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Flüchtlingskind schaut aus Zugfenster

Die Kulturwissenschaft entdeckt das Leben

Der Kulturwissenschaft wird oft vorgeworfen, sie sei abgehoben und unverständlich. Thomas Machos Biografie ist das Gegenbeispiel. Seine wissenschaftlichen Themen sind groß - und dennoch nah am Leben: Tier-Mensch-Beziehungen, Leiden und Sterben.

Amtsübergabe 29.02.2016

Auch zur aktuellen Flüchtlingsdebatte könne die Kulturwissenschaft etwas beitragen, erklärt Macho in einem Interview. Nach mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland übernimmt der österreichische Kulturwissenschaftler und Philosoph am 1. März die Leitung des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK), "Kulturen des Übersetzens" lautet der neue Forschungsschwerpunkt.

science.ORF.at: Kehren Sie nun endgültig nach Wien zurück?

Thomas Macho

IFK

Thomas Macho ist seit 1993 Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, wurde 1976 mit einer Dissertation zur Musikphilosophie an der Universität Wien promoviert. Mit einer Arbeit über Todesmetaphern habilitierte er sich 1983 für das Fach Philosophie an der Universität Klagenfurt. Macho war Mitbegründer des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik und von 2006 bis 2008 Dekan der Philosophischen Fakultät III. Von 2008 bis 2009 war er Fellow am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar; von 2009 bis 2011 Direktor des Instituts für Kulturwissenschaft. Ab 1. März 2016 ist der Direktor des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Kunstuniversität Linz in Wien.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 1.3., 13:55 Uhr.

Thomas Macho: Ich hoffe, dass ich spätestens im Herbst ganz zurück sein werde und nur mehr gelegentlich in Berlin. Dann gehört meine Hauptaufmerksamkeit dem IFK und meinen Lebensmittelpunkt - wie man das so schön nennt - werde ich dann nach 23 Jahren wieder nach Österreich verlegen.

Für Ihren Amtsantritt am IFK haben Sie ja bereits ein neues Motto ausgerufen: "Kulturen des Übersetzens". Was ist damit gemeint?

Die Kulturen des Übersetzens sollen uns daran erinnern, dass Kulturen keine festen statischen, sondern dynamische und fluide Gebilde sind. Dieser Gedanke sollte gerade in der Gegenwart verstärkt zur Geltung gebracht werden, angesichts von Angst und Panik vor Begegnungen mit Kulturen, z.B. im Zuge der Flüchtlingsströme. Ich wollte daran erinnern, dass Kulturen schon immer von Austausch, Beweglichkeit und Mobilität geprägt waren, auf verschiedenen Ebenen.

Welche Ebenen meinen Sie?

Die eine Ebene liegt nahe, auch wenn man nicht gleich an sie denkt: jene des sprachlichen Übersetzens. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir inzwischen in der Lage sind, in einer großen Kultur der Mehrsprachigkeit zu leben, Politik zu treiben, Diskurse und Diskussionen zu entwickeln. Das basiert oft auf den schlecht bezahlten und wenig wahrgenommenen Leistungen von Dolmetscherinnen und Übersetzern. Das will ich ein bisschen sichtbarer machen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gibt derzeit eine ganze Reihe von Leuten, die angesichts der Flüchtlingsbewegungen in Kriseninterventionszentren mit schwer traumatisierten Personen aus Bürgerkriegsgebieten arbeiten. Die Betreuer können ja nicht Syrisch oder Arabisch und umgekehrt haben die Flüchtlinge keine deutschen oder englischen Sprachkenntnisse. Es hängt also an den Übersetzern. Allein die methodischen Schwierigkeiten, die ein therapeutisches Konzept hat, das mit Übersetzern arbeiten muss, sind kaum vorstellbar. Darüber habe ich noch wenig gelesen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die mediale Übersetzung: D.h., wie sich unterschiedliche Medien und Formate auf dieselben Inhalte und Kontexte beziehen können. Das dritte Feld liegt ebenfalls auf der Hand: Es geht um Begegnungen zwischen Menschen und den Umgang mit unterschiedlichen Religionen, Ritualen, Gesten, Bewegungen, Höflichkeitsformen - sagen wir mal, es geht dabei um so etwas wie soziokulturelles Übersetzen.

Egal auf welcher der Ebenen, Übersetzen - funktioniert das überhaupt? Bleibt nicht immer zumindest ein unübersetzbarer Rest?

Das ist eine uralte Frage der Übersetzungstheorien, die immer wieder auf das Problem der Unübersetzbarkeit hingewiesen haben. Umgekehrt muss man sagen, dass viele Bücher, die als unübersetzbar galten, inzwischen in eine zweistellige Anzahl von Weltsprachen übersetzt worden sind. Das gilt für "Finnegans Wake" von James Joyce ebenso wie für manche französischen Romane, wie z.B. Georges Perecs' "Anton Voyls Fortgang", der ohne "e" auskommt.

Übersetzung ist ja nichts Abgeschlossenes. Es ist immer wieder notwendig, bereits übersetzte Werke noch einmal zu übersetzen. Sprache ist ebenfalls ein ungeheuer fluides Medium. D.h., es verändert sich stark: Worte tauchen neu auf und plötzlich sind sie völlig gebräuchlich. Andere Worte verschwinden und man muss sich mühsam daran erinnern, was sie mal bedeutet haben. Ich glaube, das Unübersetzbare gibt es in gewissen Grenzen, aber mich interessiert fast noch mehr, wie man mit diesem Unübersetzbaren schließlich umgeht.

Was heißt das z.B. für das soziokulturelle Übersetzen, wofür man ja nicht einmal ein Medium hat?

