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Schlafende Frau

Warum Schlafmangel unersättlich macht

Wer zu wenig schläft, greift eher zu fetten, salzigen und süßen Snacks. Forscher haben nun entdeckt, warum die Selbstkontrolle in diesem Zustand schwächelt: Der Körper schüttet Substanzen mit drogenähnlicher Wirkung aus.

Ernährung 01.03.2016

Schlafmangel kann langfristig dick machen, denn offenbar steigert er den Appetit. Die Übermüdung bringt unter anderem das Hormonsystem durcheinander: der Spiegel von Ghrelin steigt - das macht hungrig; jener des Sättigungshormons Leptin fällt - man ist also langsamer satt.

Die Studie in "Sleep":

"Sleep Restriction Enhances the Daily Rhythm of Circulating Levels of Endocannabinoid 2-Arachidonoylglycerol" von Erin C. Hanlon et al., erschienen am 29.2. 2016.

Aber es dürften auch noch andere Regelkreise bei chronischem Schlafentzug außer Takt geraten, wie die aktuelle Untersuchung der Forscher um Erin Hanlon von der University Chicago nahelegt. Dafür wurden 14 gesunde Erwachsene einem zweiteiligen Schlafexperiment unterzogen.

Körpereigene "Drogen"

Zuerst durften sie vier "normale" Tage im klinischen Forschungszentrum verbringen, erhielten drei Mal am Tag eine Mahlzeit und schliefen etwa siebeneinhalb Stunden. Beim nächsten viertägigen Aufenthalt war alles identisch, bis auf die Schlafmenge. Dieses Mal schliefen sie durchschnittlich nur 4,2 Stunden.

Während den Versuchsphasen wurden im Blut der Probanden regelmäßig die Hunger- und Sättigungshormone Ghrelin und Leptin gemessen. Außerdem maßen die Forscher den Spiegel des Endocannabinoids 2-Arachidonylglycerol (2-AG). Diese körpereigene Substanz wirkt ähnlich wie die Cannabinoide in der Hanfpflanze, sie verringert wie die Droge z.B. das Schmerzempfinden und die Beweglichkeit.

Unkontrollierbares Verlangen

Bei den ausgeschlafenen Probanden war der 2-AG-Spiegel in der Früh niedrig, kurz nach Mittag erreichte er seine Spitze und sank dann wieder ab. Bei jenen, die zu wenig geschlafen hatten, war der Spiegel erst 90 Minuten später am Höchststand, zudem blieb er bis neun Uhr abends erhöht. Schon rein subjektiv empfanden die Teilnehmer im müden Zustand mehr Hunger als im ausgeruhten.

Dieser Eindruck wurde am letzten Tag des Versuchs auch experimentell bestätigt. Man stellte den Teilnehmern nämlich zwei Stunden nach dem Mittagessen eine große Schüssel mit Snacks zur freien Entnahme vor die Nase. Die übermüdeten Teilnehmer hatten laut den Forschern große Schwierigkeiten, ihr Verlangen im Zaum zu halten. In diesem Zustand nahmen sie doppelt so fette Naschereien und insgesamt doppelt so viele Kalorien wie in ausgeschlafener Verfassung zu sich.

Zu viele Kalorien

Kein Wunder, dass sich das langfristig auf die Hüften schlägt. Denn der Energieverbrauch erhöht sich durch die durchwachten Stunden kaum. Laut den Forschern verbraucht man nur 17 Kilokalorien mehr für jede wache Stunde. Die Teilnehmer nahmen aber im Schnitt ganze 300 Kilokalorien mehr zu sich.

Offenbar steigt durch das chemische Signal besonders die Lust auf ungesundes Süßes, Salziges oder Fettiges. "Wenn man genug geschlafen hat, hat man das Verlangen nach einem Schokoriegel besser im Griff", so Hanlon in einer Aussendung. "Aber unter Schlafentzug wird die Genusssucht nach bestimmten tröstlichen Nahrungsmitteln stärker und die Fähigkeit, diesen zu widerstehen, ist anscheinend geschwächt. So isst man automatisch mehr."

Eva Obermüller, science.ORF.at

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