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Aleida Assmann

Längere Perspektiven gegen die Angst

Kriegsflüchtlinge, Finanzkrise, Terrorismus etc.: Die Angst geht um. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber, warnt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Angst ziehe alles auf einen Gegenwartspunkt zusammen und verunmögliche so rationales Handeln. Assmanns Gegenmittel: historisch längere Perspektiven.

Kulturwissenschaft 07.03.2016

Ein Gespräch über Wesen und Aufgabe der Kulturwissenschaften in Zeiten neuer Nationalismen.

Aleida Assmann ist emeritierte Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz und derzeit City of Vienna/IFK_Fellow am IFK Kunstuniversität Linz in Wien.

Veranstaltungshinweis

Am 7. 3. hält Aleida Assmann einen Vortrag mit dem Titel "Die Grenzenlosigkeit der Kulturwissenschaften".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kunstuniversität Linz Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 7.3., 13:55 Uhr.

science.ORF.at. Die Robert-Lembke-Frage zu Beginn: Wie sieht die typische Handbewegung einer Kulturwissenschaftlerin aus?

Aleida Assmann: Ich spreize die Finger und ziehe sie wieder zusammen, mache also eine Schere. Die brauche ich, um Texte aus Zeitungen auszuschneiden. Und zwar nicht nur weil sie aktuell sind, sondern auch weil sie Versatzstücke für meine eigenen Texte sind. Journalisten sind großartige Kommentatoren des Aktuellen, aber sie haben meistens keine Zeit darüber nachzudenken. In ihren Texten stecken viele Funken drin, die erst zu einem Feuer entfacht werden müssen. Das versuche ich zu tun. Für mich sind Zeitungsstapel fast wichtiger als Bibliotheken.

Auch wichtiger als das Internet?

Ohne Internet geht es natürlich nicht mehr, aber ich habe ein affektives Verhältnis zu Zeitungen, Im Internet finde ich Sachen erst, wenn ich sie suche. In der Zeitung werde ich darauf gestoßen, der Zufall ist ein großer Faktor. Ich kann meine Aufmerksamkeit da breiter ausrichten. Der nächste Schritt für meine Arbeit als Kulturwissenschaftlerin ist sehr anstrengend: die vielen Ausschnitte nach Themen sortieren, überlegen, worüber man schreiben will etc. Gelehrte wie Hans Blumenberg oder Niklas Luhmann waren früher für ihre Zettelkästen berühmt. Für mich ist das ähnlich: Die Zeitungsschnipsel enthalten Kernsätze, die ich gerne zu Ehren kommen lasse.

Die Robert-Lembke-Geste: So schnipselt Aleida Assmann

ORF, Lukas Wieselberg

Die Robert-Lembke-Geste: So schnipselt Aleida Assmann

Die Naturwissenschaften haben Experimente, Werkzeuge und Apparate, mit denen sie zu ihren Ergebnissen kommen und die Welt erklären. Wie machen das die Kulturwissenschaften?

Die Rolle der Naturwissenschaften bezweifelt niemand. Sie tragen zur Sicherung unserer Lebensgrundlagen bei: in der Medizin, für Umwelt, Naturschutz etc. Die Kulturwissenschaften leisten etwas, das die Naturwissenschaften nicht können und sind insofern komplementär: Sie vermitteln uns ein Bild von dem, was unsere Lebenswirklichkeit ist. Wir können nicht einfach dadurch, dass wir leben, schon wissen, wer wir sind und was wir sind. Das müssen wir uns erzählen, dafür brauchen wir Repräsentationen und Bilder. Wir agieren in einer Zeichenwelt, Zeichen sind der Inbegriff von Kultur: Mit ihrer Hilfe verständigen sich die Menschen, in der Gegenwart und über Epochen hinweg.

Was ist die Methode der Kulturwissenschaft, das Pendant zum naturwissenschaftlichen Zählen und Messen?

