Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Grammatik des Gezwitschers"

Kohlmeise Parus minor

Die Grammatik des Gezwitschers

Was passiert, wenn Meisen Vogelrufe hören, die es in der Natur gar nicht gibt? Ein Experiment zeigt: Die Singvögel verstehen auch Kombinationen von Rufen - aber nur, sofern sie keine Grammatikfehler enthalten.

Vogelgesang 09.03.2016

Strukturell betrachtet ist unsere Sprache ein riesiger Baukasten: Wir sind fähig, Töne zu Wörtern zusammenzusetzen. Und wir können die Wörter wiederum zu einer fast unendlichen Zahl von neuen Bedeutungen kombinieren. Ersteres beherrschen auch Tiere.

Aber ob sie auch letzteres können, war bis vor Kurzem unklar. Forscher um den Schweizer Biologen Michael Griesser haben nun die japanische Kohlmeise um eine entsprechende Antwort gebeten - mit Erfolg, wie ihre Studie im Fachblatt "Nature Communications" zeigt.

Die Studie

"Experimental evidence for compositional syntax in bird calls", Nature Communications (8.3.2016).

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Wissen aktuell am 9.3. um 13:55.

Dass Grieser und seine Kollegen gerade die Kohlmeise für ihre Versuche ausgewählt haben, ist kein Zufall. Denn die Singvögel sind überaus versiert, wenn es um den sprachlichen Ausdruck geht: Sie zwitschern zi-tä zi-tä, um ihr Revier akustisch zu markieren, rufen schää, um ihre Partner anzulocken, und si – wüwüwü, um die Familie zusammenzuhalten.

Warnen, Locken - oder beides

Der Warnruf vor Feinden (si-chut-ti) hat laut Forschern die Form ABC - er besteht aus drei Vokabeln, mit denen sie die Feinde benennen: Ist ein Marder in der Nähe des Nestes, rufen die Kohlmeisen öfter AC, vor Krähen warnen sie indes mit A oder BC.

Lockrufe (schää) sind einfacher gestrickt, sie haben die Form D. Manchmal kombinieren die Kohlmeisen diese Rufe auch zu ABC-D, wie die Forscher herausgefunden haben. "Das bedeutet dann so viel wie: Achtung ein Feind - komm her!", erklärt Griesser im Gespräch mit science.ORF.at.

Audio: ABC, D und ABC-D im Vergleich

Dass es sich so verhält, bestätigt auch ein Experiment: Hörten die Vögel das ABC-D in einem Lautsprecher, zeigten sie beide passenden Reaktionen: Sie untersuchten den Horizont nach nahenden Feinden - und flogen dann zum warnenden/lockenden "Artgenossen", der sich dann als Lautsprecherbox entpuppte. Auf die Kombination D-ABC reagierten sie hingegen kaum.

Schluss der Forscher: Singvögel sind fähig, neue Bedeutungen durch Kombination von Vokabeln zu verstehen. Die Kombinatorik ist jedoch nicht beliebig. Offenbar gibt es im Gezwitscher eine Regel, die die richtige Reihenfolge festlegt. ABC-D ist in der Sprache der Kohlmeisen wohlgeformt, D-ABC hingegen ein Grammatikfehler.

Audio: ABC-D und D-ABC im Vergleich

Die Kohlemeisen sind im Übrigen nicht die einzigen Singvögel, die mit Bedeutungen zu spielen imstande sind. Griesser hat beim Unglückshäher, eine Art aus der Familie der Rabenvögel, ähnliche Untersuchungen durchgeführt. Dieser dürfte ebenso sprachbegabt sein wie die Kohlmeise.

Der Schweizer Biologe glaubt, dass die Vogelrufe auch etwas über die "Ursuppe" der menschlichen Sprache erzählen könnten. Möglicherweise begann es auch bei unseren Vorfahren so ähnlich: Am Beginn beschränkten sie sich aufs Warnen und Locken, bis jemand auf die Idee kam, die Vokabel frei zu kombinieren.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: