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Vorlesungsmitschrift des Wittgenstein-Schülers Yorick Smythies

Neues von Wittgenstein

Ludwig Wittgenstein hat in den 1930er und 1940er Jahren an der Universität Cambridge in Großbritannien gelehrt. Schüler des Philosophen schrieben dabei eifrig mit: Bisher unveröffentlichte Mitschriften von Vorlesungen wurden nun aufgearbeitet und sollen noch heuer in Buchform erscheinen.

Philosophie 07.03.2016

Yorick Smythies (1917-1980), ein Schüler und enger Freund Wittgensteins, hat die Vorlesungen mitgeschrieben und dokumentiert, die Wittgenstein zwischen 1938 und 1941 im Whewell's Court hielt, einem Gebäude des berühmten Trinity College in Cambridge.

Volker Munz vom Institut für Philosophie der Uni Klagenfurt gelangte aufgrund persönlicher Kontakte in den späten 1980er Jahren in den Besitz von mehr als 2.000 Typoskripten Smythies', berichtet der Wissenschaftsfonds FWF am Montag in einer Aussendung.

Sehr unterschiedliches Material

Die unter dem Titel "Whewell's Court Lectures" zusammengefassten, bisher unveröffentlichten Dokumente lagen in unterschiedlichen Stadien der Ausarbeitung und auf verschiedenen Medien vor: als Mitschriften, die in Smythies' eigener Kurzschrift verfasst wurden, manchmal kaum lesbar sind und die unmittelbar in den Vorlesungen entstanden, als Reinschriften, die Smythies auf der Basis seiner Mitschriften und manchmal gestützt auf Mitschriften anderer verfasste, in Form von Tonbändern, auf die Smythies die Vorlesungen sprach, sowie als getippte Fassungen.

Mit Förderung des FWF hat Munz den englischen Text der verschiedenen Vorlesungsgruppen mit seinem Mitarbeiter Bernhard Ritter redigiert, mit Einleitungen und Verweisen auf Wittgensteins publizierte Schriften versehen und zeitlich eingeordnet. "Die Datierung war eine der größten Herausforderungen, da in den meisten Fällen jeder direkte Hinweis fehlte", erklärte Munz in der Aussendung.

Vorlesungsmitschrift des Wittgenstein-Schülers Yorick Smythies

Volker Munz

Vorlesungsmitschrift des Wittgenstein-Schülers Smythies zum Thema "Belief"

Wissen, Glauben, Willensfreiheit

Die Wissenschaftler konnten dennoch jede einzelne Mitschrift mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Jahr und Trimester genau einordnen. Hinweise dafür lieferten u.a. Wittgensteins Briefwechsel, der eine grobe Rekonstruktion von Smythies' Anwesenheit in Cambridge erlaubte, die Namen von Studenten, die in den Mitschriften vorkommen, einzelne publizierte bruchstückhafte Inhaltsangaben von Vorlesungen sowie Wittgensteins Nachlass.

"Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es aus dieser Zeit außer den Vorlesungen über Ästhetik und über die Grundlagen der Mathematik keine Mitschriften gibt. Daher werfen die Vorlesungsaufzeichnungen auch einen neuen Blick auf die Themen, mit denen sich Wittgenstein in dieser Zeit beschäftigte", erklärte Munz. Im Gegensatz zu Wittgenstein hat Smythies allen Vorlesungen Titel gegeben. Dabei geht es um Themen wie Wissen, Glauben, Ähnlichkeit und Willensfreiheit.

Deutlicher als in den veröffentlichten Werken

Die Mitschriften enthalten auch Diskussionen über Autoren, zu denen sich in Wittgensteins Werk sonst wenig findet. So spricht der Philosoph u.a. über Bertrand Russell, George E. Moore und William James, über Kurt Gödels Theoreme, über William Ernest Johnson und die Frage, ob es unendlich viele Farbtöne gebe, sowie über David Humes Begriff des "belief". Die Vorlesungen unterstreichen laut Munz auch die Bedeutung von Bildern und Metaphern in Wittgensteins Denken.

"Viele Beispiele und Themen, die in diesen Mitschriften auftauchen, wurden in den veröffentlichten Werken Wittgensteins viel kryptischer diskutiert (Anm. zu seinen Lebzeiten war das von den heute bekannten Werken nur die "Logisch-philosophische Abhandlung"). Aufgrund des vorliegenden Materials erschließen sich neue Zusammenhänge und Gedankengänge werden stringenter", erklärte Munz.

Das Ergebnis der Aufarbeitung soll noch in diesem Jahr unter dem Titel "The Whewell's Court Lectures, Cambridge 1938 - 1941" im Verlag Wiley-Blackwell erscheinen. Munz will sich weiterhin mit Smythies beschäftigen, der selbst eine eigene Philosophie geschrieben habe, die bisher völlig unbekannt und auch untypisch für die Wittgenstein-Tradition sei. Zusätzlich gibt es Gedichtbände und zahlreiche Notizbüchern des Wittgenstein-Schülers.

science.ORF.at/APA

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