Das Deuten. Menschen sind Wesen, die sich ihre Welt auch ohne Experimente erklären können – wobei das auch ineinander übergehen kann. Die ersten Spurenleser in den Jäger- und Sammlerkulturen etwa haben sehr experimentell gearbeitet. Sie haben ihre Zeichen und Spuren in wiederholbare Rhythmen gedacht. D. h. Erfahrungen waren eine entscheidende Grundlage, damit sie sich in der Welt orientieren. Dazu kam aber auch noch ihre Imagination, die mythische Welt, die sie hinzufügten, um sich in einer Welt, in der man Spuren liest, einzurichten: Man kommuniziert mit Wesen, die man nicht sehen kann; man weiß, dass es mehr gibt als das, was in der Spur festgehalten ist.

Man lebt immer in einem holistischen Raum von Deutung und Bedeutung. Die Kulturwissenschaften brauchte man bis vor Kurzem nicht, weil dieser Raum Aufgabe war von Religion und Philosophie. Da er diesen beiden Disziplinen aber entlaufen ist und mittlerweile überall mitbearbeitet wird, sind wir uns heute bewusst, dass die Lebenswelt von uns selbst konstruiert wird. Das gibt dieser Lebenswelt einen prekären Status, denn sie könnte ja auch anders sein. Dennoch müssen wir versuchen, in dieser Welt heimisch zu werden – obwohl wir wissen, dass wir sie gemacht haben.

Ist das ein Resultat einer alles umfassenden Dekonstruktion?

Wir haben zu allem ein reflexives Metaverhältnis gewonnen, das ist ein Zeichen von Dekonstruktion, ja - und von einer Verunsicherung. Aber wir sind schon einen Schritt weiter. Denn wir wissen: Wenn wir nur dekonstruieren, bleibt nichts übrig. Wir brauchen die Konstruktion. Aber wir können heute untersuchen, ob diese Konstruktionen gefährlich sind, und sie nutzbar und verträglich machen.

In den Kultur- und Geisteswissenschaften hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine erstaunliche Anzahl von sogenannten "turns" gegeben, also von neuen Forschungsansätzen. Waren diese "turns" Ausdruck der Dekonstruktionsphase?

Nein, die turns hatten eher die Aufgabe, innerhalb der unterschiedlichen Disziplinen blinde Flecken zu beseitigen. Ein turn heißt: eine Weiche umstellen und in eine andere Richtung fahren. Für die Kunstwissenschaften etwa war der visual turn keine Offenbarung: Sie hatten immer schon mit Bildern oder Filmen zu tun. Aber es ging darum, sie in die Textwissenschaften hineinzutragen. Historiker wussten genau, wie man mit schriftlichen Quellen umgeht, aber Bilder haben sie lange ganz primitiv zur Illustration verwendet. Es bedurfte eines Umdenkens, eines neuen Bewusstseins für Bilder als Quellen. Das hat sich ausgebreitet, auch in die Literaturwissenschaften, die sich mit Sprachbildern beschäftigt haben etc.

Aleida Assmann mit geschlossener Schere

ORF, Lukas Wieselberg

Aleida Assmann mit geschlossener Schere

Wie viele dieser Wenden gibt es eigentlich – haben Sie das einmal nachgezählt?

Die Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick hat in einem Buch sieben solcher turns ausgewählt und beschrieben: interpretive, performative, reflexive, postcolonial, translational, spatial und iconic. Da ist der linguistic turn, der dem Ganzen vorausgeht, noch gar nicht dabei. Generell würde ich sagen: Das ist nicht abzählbar. Das ist so, als wenn Sie mich fragen würden, wie viele Emotionen es gibt.

Geht es bei den Wenden tatsächlich immer um Fortschritt der Erkenntnis oder nicht auch um so schnöde Dinge wie: mehr Aufmerksamkeit, neue Felder mit besserer Möglichkeit der Finanzierung …?

Die turns haben stark den Charakter einer Weichenstellung auch in der Wissenschaftspolitik, das macht sie auch ein bisschen suspekt, da haben Sie Recht. Interessanterweise sind es meistens nicht die Leute aus dem Feld, die diese turns forcieren. Der visual turn ist z. B. von einem Literaturwissenschaftler erfunden worden. Die entsprechenden Texte rutschen in der Aufmerksamkeitshierarchie schnell ganz nach oben und alle denken: "Oh, das dürfen wir nicht verpassen!" Dann versuchen alle auf den Zug aufzuspringen, weil sie wissen, dass sie sich dadurch Drittmittel sichern können. Diese Hektik führt zu einer Kurzlebigkeit der turns, die sich schnell erschöpfen. Dann stellt sich die Frage: Wohin geht der nächste turn? Das ist natürlich absurd. Denn so wichtig es ist, Türen aufzustoßen, die wir bisher übersehen haben, so unsinnig ist es, dass dann alle in eine Richtung rasen.

