihr, dass man nicht nur kleine überschwemmte oder von Wirbelstürmen zerstörte Dörfer sieht und die Menschen als "die nächsten Klimaflüchtlinge" wahrnimmt, sondern die Situation differenzierter betrachtet. "Es geht hier um eine sehr große Region, wo man genauer hinschauen muss, denn die Situation vor Ort ist viel komplexer als man glaubt und lokal sehr unterschiedlich", so die Wissenschaftlerin.

science.ORF.at/APA

Mehr zum Thema:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  •