Das ist vielleicht gar nicht so wahnsinnig schwer. Das muss man einfach lernen, dafür das Auge und das Ohr schärfen. Heute ist es für Reisende vollkommen üblich, sich Ratgeber zu besorgen, in denen man über die richtigen Umgangsformen grob aufgeklärt wird.

Zur Kulturwissenschaft selbst: Man wirft ihr ja oft vor, sich nur mit randständigen Themen zu beschäftigen und selbst unverständlich zu sein. Hat die Kulturwissenschaft auch ein Übersetzungsproblem?

Die Kulturwissenschaft muss natürlich auch an der Übersetzbarkeit ihrer Ergebnisse arbeiten. Wie in anderen Disziplinen gibt es eine gewisse Jargonlastigkeit - die wissenschaftlichen Idiolekte, mit denen man sich seiner Zugehörigkeit und der Gruppenidentität vergewissert. Diese muss auch aufgegeben werden können. Das kann man üben.

Meine Studierenden sind immer wieder verblüfft, wenn ich mir von ihren Essays und Referaten wünsche, dass sie gut geschrieben und verständlich sind. Eine gute Theorie erkennt man nicht daran, dass sie schlecht geschrieben ist.

Durch die teilweise Unverständlichkeit hat man mitunter das Gefühl, die Kulturwissenschaft forscht in ihrem Elfenbeinturm an irgendwelchen Randthemen. Könnte sie nicht vielmehr zu gesellschaftlichen Fragen beitragen? Oder tut sie es ohnehin, man hört sie aber nicht?

Zum Glück passiert schon einiges, aber noch viel zu wenig. Man müsste noch viel engagierter in Debatten eingreifen. Dass das oft so schwer fällt, liegt auch daran, dass die Nachwuchsausbildung an der Universität orientiert ist. Studierende sollten auch lernen z.B. einmal für ein Feuilleton zu schreiben.

Gibt es Beispiele gesellschaftlicher Debatten, wo die Kulturwissenschaft etwas beitragen könnte?

Im Moment ist sicher die Flüchtlingskrise ein zentrales Thema. Aber es gilt auch für Themen, die uns in den letzten Jahren beschäftigt haben. Wir sollten jedenfalls auf aktuelle Themen Bezug nehmen.

Wir haben z.B. im September 2012 eine große Veranstaltung gemacht, im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, gefördert von der deutschen Kulturstiftung des Bundes, Titel "Schuld und Schulden". Da ging es darum sichtbar zu machen, wie viele ungelöste und noch gar nicht sichtbare Probleme mit der sogenannten Finanzkrise verbunden waren. Wie die Schulddiskurse durcheinanderwabbern, zwischen den ökonomischen, moralischen oder schlicht kausalen Schuldbegriff nicht unterschieden wird.

Erreicht man damit auch die politische Ebene?

Ja, teilweise durchaus. Z.B. habe ich dann verschiedentlich die Gelegenheit gehabt, etwas in politiknahen Kontexten vorzutragen. Also es gibt schon Wege. Man darf sich natürlich nicht überheben und meinen, man wird jetzt gleich zum Politikberater.

Sie haben sich auch sehr viel mit der Tier-Mensch-Beziehung auseinandergesetzt.

Das Thema beschäftigt mich tatsächlich bereits seit den frühen 1990er Jahren. Noch in Wien am IFF, in der Abteilung für soziale Ökologie habe ich einen Programmschwerpunkt zu historischer Anthropologie begonnen.

Damals war das noch gar kein Thema. Heute hat sich das sehr geändert. "Animal Studies" sind in den Kulturwissenschaften sehr prominent. In meiner eigenen Lebensgeschichte ging es oft um Themenstellungen, die sich auf konkrete, gesellschaftliche Kontexte und politische Entwicklungen bezogen haben, z.B. zur Friedensforschung oder im Rahmen von "Disability-Studies".

Sie haben also das Gefühl, dass sich gesellschaftlich auch etwas ändert, weil die Wissenschaft Themen setzt, etwa bei der Tierethik?

Das hat es zum Glück getan. Heute sieht es so aus, als würde das Bewusstsein der Menschen für das, was sie essen, warum sie es essen, mit welcher Herkunft, etc. wachsen.

Ähnliche Entwicklungen gab es offenbar im Zuge der Disability-Debatte? Immerhin haben wir Barrierefreiheit jetzt gesetzlich verankert.

Ja, da ist unglaublich viel passiert. Ende der 1990er Jahre begann die Diskussion in Amerika. Dann haben wir eine große Ausstellung im Hygiene-Museum in Dresden organisiert, zum imperfekten Menschen, ein Kooperationsprojekt mit der Aktion Mensch.

Da miteinbezogen zu werden, war spannend. Die Rückwirkung in den akademischen Betriebe ebenfalls: Praxisseminare, Radiosendungen und Ausstellungen, das war für mein Ausbildungskonzept in Berlin sehr wichtig.

Inwieweit wird Ihre bisherige persönliche Arbeit in Ihre neue Leitungsfunktion einfließen?

Ganz sicher werde ich die Themensetzung im Auge behalten. Wie bisher sind mir Themen wichtig, bei denen gerade große Veränderungen beobachtet werden können. Ein noch nicht erwähntes Beispiel ist das Thema Tod und Sterben, mit dem ich mich schon sehr lange beschäftige und das seit den späten 80er Jahren viele Umbrüche erlebt hat.

Der massivste ist sicher, dass sich Menschen heute sehr viel öffentlicher und reflektierter mit dem Tod, der Sterblichkeit und Trauer auseinandersetzen können, als noch vor zehn Jahren. Davor war Sterben ein Tabuthema.

Interview: Eva Obermüller, science.ORF.at

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