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Historische Aufnahme: Margarethe Ottillinger

Die entführte Chefin des Wiederaufbaus

Schon mit 27 Jahren war Margarethe Ottillinger für den Wiederaufbau in Österreich zuständig. 1948 wurde sie nach Sibirien entführt – die sowjetischen Besatzer hielten sie für eine US-Spionin. Und sie war eine der ersten Frauen im Management der Schwerindustrie. Rückschau auf ein bewegtes Leben in einer männerdominierten Welt.

Margarethe Ottillinger 04.03.2016

Die Frau, die zu viel wusste

Es war der spektakulärste Entführungsfall im Österreich der Nachkriegszeit: Am 5. November 1948 wird die Wirtschaftsexpertin und Sektionsleiterin Margarethe Ottillinger an der Ennsbrücke, der Grenze zwischen sowjetischer und amerikanischer Zone in der Nähe von Linz, verhaftet. Sie ist zu dem Zeitpunkt 29 Jahre alt und im Planungsministerium verantwortlich für den Wiederaufbau Österreichs.

Durch ihre Nachforschungen über die Ölförderungen der sowjetischen Besatzer im niederösterreichischen Zistersdorf hat sie sich bei den Sowjets verdächtig gemacht – mit ihrer Hartnäckigkeit ist sie ihnen suspekt. Ottillinger muss sieben Jahre lang in Lagerhaft in der Sowjetunion.

Unter Folter und Zwangsarbeit versucht man ihr das Geständnis abzupressen, für die Amerikaner spioniert zu haben, wie der österreichische Historiker Stefan Karner aus den jahrelang unter Verschluss gehaltenen Verhörprotokollen lesen konnte. Erst 1955, mit einem der letzten Heimkehrertransporte, kommt sie schwer gezeichnet nach Österreich zurück. 1991 wird sie vollständig rehabilitiert.

Margarethe Ottillinger bei der Inbetriebnahme eines Hochofens in Donawitz mit Bundeskanzler Leopold Figl

ORF/Epo Film

Margarethe Ottillinger bei der Inbetriebnahme eines Hochofens in Donawitz mit Bundeskanzler Leopold Figl (links)

Im Fadenkreuz der Macht

Ottillinger war aber nicht nur den russischen Besatzern ein Dorn im Auge, sondern wohl auch dem einen oder anderen österreichischen Kollegen: In einem Interview 1989 erwähnt sie, dass ihr ein altgedienter Sektionschef unverblümt zu verstehen gab, dass die Leitung einer Sektion in den Händen einer 28-jährigen Frau als "Schande für die ministerielle Bürokratie" angesehen würde.

Ursula Strauss als Margarethe Ottillinger, Sektionsleiterin der Planungsabteilung im Wirtschaftsministerium

ORF/Epo Film

Sendungshinweise

"Universum History": "Margarethe Ottillinger - die Frau, die zu viel wusste". Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Livestream auf der ORF-TVthek angeboten: Freitag, 4.3.2016, 22.45 Uhr, ORF2.

Beiträge zu dem Thema am 4.3. auch in Ö1 Wissen aktuell und in der ZIB2.

Bild oben: Ursula Strauss als Margarethe Ottillinger, Sektionsleiterin der Planungsabteilung im Wirtschaftsministerium.

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Ottillinger wusste, dass es Interessen gab, sie aus ihrer Spitzenposition wegzubekommen: Sie sei "im Weg" gewesen, wird sie von Ingeborg Schödl in dem Buch "Im Fadenkreuz der Macht" zitiert. Denunziation war in der Besatzungszeit ein sicheres Mittel, um jemanden verschwinden zu lassen, so die Autorin.

Was auch immer die wahren Hintergründe für ihre Verhaftung und darauffolgende Verschleppung in die Sowjetunion gewesen sein mögen – eines steht fest: Margarethe Ottillinger eroberte Arbeitsbereiche, die zu jener Zeit Männern vorbehalten waren.

Mit 21 promovierte sie als eine von nur drei Frauen zur Doktorin der Handelswissenschaften, kurz darauf wurde sie stellvertretende Geschäftsführerin der "Reichsvereinigung Eisen". Mit 27 stieg sie zur Sektionsleiterin im Planungsministerium auf und errechnete die Grundlagen für die Verteilung der Gelder aus dem Marshallplan. Ihr ist es zu verdanken, dass Österreich nach Norwegen die zweithöchste Pro-Kopf-Zuweisung der amerikanischen Wiederaufbauhilfe bekam. Als Expertin im Bereich Eisen und Stahl ist sie ein prominentes Beispiel für eine Frau, die in der traditionell männerdominierten Schwerindustrie tätig war.

