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Hirnforscher: "Straftäter haben doppelt Pech"

Laut Wolf Singer funktioniert das Gehirn wie ein "Orchester ohne Dirigent". Der deutsche Hirnforscher war für einen Vortrag in Wien. Im Interview sprach er unter anderem über den freien Willen und die Frage, ob Hirnforschung einen Beitrag zur Rechtsprechung leisten kann und soll.

Neurowissenschaften 04.03.2016

APA: Für Sie ist das Gehirn ohne zentrale Instanz organisiert, wie ein "Orchester ohne Dirigent". Bewusste Entscheidungen würden nicht auf freiem Willen beruhen, was in der Rechtsprechung relevant werden könnte. Werden wir also von einem chaotischen Ding kontrolliert, das uns im Glauben hält, unsere Entscheidungen seien frei?

Der emeritierte Mediziner Wolf Singer war Direktor der Abteilung für Neurophysiologie des Max Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt. Dort war er Mitbegründer des Frankfurt Institute for Advanced Studies (FIAS), des Brain Imaging Center (BIC), der Konferenzreihe "Ernst-Strüngmann-Forum" und des Ernst Strüngmann Instituts.

Wolf Singer: Nein, zum Glück geht es im Gehirn sehr regelhaft zu. Es optimiert seine Entscheidungen, indem es viele Variablen berücksichtigt, z.B. Argumente, Umweltbedingungen, Signale aus dem Körper wie Hunger und Ereignisse in den eigenen Erinnerungen. Diese werden nach strengen und gut organisierten Prozessen miteinander abgewogen und schließlich die im Augenblick offensichtlich optimale Handlung programmiert.

Vor einem Tiger werden Sie immer davonlaufen. Hoffe ich. Das System verhält sich trotz seiner Komplexität und sehr nichtlinearen Dynamik nach definierten Regeln. Sonst würde es uns kaum am Leben erhalten können.

Kann man vorhersagen, was eine Person in einer bestimmten Situation tut?

Man kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit angeben, dass jemand, der noch nie ein Gesetz übertreten hat, sich auch das nächste Mal angepasst verhalten wird. Aber mit Sicherheit lässt sich das nicht behaupten.

Die einzelnen Schritte gehorchen zwar dem Kausalgesetz, aber durch ihr Zusammenwirken entsteht eine Dynamik, die so komplex ist, dass man die zukünftigen Entwicklungen nicht wirklich voraussagen kann. Rückwirkend sind wir aber wunderbar erklärbar, und man kann nachvollziehen, warum wann welche Entscheidung gefallen ist.

Es gibt also im Gehirn keine übergeordnete Kontrollinstanz, aber viele interne Abstimmungen.

Es gibt sehr viele verteilte Zentren, die sich mit unterschiedlichen Aufgaben befassen und sehr intensiv miteinander verkoppelt sind. Die Zentren tauschen über ein ungeheuer dichtes Netzwerk Informationen aus, und aus diesem Konzert entsteht koordiniertes Verhalten.

Wenn ich nun vor einem Tiger stehe, ihn sehe, höre und rieche, wird nicht in irgendeinem Zentrum aus allen Eindrücken ein Gesamtbild zusammengesetzt und der Befehl zu einer Entscheidung gefällt?

Nein. Diese Signale - hoffentlich kommt nicht der Tastsinn dazu - werden nirgendwo zusammengeführt, sondern jedes der zuständigen Auswerteareale bewertet sein Bild und sendet ein Signal an das limbische System, ob es sich um ein friedliches oder gefährliches Tier handelt, und dort wird ausgerechnet, ob man weglaufen, stehen bleiben oder darauf zugehen soll.

Meist wird man schon zurückschrecken, bevor man bewusst realisiert, dass ein Tiger vor einem steht.

Das ist wohl das Erstaunlichste daran, dass es so enorm schnell geht. Im Vergleich zu elektronischen Bauteilen sind die Neuronen um bis zu tausendmal langsamer. Sie machen ihre Langsamkeit im Vergleich zu Computern aber durch ganz geschickte Rechenoperationen wett.

Sie haben öfters erklärt, dass selbst bei Entscheidungen, die uns bewusst erscheinen, die handlungsauslösenden Faktoren durchaus aus dem Unterbewusstsein stammen können. Haben wir überhaupt einen freien Willen?

Genauso wie unbewusste Entscheidungen sind auch die bewussten Prozesse Folgen von neuronalen Wechselwirkungen, die den Kausalgesetzen gehorchen - in dem Sinne unterscheiden sie sich also nicht. Wir haben trotzdem das Gefühl, wir könnten frei entscheiden und hätten in vielen Situationen auch anders handeln können. Wir haben kein Gefühl dafür, wie unser Gehirn funktioniert. Intuitiv ist es für uns nicht plausibel, dass im Hirn selbstorganisierende Prozesse ablaufen, sondern wir glauben, dass irgendein Entscheider drinsitzt, der sagt: "ich will".

