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Kiefernbäume vor der ehemaligen Atomanlage Tschernobyl

Mehr Schilddrüsenkrebs wegen Tschernobyl?

Am 26. April 1986 haben zwei Explosionen im Atomreaktor Tschernobyl radioaktives Material in die Atmosphäre geschleudert. Die Wolke erreichte in den Tagen danach Österreich. Daraus hierzulande auf Krebserkrankungen zu schließen bleibt schwierig - auch wenn Umweltschutzorganisationen gerne das Gegenteil behaupten.

30 Jahre danach 07.03.2016

Es ist vor allem das radioaktive Jod-131, auf das die Umweltschutzorganisation Global 2000 heute aufmerksam machte. In ihrem und dem Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft aktualisierte der britische Strahlenbiologe Ian Fairlie einen Bericht mit dem Titel "The Other Report on Chernobyl", den er schon 2006 vorgelegt hatte.

Er schildert darin nicht nur die Auswirkungen der Katastrophe auf die meist verstrahlten Gebiete in Weißrussland und der Ukraine, sondern auch für den Rest von Europa, über den die radioaktive Wolke gezogen ist.

Österreich relativ stark betroffen

Österreich gehörte 1986 in Mitteleuropa zu den besonders stark betroffenen Gebieten. Die Wolke zog von Nordosten kommend Richtung Westen über das Land hinweg, entsprechend war die Belastung der Luft durch radioaktive Spaltprodukte im Osten am höchsten.

Die Böden wurden überall dort stark belastet, wo es zwischen 29. April und 1. Mai 1986 geregnet hatte. Die Belastung der Luft durch Jod-131 und Cäsium-137 wurde schon im November 1986 vom Umweltbundesamt in einem ausführlichen Bericht dokumentiert und nun auch im Bericht von Global 2000 und Wiener Umweltanwaltschaft dargestellt.

Mehr Schilddrüsenkrebs

Inhaltlich schwieriger wird es, wenn es um Auswirkungen auf die Gesundheit geht. Denn zu Recht weist Autor Fairlie darauf hin, dass in Österreich vier Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl die Zahl an Schilddrüsenkrebsfällen zu steigen beginnt. Ein Auslöser davon kann radioaktives Jod sein, das sich in der Schilddrüse ablagert. Vier Jahre gelten als typische Latenzzeit von Schilddrüsenkrebs.

Ein Blick in die österreichische Krebsstatistik zeigt: Tatsächlich steigen die Fallzahlen seit 1990 - mit einzelnen Ausnahmejahren - an. Allerdings: Welchen Anteil Tschernobyl am Anstieg hat, ist noch immer unklar. Denn die Menschen werden immer älter, Krebserkrankungen werden immer genauer diagnostiziert, auch das kann die Zahlen steigen lassen.

Kaum nachvollziehbare Todesfälle

Global 2000 jedenfalls sieht einen Zusammenhang zu Tschernobyl, acht bis 40 Prozent des Anstiegs könnten vom Unglück stammen heißt es im Bericht. Science.ORF.at rechnete nach und kommt - je nach Prozentsatz - auf eine bis in einem Spitzenjahr 50 Neuerkrankungen pro Jahr.

Alle Jahre seit dem Unglücksjahr 1986 zusammengerechnet würden dann zwischen 46 und rund 300 Fälle von Schilddrüsenkrebs in Österreich auf das Konto von Tschernobyl gehen. Fairlie kann nichts zu regionalen Unterschieden sagen, auch nicht, ob die Krebszahlen im stark belasteten Nordosten höher sind als im gering belasteten Westen. Das wäre eine wichtige Information, um den Zusammenhang Jod-131 und Schilddrüsenkrebs überprüfen zu können.

Die 40.000 Krebstoten in ganz Westeuropa und 1.000 bis 2.000 Fälle in Österreich sind somit kaum nachvollziehbar - auch wenn sie viele Medien derzeit zur Schlagzeile machen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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