"Eiserner" Protest und Widerstand

Doch sie war nicht die Einzige: An der Basis arbeiteten schon Jahrzehnte vor ihr Frauen in der Eisen- und Stahlindustrie und kämpften um ihre Rechte. So waren in der Steiermark bereits vor dem Ersten Weltkrieg 16 Prozent aller in Industrie- und Gewerbebetrieben beschäftigten Frauen Metallarbeiterinnen, während des Krieges waren es gar 30 Prozent. Im Gewerbebezirk Leoben, Standort der Österreichischen Alpine Montan Gesellschaft (ÖAMG), waren in den Kriegsjahren rund 2.500 Frauen in der Metallverarbeitung tätig.

Die Alpine Montan beschäftigte Frauen während des Krieges in traditionell männlichen Bereichen: als Kranführerinnen beispielsweise, Waggon-Kupplerinnen, in der Formerei oder beim Ofenbetrieb in der Steinfabrik. Die Betriebe sowie Politik und Gesellschaft gingen davon aus, dass die Frauen unmittelbar nach Kriegsende wieder zu ihrer "eigentlichen Bestimmung" – Herd und Familie – zurückkehren würden. Doch die Wirtschaft brauchte Arbeitskräfte, und die Frauen brauchten Arbeit: Nicht alle Männer waren aus dem Krieg zurückgekehrt, viele waren traumatisiert, verletzt und arbeitsunfähig, es herrschte Versorgungsmangel.

Metallarbeiterinnen in der Alpine Montan AG zwischen 1914 und 1918.

Geschichteclub Alpine

Metallarbeiterinnen in der Alpine Montan AG zwischen 1914 und 1918

Bis 1923 sank daher die Zahl der Arbeitnehmerinnen kaum, wie die Historikerin Karin Schmidlechner in ihrer Arbeit "Steirische Arbeiterinnen in der Kriegs- und Nachkriegszeit", die demnächst publiziert wird, festgestellt hat. "Frauen nahmen eine sehr wichtige und aktive Rolle ein – einerseits weil sie die Männer an den Arbeitsplätzen ersetzen mussten, andererseits weil sie allein für die Versorgung der Familien zuständig waren", so Schmidlechner im Interview.

Zudem war die Ernährungslage katastrophal – die Frauen konnten sich selbst und ihre Familien kaum versorgen. Daher waren es auch die Frauen an der sogenannten "Heimatfront", die vehement begannen, sich zu wehren und Forderungen zu stellen. So fanden im Mai 1917 und im Jänner 1918 Massenproteste statt, an denen Arbeiterinnen maßgeblich beteiligt waren. Die Stadt Leoben erlebte noch im Jahr 1920 Großdemonstrationen und Hungerunruhen, die sogar Menschenleben forderten.

Arbeiter und Arbeiterin auf bzw. vor einer Dampflok

Geschichteclub Alpine

Alpine Montan AG zwischen 1914 und 1918

Land der Hämmer – Heimat großer Töchter

Frauen waren gewerkschaftlich kaum organisiert – dies gab ihnen die Freiheit, unabhängig von den politischen Agenden der Gewerkschaften spontane Proteste zu organisieren. Im April 1919 initiierten in Leoben-Donawitz empörte Frauen eine Protestaktion aufgrund der Preiserhöhung für Fett. Dabei wurde der Werksdirektor gefangen genommen und seine Villa nach Lebensmitteln durchsucht.

Aufgrund dieser und ähnlicher Aktionen wurden die Arbeitnehmerinnen in den Betrieben zunehmend als Risikofaktoren gesehen. Schließlich erteilte das Kriegsministerium die Weisung, Frauen nur noch dort einzusetzen, wo es unerlässlich sei, da Arbeiterinnen stets "dasjenige Element darstellen, welches die Ruhe und Ordnung der Betriebe durch ihre zumeist angeborene schürende Tätigkeit stört und wiederholt die Ursache von Streiks bildet". Diese Proteste, so Karin Schmidlechner, haben nachweislich zur Politisierung der Frauen in der Steiermark beigetragen. 1917 hatten fast alle Ortsgruppen der Sozialdemokratinnen Mitglieder gewonnen.

Doch nicht nur in Kriegszeiten übernahmen Frauen traditionell männliche Tätigkeiten. So stellte die damalige Alpine Montan in Donawitz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1948, 200 Arbeiterinnen neu ein. Wie die Leobnerin Elisabeth Dobita: Ab ihrem 18. Lebensjahr leistete sie Schwerstarbeit in der Alpine Montan. Sie war in der sogenannten Steinfabrik in glühender Hitze tätig – gemeinsam mit 35 anderen Frauen: "Die haben viel mehr ausgehalten als die Männer", erzählt sie – "hitzebeständiger" seien sie gewesen.

Aus zeitgeschichtlicher Sicht kann es also heißen: "Land der Hämmer zukunftsreich – Heimat bist du großer Töchter."

Caroline Haidacher, Universum-Redaktion

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