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Fischer in Mexiko

Fischer: Rivalen und Freunde zugleich

Den größten Fang aus dem Wasser zu ziehen und trotzdem mit allen befreundet zu sein, ist für Fischer in Meeresschutzgebieten wichtiger als für Menschen anderswo. Laut einer neuen Studie fördert das Einrichten von Meeresreservaten soziales und asoziales Verhalten gleichzeitig.

Schutzgebiete 04.03.2016

"Ich fische nie für mich alleine, sondern versuche immer, die anderen dabei zu schlagen", zitieren Esther Blanco und Björn Vollan vom Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck in der Studie einen Fischer aus einem kleinen Dorf am Golf von Kalifornien, der seine Netze täglich in einem Meeresschutzgebiet auswirft.

Die "Science Advances":

"Integrating simultaneous prosocial and antisocial behavior into theories of collective action" von X. Basurto et al., erschienen am 4. März 2016.

"Wenn alle Boote zurück zum Strand kommen, schauen wir genau, wer am meisten Fische gefangen hat, und es ist immer spannend zu sehen, wer an diesem Tag gewonnen hat", erklärt er. Die freundschaftliche Rivalität sei also ein Teil des täglichen Lebens in diesen Fischerdörfern.

Destruktiver Wettbewerb

Die Meeresregionen im Nordwesten Mexikos sind bekannt für ihre große Artenvielfalt, deshalb wurden dort vor 15 Jahren mehrere Schutzgebiete eingerichtet. Dies hat laut den Forschern das Leben der lokalen Bevölkerung verändert.

"Im Allgemeinen müssen Fischer innerhalb der Meeresschutzgebiete mit mehr Regulationen auskommen", so Blanco. Als diese eingerichtet wurden, kam die Bevölkerung aber auch in den Genuss von Informationsveranstaltungen und Trainings zur gegenseitigen Vertrauensbildung. Das hat die Kooperation untereinander möglicherweise gefördert, die Fischer zeigen ein starkes Gruppengefühl als Verbündete gegen den Einfluss der Regierung. Außerdem gebe es Vorschriften, dass sich die Fischer in Genossenschaften organisieren, um Fanggenehmigungen in den Schutzgebieten zu erhalten.

Der Wettbewerb habe aber teilweise destruktive Formen angenommen, so die Ergebnisse von zwei ökonomischen Spielen, die die Forscher mit den Menschen von je zwei Dörfern in und außerhalb von Schutzgebieten durchgeführt haben, sowie Befragungen von Fischern, Fischerei-Chefs, Vertretern der Regierung und von Nichtregierungsorganisationen. Den Fischern in Schutzgebieten seien Unterschiede in der Ausbeute eher wichtig als jenen in anderen Regionen. "Im Grunde geht es manchen nicht so sehr darum, wie viel sie gefangen haben, solange es nur mehr ist als bei den Leuten ihrer Umgebung", so Blanco.

"Hyperkompetitiver Kooperator"

"Wir glauben, dass in den Schutzgebieten soziale Vergleiche wichtiger werden, weil es neue Arbeitsmöglichkeiten gibt, etwa als Öko-Touristenführer oder das Geschäft mit Freizeitfischern, und die Unterschiede im Einkommen steigen", erklärte sie. Dies könne sogar dazu führen, dass Fischer die Ausrüstung ihrer Kollegen beschädigen oder für Regulationen eintreten, die ihnen zwar selber schaden, aber den Konkurrenten noch mehr Nachteile bringen.

Dabei ist es nicht so, dass verschiedene Leute entweder pro- oder antisozialer werden, berichten die Forscher. Die beiden Eigenschaften können durchaus in einer Person vereinigt werden, die sie als "hyperkompetitiven Kooperator" bezeichnen. Außerdem ändert sich die Einstellung der Nicht-Fischer fast genau so stark wie jene der Fischer, denn offensichtlich sind sie gleichermaßen von den Veränderungen in den Naturschutzgebieten betroffen.

"Diese Entwicklung ist nicht grundsätzlich schlecht, solange beide Verhaltensmuster in der Balance bleiben", meint Blanco. Diese intensivierte Handlungs- und Denkweisen seien für eine gemeinschaftliche Arbeit zum Schutz der Meeresressourcen durchaus förderlich, so die Finanzwissenschaftlerin.

science.ORF.at/APA

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