Drückt das nicht auch eine gewisse Beliebigkeit aus, die man den Kulturwissenschaften öfter vorwirft? Oder anders gefragt: Wie geht es weiter mit den turns?

Als Forschungsstrategie sind sie gut durchleuchtet, man wird neue turns in Zukunft nicht mehr mit so viel Enthusiasmus verkünden können. Zumal es zwei verschiedene gibt: Nicht nur innerhalb der Forschung werden neue Perspektiven entwickelt, die sich dann turn nennen, sondern die Kulturwissenschaften werden auch von gesellschaftlichen Entwicklungen angetrieben, die nicht aus den Unis stammen. Etwa der animal turn: die Zuwendung zu den Tieren als Wesen, die auch mit Würde und Rechten behaftet sind, als fellow creatures, mit denen wir zusammenleben. Das ist nicht von Fachdisziplinen deklariert worden, sondern war ein Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. Ebenso wie der gender turn.

Das sind beides Beispiele von Forschungsfeldern, die auch eminent politisch und somit umstritten sind: Gehört ein bestimmter Hang zur Intervention zum Inventar der Kulturwissenschaften?

Ich würe sagen, ja. Und damit hängt zusammen, dass in den Kulturwissenschaften der Betrachter immer selbst im Bild ist- im Gegensatz zu anderen Disziplinen. Wir müssen uns über die eigene Befindlichkeit an dem Punkt, an dem wir stecken, Rechenschaft ablegen. Die Kultur ändert sich ständig, wir sind Teil einer extremen Dynamik, die im Moment nicht nur unübersichtlich ist, sondern chaotische Züge hat.

Chaotisch?

Viele Grundbegriffe haben keine Geltung mehr, Begriffe wie Subjekt, Nation, Vergangenheit und Zukunft, Krieg – sie alle haben sich dramatisch geändert. Wir sind nicht mehr ausgerüstet mit Konzepten für diese "verrückte Welt". Wir wissen nicht, wie sie in zehn Jahren aussehen wird, während wir früher in langen geschichtsphilosophischen Perspektiven gedacht haben. Wir gingen von einem relativ stabilen Zustand der Welt aus und hatten sehr utopische Projektionen. Das alles ist seit den 80er Jahren zusammengebrochen. In dieser Situation haben die Kulturwissenschaften die Aufgabe, sich über diese Veränderungen klar zu werden und Vorschläge zu machen, wie man durch diese extrem stürmische Phase durchsteuern kann.

Nämlich wie?

Indem sie nicht auf kurzfristige Konzepte setzen, sondern auch Erinnerung und Geschichte ins Spiel bringen. Das ist wichtig, damit wir das, was wir heute erleben, in längerer Perspektive sehen und nicht verengt in der Perspektive der Angst. Denn die Angst ist eine Form, in der wir alles auf den Gegenwartspunkt zusammenziehen, und da kann man nicht mehr rational entscheiden. Das sehen wir aktuell bei den rechten und populistischen Bewegungen: Sie sind auf den Gegenwartspunkt der Angst ausgerichtet. Dagegen müssen wir unser Gedächtnis und unseren Horizont wieder erweitern, um weiter rational manövrieren zu können. Dazu beizutragen ist eine ganz wichtige Aufgabe der Kulturwissenschaften.

Ist das generell ein Bestandteil Ihrer Zunft?

Ganz genau. Das ist der Grundbegriff des Konzepts des Geistes: Der Geist bildet. Indem wir uns ein Bild machen, bilden wir etwas um. Wir schaffen schon Perspektiven, die man vorher nicht hatte. Man kann und muss sich auch in geistigen Zusammenhängen einrichten, sie sind eine wichtige Form die Gegenwart zu erleben. Denn wir leben ja nicht im Jetzt, sondern in dem, was wir aus der Vergangenheit mitgenommen haben und was wir in die Zukunft entwerfen. Und ohne diese Ausdehnung unseres Zeithorizonts sind wir in der Gegenwart wirklich verloren.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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