Andererseits gibt es natürlich soziale Wechselwirkungen, d.h. wir "bespiegeln" einander. Ich billige Ihnen also zu, dass Sie ein autonomes Individuum sind und Sie mir hoffentlich das gleiche. Wir lernen auch von Anfang an, dass wir für unsere Handlungen verantwortlich gemacht werden, wenn etwa Mütter sagen: "lass das, sonst ...". Der Freiheitsbegriff und die Freiheitserfahrung sind eben soziale Realitäten, genauso wie schlechtes Gewissen und Moral.

Mitleid und schlechtes Gewissen sind ja auch von neuronalen Aktivitäten abhängig. Zu welchem Grad sind diese Leistungen angeboren oder erworben?

Beide Faktoren sind wahrscheinlich enorm wichtig und gleichwertig. Die präzise Unterscheidung ist aber schwierig. Den Grundbauplan müssen wir über die Gene bekommen haben, er wird aber in der Entwicklung, die bis zum 20. Lebensjahr reicht, massiv verändert. Dabei werden Myriaden von Verbindungen neu gebildet und der Großteil wieder eingeschmolzen. Welche erhalten bleiben, entscheiden Erfahrung und Erziehung.

Soziales Verhalten funktioniert nicht immer, und manche Leute landen deswegen im Gefängnis. Hatten diejenigen Pech, genetisch oder sozial die falschen Verbindungen abbekommen zu haben?

Ich würde sagen, diese Menschen hatten doppelt Pech. Es kann schon die genetische Ausstattung zu regelwidrigem oder "sehr autonomem" Verhalten disponieren, natürlich spielt die Sozialisierung eine große Rolle. Jemand auf der ganz linken Seite der Normalverteilung, der dauernd Gesetze übertritt, hat Pech gehabt. Genauso hatte Mutter Teresa Glück, dass sie - soweit ich das einschätzen würde - ganz am anderen Ende der Normalverteilung gelandet ist.

Hat das Auswirkungen auf die Rechtsprechung?

Nein, aber die Diskussion hat dazu geführt, dass die Juristen Schuld klarer und subjektiver auffassen. Früher war mehr von moralischer Schuld die Rede, jetzt heißt "schuldig" für die meisten etwas nüchterner, dass jemand eine Handlung getätigt hat, die eine Normenverletzung war.

Schwierig ist für mich die Situation, wenn man eine Tat als Folge einer gestörten Gehirnfunktion ansieht, denn dabei muss man eine Grenze definieren, ab wann eine Störung vorliegt. Bei einem Tumor kann die Lage eindeutig sein, wenn aber eine Fehlverschaltung vorliegt, gibt es im Gehirn vielleicht dasselbe Problem, aber man kann es nicht diagnostizieren, weil es dazu noch keine Instrumente gibt. Dadurch wird das Strafmaß von den diagnostischen Möglichkeiten der Mediziner abhängig, was eigentlich nicht sein darf.

Sie erklärten einmal, in der frühkindlichen Entwicklung charakterformende Eigenschaften erworben werden, die in "Wahrheiten und unumstößlichen Überzeugungen enden und keiner Relativierung unterworfen werden können". Werden also Vorurteile und asoziales Verhalten quasi ins Gehirn eingebrannt und man ist gegen Rassismus, Sexismus und Co. chancenlos?

Natürlich kann man das Gehirn umprogrammieren, dazulernen und Vorurteile abbauen. Aber wenn frühe soziokulturelle Prägungen als Vorwissen im Gehirn liegen, ohne dass man sich dessen bewusst ist, kann man das nur sehr schwer beeinflussen. Dieses Wissen bedingt aber, wie man die Welt wahrnimmt.

Bei angeborenem Vorwissen ist das harmlos, weil wir alle die gleiche Evolution durchlaufen haben, aber kulturell geprägtes Vorwissen ist sehr unterschiedlich. Was der Eine als höflich und freundlich empfindet, kann für den Anderen aggressiv oder arrogant erscheinen. Für beide ist dies aber die subjektive Wahrheit und man kann sie nicht durch physikalische Messungen oder Ähnliches objektivieren.

Kann man einige der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse pädagogisch umsetzen?

Für die Pädagogik ist es wichtig, über die Entwicklungsphasen Bescheid zu wissen, weil kritische Phasen durchlaufen werden, wo bestimmte Dinge gelernt werden müssen, die sonst nicht mehr nachholbar sind. Kindern und Jugendlichen sollte man auch klar machen, dass das, was man wahrnimmt, nicht notwendigerweise das ist, was draußen wirklich los ist.

Ein drittes Lernziel wäre für mich, dass sie das Konzept begreifen, wie sich ein komplexes, nicht lineares System verhält, zum Beispiel ihr eigenes Gehirn. Denn sie haben auch später mit solchen Systemen zu tun, die sich nicht wirklich lenken und voraussagen lassen, wie Finanz-, Wirtschafts- und Ökosysteme. Es erfordert eine bestimmte Geisteshaltung, mit dieser Tatsache umzugehen, die ich mit Demut oder Bescheidenheit umschreiben würde. Ich glaube, das täte uns allen gut. Vor allem den Machern, die meinen, sie könnten die Welt richten.

Interview: Jochen Stadler,APA

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